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Der importierte Erfolgshunger der Schweiz

Der Wohlstand schafft auch Mangel an Vitalität. Deshalb muss die Schweiz zwei Dinge aus dem Ausland holen: Ideen und Verbrechen.

Mit viel Gas: Bei Genf sprengten Diebe im April einen Bancomaten samt Filiale. Foto: Salvatore di Nolfi (Keystone)
Mit viel Gas: Bei Genf sprengten Diebe im April einen Bancomaten samt Filiale. Foto: Salvatore di Nolfi (Keystone)

Drei Nächte vor Weihnachten füllten Unbekannte in Troinex bei Genf einen Bancomaten mit Gas. Dann jagten sie den Automaten in die Luft und flüchteten mit knapp 100'000 Franken.

Die Explosion von Troinex war ein kleines optimistisches Lebenszeichen des internationalen Verbrechens in der Schweiz. Denn bisher detonierten Geldautomaten vor allem im Ausland: 2014 wurden in Deutschland 116 Bancomaten gesprengt, 2015 noch mehr.

Dabei lernten die Täter. Während in Italien Diebe Gasflaschen vor den Bancomaten explodieren liessen und damit etwa in Genua nicht nur einen Automaten, sondern gleich eine ganze Bankfiliale hochjagten, gingen die meisten Diebe sachgerechter vor: Sie dichteten den Bancomaten mit Klebeband ab, pumpten mit Hochdruck Gas hinein und brachten es mit Zündschnur oder Benzinspur zur Explosion.

Die Kunst der Methode liegt in der Gasmenge: um nicht auch die Geldkassette zu sprengen. Oder das ganze Gebäude wie am 26. Juni, als im deutschen Altdöbern ein Einkaufszentrum samt Blumenladen und Wurstwarengeschäft abbrannte.

Ein Hungerlohn für Bankräuber

Die Sprengung eines Bancomaten ist auch die Reaktion darauf, dass die Königsdisziplin des Verbrechens, der Bankraub, eine sterbende Disziplin ist. Kameras und vom Computer zeitverzögerte Auszahlungen grosser Summen haben das Geschäft unlukrativ gemacht. 2012 errechneten britische Ökonomen, dass die Beute bei einem Bankraub pro Räuber im Schnitt nur 15'000 Euro beträgt – bei einer Wahrscheinlichkeit, geschnappt zu werden, von 20 Prozent. So kommt ein Bankräuber bei fünf Überfällen pro Jahr plus verdienstloser Gefängniszeit auf den Jahresverdienst von ebenfalls 15'000 Euro – ein Hungerlohn.

Kein Wunder, muss das Verbrechen Ideen entwickeln. Die letzten Erfindungen waren etwa Anfang der Nullerjahre das rückwärtige Rammen von Juwelierschaufenstern mit Limousinen (vor allem Audi-Hecks zeigten sich als robust), dann das Herausreissen frei stehender Bancomaten mit Stahlseil und Kleinlaster. Nach Polizeiangaben waren im ersten Fall Profis aus dem ehemaligen Jugoslawien die Pioniere, die sich durch Schwung, Risiko und Freude am Fahren qualifizierten; im zweiten Fall Kollegen aus Rumänien.

Dass die Erfinder aus dem Ausland kamen, war für Kriminalisten keine Überraschung. Denn für Schweizer mit krimineller Energie zahlt sich handwerkliches Risiko nicht aus. Wirtschaftsverbrechen sind wesentlich lukrativer und schwieriger aufzudecken – meist werden Dutzende Laufmeter Akten beschlagnahmt. Verurteilungen sind selten und werden selbst in einfachen Fällen erst zehn Jahre nach der Tat gefällt.

Weit lohnender, als in eine Bank einzubrechen, ist, in dieser Karriere zu machen. Die UBS allein zahlte für systematischen Betrug bei Gold-, Libor- und Steuergeldern zwar Milliarden an Bussen. Doch fast alle Beteiligten wurden wohlhabend. Der heutige (unbescholtene) Chef dieser Organisation, Sergio Ermotti, verdient zwölf Millionen Franken im Jahr – eine Summe, für die er seine Filialen 800-mal im Jahr überfallen müsste.

Die Schweiz ist, wegen der komfortablen Lage ihrer Einwohner, ein Land, das zwei Dinge importieren muss: Verbrechen und Ideen. Nicht umsonst liegt der Anteil von erfolgshungrigen, verhafteten Ausländern so hoch wie der Anteil von erfolgshungrigen, ausländischen Forschern in der Pharmaindustrie: 50 bis 60 Prozent. Denn der Kern beider Berufe ist der gleiche: der Bruch von Konventionen. Und dieser lässt sich unter bequemen Bedingungen nicht machen.

In seiner Studie «Die Kriminalität-Genialität-Connection» wies der japanische Psychologe Satoshi Kanazawa nach, dass das Alter von Wissenschaftlern bei bahnbrechenden Entdeckungen exakt gleich hoch war wie das von Kriminellen bei der Verurteilung. Seine Erklärung klingt fast romantisch: Kriminalität wie Genialität sind Ausdruck «des im Männergehirn programmierten Wunsches, Frauen zu beeindrucken». Sein Beweis: Nach der Heirat liessen die grossen Würfe von Wissenschaftlern wie Kriminellen schnell nach. Aus Kernphysikern und Bankräubern wurden Familienmenschen.

Kurz: Sie wurden vorbildliche Bürger.

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