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Der US-Präsident ist noch nicht gewählt

Die Wiederwahl von Donald Trump scheint für viele sicher – doch da unterschätzen sie die Amerikaner.

Claus Hulverscheidt
Noch ist ungewiss, ob US-Präsident Donald Trump und Melania Trump nach den Wahlen im November wieder auf dem Südrasen des Weissen Hauses spazieren gehen können. Foto: Martin H. Simon (Keystone)
Noch ist ungewiss, ob US-Präsident Donald Trump und Melania Trump nach den Wahlen im November wieder auf dem Südrasen des Weissen Hauses spazieren gehen können. Foto: Martin H. Simon (Keystone)

Unter USA-Deutern ist seit Monaten die Behauptung in Mode, die Präsidentschaftswahl im kommenden November sei schon gelaufen. Die Demokraten, die am Montag in Iowa mit ihren Vorwahlen beginnen, seien zu schwach, so heisst es, die Wirtschaftsdaten einfach zu gut, als dass es gelingen könnte, Donald Trump aus dem Weissen Haus zu verdrängen. Dass der Senat den Präsidenten nun am Mittwoch wohl auch noch vom Vorwurf des Amtsmissbrauchs freisprechen wird, macht Trump nach dieser Lesart endgültig unschlagbar.

Unschlagbar? Das wäre voreilig. Im Grunde reicht ein kurzer Blick zurück, um zu erkennen, wie gewagt jede Prognose ist. Auch Anfang 2016 waren sich die Gelehrten einig gewesen: Wen auch immer die Bürger im November wählen werden – Donald Trump zumindest wird es nicht sein. Es kam, nun ja, anders, denn eine Präsidentschaftswahl entscheidet sich nicht im Februar, sondern eher in der zweiten Oktoberhälfte. Deshalb bleibt auch dieses Jahr den Bewerbern viel Zeit, um bei der alles entscheidenden Wählergruppe, den Unentschlossenen, zu punkten. Und um Fehler zu machen.

Natürlich kann Trump wiedergewählt werden. Die Arbeitslosigkeit ist gering, die Löhne steigen. Dazu nun der Sieg im Amtsenthebungsverfahren, den der Präsident gnadenlos nutzen wird, um sich als Opfer eines Putschversuchs zu gerieren, dem schon aus Gründen der Gerechtigkeit nicht eine, sondern eigentlich sogar zwei weitere Amtszeiten zustünden. Anders als 2016 tritt er zudem nicht als Aussenseiter an, sondern mit Amtsbonus und prall gefüllter Wahlkampfkasse.

So viel Licht auf den Präsidenten leuchten mag, so viel Schatten umgibt ihn zugleich.

Nicht einmal die anhaltend miserablen Popularitätswerte müssen ein Problem sein: Zwar ist Trump der einzige US-Präsident der jüngeren Geschichte, der es in der ganzen ersten Amtszeit nie geschafft hat, eine noch so knappe Mehrheit der Amerikaner hinter sich zu vereinen. Umgekehrt aber halten konstant etwa 43 Prozent der Bürger zu ihm – viele von ihnen beinharte Anhänger.

Und doch: So viel Licht auf den Präsidenten leuchten mag, so viel Schatten umgibt ihn zugleich. Das beginnt beim Ergebnis der letzten Wahl, denn Trump gewann 2016 ja nur, weil viele Sympathisanten der Demokraten aus Protest gegen die unpopulären Kandidatin Hillary Clinton zu Hause geblieben waren. Am Ende fehlten Clinton ganze 78'000 Stimmen, um die wichtigen Bundesstaaten Michigan, Pennsylvania und Wisconsin zu gewinnen. Ein solches Mobilisierungsdesaster wird den Demokraten nicht noch einmal passieren.

Trumps grösstes Problem ist zudem nicht sein Herausforderer, das grösste Problem ist er selbst. Dabei geht es gar nicht um seine vielen dreisten Lügen und die chaotische Amtsführung. Viele Anhänger verzeihen ihm das, ja, manche wählen ihn, gerade weil er keinen Stein auf dem anderen lässt, weil er die etablierten Eliten vor den Kopf stösst und weil er Dinge sagt, die gebildete und empathische Menschen nicht sagen würden. Es wird daher für die Demokraten nicht reichen, Trumps Charakterfehler anzuprangern.

Trumps grösste Schwäche ist seine Unfähigkeit zur Selbstreflexion.

Stattdessen muss die Herausforderin oder der Herausforderer Trumps Selbstverliebtheit ins Verhältnis zur Wirklichkeit setzen. Ausgerechnet in den strukturschwachen Regionen, denen der Präsident den Wiederaufstieg versprochen hat, sind die Zahlen deutlich schlechter. Die Renaissance der Kohle? Ausgeblieben. Die Industrie? In der Rezession statt im Boom. Die Landwirtschaft? In der Schuldenspirale. Die Börsen? Auf Rekordjagd – aber die Hälfte der Amerikaner besitzt gar keine Aktien.

Trumps grösste Schwäche ist seine Unfähigkeit zur Selbstreflexion. Er ist ein Illusionskünstler, ein Scheinriese, der so lange jeden noch so kleinen Beschluss zur Sensation aufgeblasen hat, bis er tatsächlich glaubte, er könne Wasser in Wein verwandeln. Dabei löst er oft nur Probleme, die es ohne ihn gar nicht gäbe. Viele Männer fallen auf das Machogehabe herein – nicht jedoch die Frauen, die die Mehrheit der Wahlberechtigten ­stellen. Umfragen zufolge miss­billigen 57 Prozent von ihnen die Amtsführung des Präsidenten.

Sicher, auch Trumps potenzielle Herausforderer müssten erst beweisen, dass sie dem Job des US-Präsidenten gewachsen sind. Integerer und demütiger als der Amtsinhaber aber wären sie allemal, und ihre sieben Sinne beieinander haben sie auch.

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