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Bleiben wir gesund

Wir alle sind jetzt daheim und kommunizieren mit anderen per Mail, SMS,im Chat. Was uns verbindet, ist die virtuell-zärtliche Formel: «Bleib gesund.»

Gute Wünsche: Ein wegen Corona-Krise geschlossenes Kino in Stuttgart. Foto: Marijan Murat (DPA)
Gute Wünsche: Ein wegen Corona-Krise geschlossenes Kino in Stuttgart. Foto: Marijan Murat (DPA)

Der erste Appell an uns alle war: Bleiben Sie, wenn möglich, daheim. Mit diesen Worten richtete sich der Bundesrat diese Woche abermals an die Schweizer Bevölkerung. Auch Ärztinnen und Pfleger forderten uns dazu auf, weil sie als Erste betroffen sind, wenn wir die Anweisung missachten. In den sozialen Medien kursiert seit Tagen das Hashtag #staythefuckhome – bleibt verdammt nochmals daheim. Bei allen Absendern ist der Ton eindringlich, mahnend. Ein Befehl von Autoritäten.

Der zweite Appell an uns ist, jetzt, da wir zu Hause bleiben, unser Homeoffice eingerichtet und die Kinder aus der Schule geholt haben: Bleibt gesund. Mit diesen Worten schliessen die E-Mails unserer Vorgesetzten, hören die Hinweise auf abgesagte Einladungen auf, enden Nachrichten und Whatsapp-Mitteilungen von Kollegen, Freundinnen, Familienmitgliedern. Der Ton ist betroffen, fürsorglich. Ein hoffnungsvoller Wunsch von Mensch zu Mensch, von mir zu dir: Bitte bleiben wir gesund.

Jede Familie, jedes Paar, jeder Single zieht sich in den privaten kleinen Raum zurück.

Diese zärtliche Geste greift, gleich einer virtuellen Hand, über jede professionelle und räumliche Distanz hinweg. Plötzlich wird die Zahnärztin, die wir einmal im Jahr sehen und kaum kennen, zu einem sich sorgenden Mitmenschen, wenn sie verspricht, einen neuen Termin vorzuschlagen, irgendwann nach dem 19. April. Bis dahin, dem vorläufigen Ende unseres Ausnahmezustands: «Bleiben Sie gesund.»

Und es ist ja wirklich so, dass wir uns gerade alle voneinander verabschieden. Jede Familie, jedes Paar, jeder Single zieht sich in den privaten kleinen Raum zurück. Was wir miteinander geteilt haben, müssen wir aufgeben. Wir haben eine vage Vorstellung davon, was das für die kommenden Wochen bedeutet. Wir wissen nur, dass wir auf vieles verzichten werden und gefasst sein sollten. Darum, und solcher Kitsch könnte derzeit ein wichtiger sozialer Kitt sein, so klebrig, wie er ist: Darum empfangen wir diese virtuelle Geste mit Rührung und Demut.

Mit diesem Zuruf am Ende jeder Mail, jeder Nachricht gemahnen wir uns: Halten wir durch!

Es gibt ihn nämlich noch, den normalen Zustand, das begreifen wir in diesem Moment. Es ist nicht lange her, dass wir ihn hatten. Im Wörtchen «bleiben» klingt er an. Zugleich nimmt «bleiben» auch vorweg, dass die Normalität wiederkommen wird: Bleiben wir gesund, bis wir es geschafft haben.

Wann das sein wird, ist unwichtig. Wichtig ist, dass es so sein wird. Wenn der normale Zustand zurückgekehrt ist, dereinst, werden wir uns alle genug lange beherrscht haben. Mit diesem Zuruf am Ende jeder Mail, jeder Nachricht gemahnen wir uns: Halten wir durch! Retten wir uns hinüber in die neue Zeit, in der wir vor einer flächendeckenden Ansteckung verschont bleiben und andere davor bewahren können.

Sogar einen Hashtag gibt es schon: #stayhealthy. Foto: Andrea Zahler
Sogar einen Hashtag gibt es schon: #stayhealthy. Foto: Andrea Zahler

In der Zwischenzeit hegen wir demütig die Hoffnung, gesund zu bleiben. Weil wir einsehen, wie verwundbar wir Menschen sind. Auch du, auch ich. Wir waren es schon immer. Aber wie sehr, das verstehen viele Jüngere erst jetzt. Bisher haben wir uns als Subjekt begriffen, das einen Kopf hat und damit seinen Körper steuert. Er machte, was wir wollten. Nun blicken wir auf uns als mögliche Träger eines Virus, das ohne unser Zutun auf andere Menschen überspringt. Wir sind unser eigenes Unheil geworden.

Halten wir also inne. Bleiben wir daheim. Und bleiben wir gesund.

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