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Der naive Schweizer und das blonde Gift

Ein Roman über eine Jüdin, die Juden an die Gestapo verriet, empört die deutsche Öffentlichkeit.

Die jüdische Gestapo-Agentin Stella Goldschlag 1957 vor Gericht.
Die jüdische Gestapo-Agentin Stella Goldschlag 1957 vor Gericht.

Wenn in deutschen Feuilletons die Empörungswellen hoch schlagen, geht es immer um den Holocaust. Wie darf man darüber schreiben, wie darüber reden, ohne den Hauch einer Gefahr zu laufen, entweder das Menschheitsverbrechen schlechthin «zu relativieren» oder, aktuell, «den Rechten in die Hände zu spielen.»

Die jüngste Welle ist über dem 33-jährigen Takis Würger zusammengeschlagen, Redaktor beim «Spiegel», der 2017 beim Zürcher Verlag Kein&Aber als Schriftsteller debütierte («Der Club» war mit 70000 verkauften Exemplaren ein Bestseller). Mit seinem neuen Roman ist Würger zum Hanser-Verlag aufgestiegen, der «Stella» als Spitzentitel seines Frühjahrsprogramms in Position brachte.

Vergebens: Seit langem ist kein deutscher Roman mehr von der deutschen Literaturkritik derartig einmütig niedergeschrieben worden. «Ein Ärgernis, eine Beleidigung, ein Vergehen» urteilte die «Süddeutsche Zeitung», «Nazigeschichte für Dummies» die FAZ, «gedankenlos und obszön» die Zeit. Mit den Invektiven «Machwerk der übleren Sorte» und «Holocaust-Kitsch, in neuer Eskalationsstufe» reihte sich auch die NZZ in den deutschen Verdammungschor ein.

Wäre «Stella» nur eine stilistisch unsichere, oft in Klischee und Kitsch kippende Liebesgeschichte vor düsterem zeitgeschichtlichen Hintergrund (das ist sie auch), würde sich niemand aufregen. Aber Würger, der wie mancher «preisgekrönte» Reporterkollege dorthin strebt, wo der grösste Distinktionsgewinn winkt, in die Literatur, wollte mehr. Er hat sich eine der übelsten Konsequenzen des Verfolgungsterrors der Nazis vorgenommen: Juden, die untergetauchte Juden aufspüren und an die Gestapo verraten, um sich selbst oder Verwandte vor der Deportation zu retten.

Im Berlin der 1940er-Jahre gab es einige solcher «Greifer», die wohl bekannteste war Stella Goldschlag, bekannt als «das blonde Gift». Sie lieferte mehrere Hundert Juden aus (ihre Eltern konnte sie trotzdem nicht retten) und wurde nach 1945 von einem sowjetischen Militärgericht zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Was in Kopf und Herz dieser Stella vorgeht, mag man sich nicht vorstellen, über sie richten auch nicht. Takis Würger ist klug genug, es auch nicht zu tun; aber die heisse Story wollte er sich doch nicht entgehen lassen. So hat er den vermeintlichen moralischen Filter eines Ich-Erzählers aus der neutralen Schweiz eingezogen, Friedrich aus Genf, ganz jung, ganz unbedarft, ganz verwöhnt, der 1942, mitten im Weltkrieg, nach Berlin kommt, damit «die Stärke der Deutschen auf mich überspringt», und der stattdessen Stella verfällt.

Die Erzählperspektive ist oft die Klippe der Literatur. «Stella» stürzt über sie ab. Denn Friedrich ist ein solcher Simpel und dem historisch-erotisch-moralischen Drama, dem der Autor ihn aussetzt, derart wenig gewachsen, dass er den ganzen hochheiklen Stoff auf die Ebene der Kolportage herunterzieht. Da helfen auch die einmontierten Gerichtsprotokolle aus dem Stella-Prozess nicht. Sie schreien zwar penetrant «alles ist wahr». Aber Wahrheit, in der Literatur, muss erschaffen, nicht herbeigeschrien werden.

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