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Chirurg knöpfte Frauen Hunderttausende Franken ab

Der einschlägig vorbestrafte 62-Jährige ist laut Obergericht von einer «selten gesehenen Unverbesserlichkeit».

Ein 62-jähriger Chirurg wurde zu einer 40-monatigen Gefängnisstrafe verurteilt: Der Saal des Zürcher Obergerichts.
Ein 62-jähriger Chirurg wurde zu einer 40-monatigen Gefängnisstrafe verurteilt: Der Saal des Zürcher Obergerichts.
Urs Jaudas

Er tat alles, um den Eindruck eines selbstsicheren, weltmännischen und erfolgreichen Chirurgen zu erwecken. Er habe Wert auf seinen Auftritt gelegt, erzählte eines seiner Opfer, eine 53-jährige Frau, der Staatsanwaltschaft. «Seine Haare schön gefärbt, teure Hemden und Markenjeans.» Und natürlich hat ein kinderloser Arzt, der ein paar Jahrzehnte gearbeitet hat, auch Geld auf der Seite.

Schön wärs. Der heute 62-Jährige hatte Betreibungen von mehreren Hunderttausend Franken am Hals. Und das selbstsichere, weltmännische Auftreten war Fassade. Tatsächlich plagten den Mann, laut seinem Verteidiger von persönlichen und beruflichen Schicksalsschlägen betroffen, seit Jahren Depressionen, die einer regelmässigen Erwerbsarbeit anscheinend im Wege standen. Seinen Selbstwert zog er aus der Anerkennung und Zuneigung, die ihm Frauen entgegenbrachten. Der Facharzttitel «Chirurg», den er zu Recht trug, reichte dafür nicht.

Schon einmal im Gefängnis

Diese Anerkennung und Zuneigung, aus Sicht der Frauen Liebe und Vertrauen, führten dazu, dass ihm seine Partnerinnen immer wieder Geld gaben. Sie glaubten an die gemeinsame Zukunft mit dem Mann und wussten nicht, dass sie nicht die einzigen waren, dass er Parallelbeziehungen führte. Von April 2010 bis Mai 2012 knöpfte er sechs Partnerinnen über 440'000 Franken ab. Dafür wurde er von einem Berner Gericht im Oktober 2013 zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt, wovon er 12 Monate absitzen musste.

Vor dem Zürcher Obergericht aber stand der Mann, weil er drei weitere Frauen um gut 180'000 Franken erleichterte. Der einen Frau erzählte er von Geldanlagen mit einer Rendite bis zu zehn Prozent. Sie gab ihm 110'000 Franken. Der anderen Frau log er vor, er könne dank exzellenter Verbindungen zu einem Banker in einen Hedgefonds investieren. Die Frau sah ihr Investment von 58'000 Franken nie wieder.

Die dritte Frau glaubte, sie erwerbe im Tessin Anteile an einem Rebberg samt Rustico und eine Beteiligung an einer Winzer-Genossenschaft. Aber wie die anderen zwei Frauen musste auch sie feststellen, dass der charmante Dr. med. ihre 13'500 Franken «entgegen der Vereinbarung für seine persönlichen Bedürfnisse verwendete» und «zu keinem Zeitpunkt gewillt und fähig war», den Frauen das Geld zurückzuzahlen.

Verteidigung: Es fehlt die Arglist

Das Bezirksgericht Winterthur verurteilte den 62-Jährigen im Januar letzten Jahres wegen gewerbsmässigen Betrugs. Es widerrief die 18-monatige, vom Berner Gericht ausgesprochene bedingte Freiheitsstrafe und bestrafte den Mann mit insgesamt 44 Monaten.

Wie bereits vor dem Bezirksgericht Winterthur beantragte der Verteidiger des Beschuldigten, der während der ganzen Prozesse von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machte, heute Morgen auch vor dem Obergericht einen Freispruch. Der 62-Jährige habe zwar das Geld erhalten. Aber es handle sich nicht um Betrug, denn es fehle die Arglist. Die Erzählungen seien nur einfache Lügen gewesen, welche die Frauen hätten überprüfen können.

Sollte das Gericht seinen Mandanten aber schuldig sprechen, sei er milde zu bestrafen. Vor allem müsse die Strafe zugunsten einer ambulanten Massnahme aufgeschoben werden. Sollte das Gericht gar keine Massnahme verhängen, solle auf den Widerruf der 18 Monate aus dem Berner Verfahren verzichtet werden.

«Raffinierte, perfide Vorgehensweise»

Das Obergericht wies alle Argumente der Verteidigung zurück. Es sprach von einer «raffinierten, perfiden Vorgehensweise». Einer Frau erklärte er seine häufigen Abwesenheiten mit der Arbeit im erworbenen Rebberg. Tatsächlich sass er in der Zeit seine 12-monatige Freiheitsstrafe in Halbgefangenschaft ab.

Unverfroren und mit grosser Hartnäckigkeit habe er Lügen erzählt – jeweils gut abgestimmt auf die jeweilige Frau. Es sei ihm jeweils schnell gelungen, die Frauen emotional an sich binden. Der Mann mit der narzisstisch-dissozialen Persönlichkeitsakzentuierung habe eine grosse kriminelle Energie an den Tag gelegt. Trotzdem reduzierte das Obergericht die erstinstanzliche Strafe von 44 auf 40 Monate. Das Gericht berücksichtigte dabei eine «gewisse Blauäugigkeit» bei den Frauen. So hätten sie dem Mann teilweise noch Geld gegeben, obwohl bereits Zweifel aufgekommen waren.

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