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«Wir haben für jedes Zürcher Hochhaus genaue Einsatzpläne»

Brandhorror in London: Wie steht es um Prime Tower und Hardhäuser? Und wann sollen die Menschen in den Wohnungen bleiben? Dazu Jan Bauke von Schutz und Rettung Zürich.

Feuerhölle in London: Der Grenfell Tower stand innert Kürze in Vollbrand.

Herr Bauke, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Bilder aus London sehen? Dass es eine Tragödie ist! Und ich spüre die Ohnmacht. Zu wissen, dass im Feuer Menschen festsitzen, die man wahrscheinlich nicht mehr retten kann, ist das Schlimmste für uns Feuerwerleute. Hoffentlich erlebe ich das nie.

Die Londoner Feuerwehr spricht von einer unbekannten Zahl Toter. Warum konnten diese Menschen nicht gerettet werden? Das kann ich nicht wissen, doch eine gewisse Menge Rauch überlebt der Mensch einfach nicht. Auf den Bildern aus London ist massive Rauchentwicklung zu sehen. Für den menschlichen Körper reichen ein paar Atemzüge für eine Rauchgasvergiftung. Das Kohlenmonoxid ist pures Gift für den Körper.

Wie konnte der Grenfell Tower in diesem Ausmass Feuer fangen? Auch das ist aus der Distanz schwer zu beurteilen. Gewiss spielt das Alter des Gebäudes eine Rolle, mittlerweile ist man technisch wesentlich weiter. Sicherheitstreppenhäuser gehören in der Schweiz heute zum Standard; ob es im Grenfell Tower eines gab, ist unbekannt.

Fotostrecke – Bilder aus London, die an 9/11 erinnern:

Am 14. Juni 2017 brach im Londoner Grenfell Tower ein Feuer aus: Die Fassade ist völlig schwarz vom Russ. (14. Juni 2017)
Am 14. Juni 2017 brach im Londoner Grenfell Tower ein Feuer aus: Die Fassade ist völlig schwarz vom Russ. (14. Juni 2017)
Will Oliver, AFP
4000 Menschen werden evakuiert: Polizisten gehen zum Burnham Tower, einem der fünf Hochhäuser, die geräumt werden. (24. Juni 2017)
4000 Menschen werden evakuiert: Polizisten gehen zum Burnham Tower, einem der fünf Hochhäuser, die geräumt werden. (24. Juni 2017)
Justin Tallis, AFP
Das Feuer reichte von der zweiten Etage bis ganz nach oben zum Dach. (14. Juni 2017)
Das Feuer reichte von der zweiten Etage bis ganz nach oben zum Dach. (14. Juni 2017)
Giulio Thuburn, AFP
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Das Londoner Hochhaus wurde 1974 erbaut, die Hardau-Türme im Kreis 4 haben ein ähnliches Alter, zwischen 1976 und 1978. Könnte so etwas auch in Zürich passieren? Es ist kaum vorstellbar. Hier wurde ständig nachgerüstet. Die Hardau-Türme verfügen beispielsweise über so ein Sicherheitstreppenhaus. In diesen wird technisch ein Luftüberdruck hergestellt, sodass die Treppenhäuser stets rauchfrei bleiben und als Fluchtwege begehbar sind. Das ist das Ziel in der Schweiz: rauchfreie Treppenhäuser. Das ist das Wichtigste in Anbetracht dessen, dass die meisten Menschen in einem Brandfall eher an einer Rauchvergiftung und nicht etwa durch Verbrennungen sterben.

Die Leute in London wurden angewiesen, in ihren Wohnungen zu bleiben; warum? Ich kenne den Einsatzplan der Londoner Feuerwehr nicht, aber es kann auch bei uns vorkommen, dass die Leute bei einem Vorfall erst einmal bleiben sollen, wo sie sind. Bei einem Einsatz im Prime Tower beispielsweise, wo im obersten Stock eine ätzende Flüssigkeit ausgelaufen ist, wurde der untere Teil des Gebäudes auch nicht evakuiert. Der Knackpunkt ist: Wenn Hunderte Leute genau da rauskommen, wo die Feuerwehr reinsollte, wird es schwierig.

Ist es vorstellbar, dass hier Leute im brennenden Prime Tower eingeschlossen werden? So wie ich das Gebäude kenne, kaum. Heute werden ganz andere Materialien verwendet und diverse Sicherheitseinrichtungen eingebaut. Die Fassade im Grenfell Tower hat innerhalb kurzer Zeit gemäss Augenzeugen wie ein Streichholz Feuer gefangen. Das würde beim Prime Tower nicht passieren.

Haben Sie Notfallpläne für den Prime Tower? Wir haben für jedes Hochhaus dieser Stadt ganz genaue Einsatzpläne. Die werden bei jedem Einsatz mitgenommen, und das Lesen der Pläne wird regelmässig geübt. Wir versuchen heute, dem Feuer keine Chance mehr zu lassen.

Hätte ein Feuerwehrkommandant lieber gar keine Hochhäuser in der Stadt? Sie sind natürlich eine unserer grössten Herausforderungen. Aber verdichtetes Bauen in die Höhe ist heute eine Notwendigkeit. Wir versuchen, mit der Entwicklung mitzuhalten. Auch das Niederdorf, wo die Häuser dicht gebaut sind, ist eine Herausforderung.

Video – Heli-Aufnahmen zeigen das Flammeninferno:

Innert Kürze breitete sich der Brand von unteren Stockwerken nach oben aus.

Warum sind Hochhäuser speziell schwierig? Weil wir da hochmüssen, inklusive Material. Schläuche reichen natürlich nicht 27 Stöcke hoch. Wir fahren mit dem Sicherheitslift zwei Stockwerke unter den Brand, richten uns da ein und gehen dann zu Fuss weiter. In modernen Hochhäusern kann man die Lifte relativ lange brauchen, weil sie komplett abgeschottet sind. Die Feuerwehr kann sie mit einem speziellen Lift bedienen. Für die Bewohner sind die normalen Personenlifte im Brandfall gesperrt.

In London sind 200 Einsatzkräfte an der Arbeit. Könnten Sie so viele Leute aktivieren? Wir haben in der Stadt Zürich 53 Profis rund um die Uhr im Einsatz. Insgesamt hat die Berufsfeuerwehr 230 Einsatzkräfte und 330 Miliz-Feuerwehrleute. Wir können schon Leute aktivieren.

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