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Der Sänger, der endlich Fan wurde

Eine der grossen Popstimmen der Achtzigerjahre ist verstummt: George Michael ist mit nur 53 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

«Friedlich entschlafen»: Der britische Popsänger George Michael, hier bei einem Konzert in Prag im Sommer 2011, starb an Weihnachten in London.
«Friedlich entschlafen»: Der britische Popsänger George Michael, hier bei einem Konzert in Prag im Sommer 2011, starb an Weihnachten in London.
Filip Singer, Keystone
Bekannt wurde der Sohn einer Britin und eines griechisch-zypriotischen Vaters als Teil des Duos Wham!. (Hier am «Concert of Hope» im Wembley Stadion in London am 2. Dezember 1999)
Bekannt wurde der Sohn einer Britin und eines griechisch-zypriotischen Vaters als Teil des Duos Wham!. (Hier am «Concert of Hope» im Wembley Stadion in London am 2. Dezember 1999)
Gill Allen, Keystone
Der Sänger erscheint am königlichen Gerichtshof in London. Er wollte sich aus einem Vertrag mit der Plattenfirma Sony lösen. (28. Oktober 1993)
Der Sänger erscheint am königlichen Gerichtshof in London. Er wollte sich aus einem Vertrag mit der Plattenfirma Sony lösen. (28. Oktober 1993)
AP Photo/Alistair Grant, Keystone
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Kurz vor zwei Uhr Nachmittags wurde die Polizei am Weihnachtstag in ein Haus in Goring-on-Thames westlich von London gerufen, wo sie den Tod eines 53-jährigen Mannes feststellte. «Derzeit gilt die Todesursache als ungeklärt», erfuhr die Öffentlichkeit ein paar Stunden später, «aber auch als unverdächtig.» So akkurat und nüchtern informierte die Polizei über den Tod von George Michael, eines der erfolgreichsten britischen Popstars; eines Mannes, der über hundert Millionen von Platten verkauft und über ebenso viele Pfund an Vermögen verfügt haben soll. Michael war, so teilte das Management später mit, im Schlaf an Herzversagen gestorben.

Dass dieser Sänger, der mit «Last Christmas» einen seiner grössten Hits hatte, ausgerechnet an Weihnachten starb, schliesst seine Biografie mit makabrer, viel zu billiger Pointe ab. Und doch scheint sie zu seiner Karriere zu passen, in der sich so manches Popstarklischee auf eine bizarre Weise als lebensecht erwies: George Michael war nicht nur der Sänger, der mit Elton John ebenbürtig das grandiose «Don't Let the Sun Go Down» sang, er war auch der Süchtige, der bedröhnt aus einem fahrenden Auto fiel. Er war es, der seine Plattenfirma verklagte, bis die ihn verklagte. Und dies war auch der Mann, der seine Homosexualität verheimlichte, weil seine Mutter davon nichts wusste, und der 1998 auf einer öffentlichen Toilette durch einen Undercover-Polizisten geoutet wurde. Die Fans liebten ihn trotz allem, der Boulevard gerade darum: Die Prominentenjäger hätten sich ihren George Michael nicht besser erfinden können.

Weisse Badeslipper und Sonnenbrille

Hinter dem Abziehbild eines Popstars den Künstler zu erkennen, das fiel bei George Michael von Anfang an nicht leicht. Vielleicht entsprach Georgios Kyriacos Panayiotou zu perfekt dem Schönheitsideal der Achtzigerjahre, mit seinem Schlafzimmerblick und den südländischen Zügen, die er von seinem griechischen Vater geerbt hatte. Es war aber nicht so, dass sich der Star nicht auch mit Lust in die Klischees gestürzt hätte: Im Video zu «Club Tropicana» (1983), einem seiner frühen Hits mit Wham!, sah man ihn nackt bis auf weissen Badeslip und Sonnenbrille, und später, wie er sich auf einer Luftmatratze im Pool räkelte, in der Hand ein Glas Rosé. Das war so plump inszeniert, dass man die Pointe des Songs kaum mitbekam: «Alles, was fehlt, ist das Meer», sang Michael, «aber kein Problem, braun wirst du trotzdem.» Dieser Schönling war sich seiner Künstlichkeit bewusst, bloss machte sie ihm nichts aus, damals.

Mit luftigen Discopop-Nummern eroberten Wham! von 1982 bis 1986 den Markt, an der Seite ähnlich unbeschwerter Gruppen wie Erasure oder Duran Duran. Es brummte das hedonistischste aller Popjahrzehnte, und die sonore, cremige Singstimme von George Michael war dafür wie gemacht. «Careless Whisper» war der Höhepunkt, diese sensationell seichte Ballade, diese blankste Popoberfläche, zu der sich gerade noch Sex denken liess. Was aber in all diesen Hits wiederum auffiel, war das, was von Anfang an offensichtlich gewesen war: George Michael brauchte keinen Sidekick. 1982 traten Wham! zum ersten Mal bei «Top of the Pops» im britischen Fernsehen auf und schafften mit «Young Guns (Go For It!)» gleich den Durchbruch. Zu sehen war dabei nicht nur der modische Pseudo-Rap zweier Young Guns des Popmarkts, sondern auch, wie George Michael (in Lederweste!) seinen Partner Andrew Ridgeley (im Kurzarmhemd!) zum Statisten degradierte. Er war die Stimme, das Gesicht und die rasierte Brust dieser Darbietung.

Aus dem Fernsehen verbannt

Schon 1987 erschien «Faith», das erste Soloalbum von George Michael, und es brachte die Talente dieses Sängers zum Vorschein: Michael komponierte für den Dancefloor so kompetent wie für das Kuschelsofa, und mit der umstrittenen, teilweise aus Radio und Fernsehen verbannten Single «I Want Your Sex» adaptierte er gekonnt das Spiel mit der Provokation, wie es Madonna vorgemacht hatte. Mit Dreitagebart und Kruzifix am Ohrläppchen schäkerte er im Video mit mehreren Frauen, nur um dann der Auserwählten mit Lippenstift auf den Rücken zu schreiben: «Explore monogamy.» Auch die Musik orientierte sich zwar am Minimal Funk von Prince, stutzte aber souverän die experimentellen Spitzen. Denn Michael zelebrierte auf «Faith» ja nicht die schwarze Musik, sondern den State of the Art des Popmainstreams. Es ist seine beste und mit über 25 Millionen verkaufter Exemplare auch seine erfolgreichste Arbeit.

Ausserhalb dieses Mainstreams wurde George Michael trotzdem – oder gerade deshalb – nicht ernst genommen. «Es war für mich immer okay, ein Popstar zu sein», sagte er 2004 in einem Interview mit «GQ»: «Die Leute denken immer, ich wolle als ernsthafter Musiker gesehen werden, aber das stimmt nicht. Ich will nur, dass man weiss, wie absolut ernst ich es mit der Popmusik meine.» Die Angst, bloss als hübsches Hitparadengesicht durch eine künstliche Öffentlichkeit gereicht zu werden, trieb den Sänger nun immer mehr um. Er äusserte sich öfters politisch und engagierte sich in der Bekämpfung von Aids, einer Krankheit, an der 1993 sein Lebenspartner Anselmo Feleppa gestorben war. Und er machte «Listen Withouth Prejudice».

Mit Orchester

Sein zweites Soloalbum von 1990 knirschte an allen Ecken und Enden vor Ambition. Und natürlich lud ein Plattentitel, der um Wohlwollen bettelte, die Kritiker erst recht zum vernichtenden Urteil ein: «Listen without speakers», notierte der britische «NME». Nach dieser Enttäuschung dünnte die Diskografie von George Michael aus, neue Songs zu schreiben, fiel ihm immer schwerer. Bis heute sind nur noch zwei weitere Alben erschienen, «Older» (1996) und «Patience» (2004); dazu gab es je eine Platte mit Pop- und Folkcovers sowie mit Orchesterversionen seiner Hits. Genau, auch George Michael kam zuletzt als Klassiker zurück, als hart geprüfter Veteran aus der hohen Zeit der Yuppies. Im Oktober 2011 trat er zum letzten Mal in der Schweiz auf. Im Anzug und vor einer Wand aus siebzig Orchestermusikern stand er im Zürcher Hallenstadion, sang ein paar Hits und seine liebsten Lieder von Rufus Wainwright, Nina Simone, Billie Holiday, Tim Buckley oder Rihanna: Er war immer noch Musiker, er war nun aber genauso Fan, und man hörte endlich, wo dieser Sänger eigentlich zu Hause war. Das Konzert war ein etwas sentimentaler, aber überaus sympathischer Rückblick und fand in «Through» zum melancholischen Höhepunkt: «Ist das genug?», fragte der Sänger in Sack und orchestraler Asche. «Ich glaube, es ist vorbei / Sieh, alles ist anders / Und all der Hass hat mich stark genug gemacht / Um wegzulaufen».

Nein, das war nicht das Lied eines Mannes, der «through» war, also «durchgekommen» durch den Dreck der Drogen, der Depressionen und der Presse. Das war das Lied eines Sängers, der sich als «through» erkannte, als «durchgereicht». Die 10 300 Fans im Stadion hätten wohl protestiert, wäre der Song nicht damals schon ein paar Jahre alt gewesen. Stand denn George Michael jetzt nicht leibhaftig vor ihnen? Das schon. Aber wie er sang, klang es nicht nach einem Comeback. Und schon gar nicht nach einer Pointe.

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