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«Der gerechte Preis für unsere Grausamkeit»

Der Befreiungstheologe Leonardo Boff ist jetzt Esoteriker: Er führt das Coronavirus auf die Misshandlung der Erde zurück.

Er sieht ein bisschen wie Karl Marx aus und ist auch ein überzeugter Linker: der brasilianische Theologe und Autor Leonardo Boff. Foto: Christiane Mattos (Reuters)
Er sieht ein bisschen wie Karl Marx aus und ist auch ein überzeugter Linker: der brasilianische Theologe und Autor Leonardo Boff. Foto: Christiane Mattos (Reuters)

Mit der Corona-Krise schlägt auch die Stunde der Moralapostel. Wobei es schon irritiert, wenn in den Chor der Unglückspropheten so angesehene Autoritäten wie der brasilianische Theologe Leonardo Boff (81) einstimmen. «Von jetzt an können wir alles befürchten, sogar die Vernichtung der menschlichen Rasse; es wäre der gerechte Preis für unsere Torheiten und Grausamkeiten.» So beginnt Boff seinen Aufsatz über «Die Ursprünge des Coronavirus».

Für ihn ist Corona wie alle Virenkrankheiten von Dengue über Ebola und Masern eine Reaktion von Mutter Erde auf den Raubbau des Menschen an der Natur. Er stellt das Virus in eine Reihe mit Artensterben, Taifunen, Dürren – alles Schäden, die der Mensch mit seinem gewalttätigen Handeln bewirkt habe. Aber ist Corona wirklich das Resultat menschlicher Gewalttätigkeit? Kann man den Menschen für das Virus verantwortlich machen so wie man ihm die Klimaerwärmung anlastet? Bei Boff liest man nicht, dass es Viren schon immer und vor dem Menschen gegeben hat und dass es die Globalisierung ist, die sie weltweit verbreitet.

Noch heute eine wichtige Stimme der Linke

Vom Wissenschaftler James Lovelock übernimmt der Theologe die Gaia-Hypothese, die Theorie der Mutter Erde als lebenden, sich selbst regulierenden Superorganismus. In der Folge sieht Boff die Natur als «Lebewesen, das fühlen, denken, lieben und sich sorgen kann». Als Söhne und Töchter von Mutter Erde müssten wir uns umgekehrt um sie kümmern und ihr Sorge tragen.

Der einstige Franziskanermönch romantisiert und personalisiert die Natur. Es ist dieses franziskanische Erbe einer geschwisterlichen Nähe zu den Armen und zur gesamten Schöpfung, die Boff mit Papst Franziskus verbindet. Er hatte den Papst bei dessen Öko-Enzyklika «Laudato si’» von 2015 beraten und wohl auch zur Aussage animiert: «Wir haben unser gemeinsames Haus nie so misshandelt und verwundet wie in den letzten zwei Jahrhunderten.»

Er predigt eine New-Age-Naturreligion

In jungen Jahren war der Theologe freilich kein Freund der Päpste. Vor bald 40 Jahren wurde er in der Ära Ratzinger abgestraft und dadurch weltberühmt. Der damalige Glaubenshüter belegte den Shootingstar der Befreiungstheologie mit einem «Bussschweigen». Mit seinem Buch «Kirche, Charisma und Macht» von 1981 provozierte Boff, weil er darin die Theologie vom Kopf auf die Füsse stellte und ihr den Weg wies von den Mächtigen zu den Armen. Heute äusserlich Karl Marx sehr ähnlich, tauschte sich der junge Boff mit den Kommunisten in Moskau und Havanna aus, auch mit Luiz Inácio Lula da Silva, bis 2011 Brasiliens Präsident. Noch heute ist Boff eine prominente Stimme der Linken. Als Autor von 60 Büchern ist er hochdekoriert.

Das Jahr 1992 hatte für den mehrfach disziplinierten Mönch die Wende bedeutet. Er verliess den Franziskanerorden und übernahm den eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für Ethik und Spiritualität an der Universität Rio de Janeiro. Nach dem Sturz des Kommunismus wandte er sich immer stärker der globalen ökologischen Frage zu. Heute predigt er eine pseudowissenschaftliche New-Age-Naturreligion. Der Warner mit Prophetenbart ist sicher, der Mensch sei im «Nekrozän» angekommen, in der Ära der Massenproduktion des Todes.

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