«Meine Beziehung zu Zidane? Es gibt keine»

Emmanuel Petit weiss, wie man zuhause einen Titel gewinnt. Der Weltmeister von 1998 träumt aber nicht mehr von einst.

Emmanuel Petit nach seinem 3:0 im WM-Final 1998: «Dieser Moment der Freude – das ist die Schönheit des Sports.» Foto: Keystone

Emmanuel Petit nach seinem 3:0 im WM-Final 1998: «Dieser Moment der Freude – das ist die Schönheit des Sports.» Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Abgemacht war ein Treffen in einem ­Pariser Restaurant. Doch dann ändert ­Emmanuel Petit den Plan und lädt ­kurzerhand in seine ­Küche. Nur ein paar Strassen vom ­Konzertlokal Bataclan ­entfernt, wo im November 89 ­Menschen von Islamisten ermordet wurden, spricht er über das französische ­Nationalteam und die ­Utopie eines friedlichen, multi-ethnischen Frankreichs.

Andere Weltmeister von 1998 wie Laurent Blanc und Zinédine Zidane trainieren Paris St-Germain oder Real Madrid, Didier Deschamps ist französischer Nationaltrainer. Was ist bei Ihnen schiefgelaufen?
Nichts. Ich habe ein erfülltes Leben als Unternehmer und als Fussballexperte. Aber der Hauptgrund, weswegen ich nicht Trainer wurde, ist, dass ich mich um meine drei Töchter kümmern will. Als Fussballer lebst du dein eigenes Leben. Und ich wollte keine Kinder auf die Welt stellen und dann ihre ersten Jahre verpassen.

Sie haben 1998 ein grosses Turnier im eigenen Land erlebt. Wie gelingt es einem Team, nicht von den ­Erwartungen erdrückt zu werden?
Sie müssen das erste Spiel gewinnen (lacht). Das gibt Zeit, es lässt keine Selbstzweifel aufkommen, es nimmt den Druck. Das Heimpublikum kann Belastung sein, es kann dich aber auch antreiben, wenn du die Dynamik des Sieges hast.

Emmanuel Petit
Welt- und Europameister

Der 45-Jährige war als Mittelfeldspieler bei Monaco, Arsenal, Barcelona und Chelsea. 1998 wurde er mit Frankreich Weltmeister und erzielte im Final das 3:0 gegen Brasilien. Beim Gewinn der EM 2000 kam er im Final nicht zum Einsatz. Petit hat drei Töchter, arbeitet für mehrere TV-Stationen als Fussballexperte und hat bislang zwei Bücher geschrieben. Bis 2015 war er Hauptaktionär von Netco Sports, einer Firma, die Sport-Apps unter anderem für Canal+ und das Australian Open entwickelt. Er setzt sich für eine Stiftung ein, die Menschen mit dem Nervenleiden Huntington unterstützt, und ist Botschafter der Obdachlosen-WM.

War es eigentlich schon zu seiner Zeit als Spieler klar, dass Deschamps einmal Trainer werden würde?
Absolut. Aber es sind auch andere Trainer geworden, bei denen die Veran­lagungen als Spieler nicht so sichtbar waren. ­Deschamps war prädestiniert als Trainer, Laurent Blanc etwas weniger, Zinédine Zidane noch etwas weniger.

Wo hat man Deschamps denn den künftigen Trainer angemerkt? In der Garderobe, auf dem Feld?
Man muss aufpassen mit den Etiketten, die die Medien den Spielern von 1998 angeheftet haben. Blanc «le ­président», Deschamps «le général» . . . Es gibt immer Spieler, die sich gut mit den Medien stellen, weil sie wissen, dass sie so gute ­Noten erhalten und auch sonst eine gute Presse. Man weiss aber auch, dass immer wieder Informationen aus der Kabine an die Medien gehen. Voilà . . . (lacht)

Aber Deschamps hatte schon die Attitude eines künftigen Trainers?
Man hat gesehen, dass er schon als Spieler eine Rolle als Beinahetrainer übernommen hat. Die anderen Spieler haben ihn gelassen. Didier wusste 1998 aber auch, dass er uns nicht zu sagen brauchte, was wir auf dem Feld zu tun haben.

Kann die aktuelle französische Auswahl . . .
. . . Kann sie Europameister werden? Aber natürlich kann sie das! Weil es da wirklich intelligente Jungs hat. ­Mandanda, Lloris, Varane, Matuidi . . . Sogar die Jungen wie Martial verfügen über eine grosse Reife. Das sind Spieler, die mit dem Ball stark sind, die aber auch begriffen haben, dass Kommunikation wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit ist. Ich bin wirklich zuversichtlich, was die Zukunft des Nationalteams betrifft.

«Die ethnische Mischung hat Frankreich immer Erfolge gebracht. Das Problem ist Rassismus, nicht die Migration.»

Aber Les Bleus scheinen auch ­immer gut für einen Skandal zu sein. Nach dem Streik an der WM 2010 in Südafrika nun die Sextape-Affäre, wegen der Karim ­Benzema nicht an die EM darf.
Ein Grossteil der Franzosen will keinen Benzema im Nationalteam. Für mich steht aus sportlicher Sicht fest, dass er in die Auswahl gehören würde. Aber er hat es moralisch nicht verdient. ­Natürlich steht die juristische Beurteilung des ­Falles noch aus. Aber wie soll das gehen, mit einem in der Mannschaft zu ­spielen, der wahrscheinlich einen ­Kameraden erpresst hat? Zumal die wichtigste Regel an einem grossen ­Turnier lautet, wenn du fünf, sechs Wochen gemeinsam hinter ­geschlossenen Türen bleibst: Lebe gut im Team zusammen.

Sie waren 1998 also alles Freunde?
Auch bei uns hatte es 1998 ein paar Spieler, mit denen ich sicher nicht in die Ferien gereist wäre. Aber wir waren Profis auf dem Feld. Und wir wussten, dass wir die Botschafter unseres Landes waren. An einem Turnier mit dem Nationalteam bist du nicht Lohnempfänger eines Clubs, da geht es um Repräsentationspflichten. Du bist ein Symbol deines Landes, wenn du spielst.

Ihr Buch lässt vermuten, dass ­Zidane einer war, mit dem Sie nicht in die Ferien gereist wären.
Hören Sie. Das ist jetzt viele Jahre her. Er hat sich verändert, ich habe mich verändert. Ich wünsche ihm nichts Böses. Er hat einen riskanten Weg gewählt, indem er Trainer von Real Madrid geworden ist. Wenn Sie mich nach unserer persönlichen Beziehung fragen: Es gibt keine.

1998 wurde viel von einer multi­ethnischen Mannschaft gesprochen. Schwarze, Weisse und Maghrebiner vereint als «Black, Blanc, Beur» galten als Vorbild für ganz ­Frankreich. Was ist aus dieser Utopie einer geeinten Nation geworden?
Wir hatten schon damals grosse Probleme mit Integration und Assimilation, die sich bis heute noch verstärkt haben. Das sieht man an den Wahlsiegen des Front National, man sieht es beim ­Rassismus, der europaweit zunimmt, und an den Attentaten in Europa. Das beunruhigt mich. Wir als Fussballer waren es immer gewohnt, mit 15 anderen Nationalitäten in der Kabine zu sitzen.

Und 1998 schien es kurz so, als ob dieser problemlose Umgang auch im Alltag funktionieren könnte.
Es stimmt, dass 1998 mit dem Erfolg und diesem Slogan «Black, Blanc, Beur» das Gefühl aufkam, die Politik könnte sich wirklich ändern. Wenn du in Paris durch die Strassen spazierst, dann siehst du Menschen aus allen Weltgegenden, mit unterschiedlichstem kulturellem Hintergrund, alle möglichen Religionen. Frankreich war immer ein Ort des Asyls, der Aufnahme. Und als einzige Gegen­leistung wird verlangt, dass die Leute, die kommen, die Gepflogenheiten der République Française akzeptieren.

Was ist schiefgelaufen?
Die Politik liefert keine Rezepte, die das Zusammenleben möglich machen. Ich befürchte einerseits eine weitere ­religiöse Radikalisierung von Menschen, die in Frankreich leben, aber keinen ­Bezug zum Land haben. Und auf der anderen Seite auch die Gegenreaktion der Franzosen auf diese Radikalisierung. Viele Politiker giessen noch Öl ins Feuer.

Welche Aufgabe kann da der ­Fussball übernehmen?
Schauen Sie auf die grossen französischen Fussballergenerationen von ­Raymond Kopa, Michel Platini, meine mit ­Zidane – aber auch die heutige: Es war immer eine Mischung von Spielern mit verschiedener Herkunft, die Frankreich Erfolge brachte. Nicht die Migration ist das Problem. Sondern der Rassismus, der aus einem Amalgam aus sozialen und wirtschaftlichen Problemen wächst.

Könnte die Euro die Kraft haben, das Land …
… wieder zu einen?

Ja.
Ich denke, wir können an der Europameisterschaft vom französischen Team wirklich Grosses erwarten. Aber ob ein Gewinn der EM die sozialen Spannungen lindern kann? Das konnte der WM-Titel 1998 nicht – und wir haben ja zwei Jahre danach auch noch die EM ge­wonnen. Ich wüsste also nicht, warum es jetzt der Fall sein sollte.

Wahrscheinlich ist das vom Sport auch zu viel verlangt.
Wir Sportler sind nicht die Hüter der Moral. Wir sind menschliche Wesen und haben das Recht darauf, Fehler zu ­machen. Aber wir haben auch das Recht, aus Fehlern zu lernen. Darum enttäuscht mich, dass Benzema nach allem, was in Südafrika passiert ist, solche Schlagzeilen liefert. Da bekommt man das Gefühl: Da gibt es Jungs, die keine Lust darauf haben zu lernen, wie man sich verhalten soll.

«Bei Benzema bekommt man das Gefühl: Da sind Jungs die keine Lust darauf haben zu lernen, wie man sich verhält.»

Sie glauben an das französische Nationalteam. Die Ligue 1 aber scheint von den anderen grossen Ligen abgehängt zu werden.
Franzose zu sein, ist wunderbar. Aber es ist auch beschwerlich, weil wir viel mehr Steuern und Vorschriften haben als unsere Nachbarn. Ein englischer Club darf so viele Spieler verleihen, wie er will. In Frankreich sind es nur zehn. Und dann die Steuern! Wir Franzosen sind so begeistert von Steuern, dass wir mit ­ihnen ins Bett stiegen, wenn das ginge.

Hat die Schwächung der Liga Konsequenzen für das Nationalteam?
So froh ich um Paris St-Germain bin, das als Lokomotive funktionieren kann: Wenn die Geldgeber aus Katar wollen, dann bleibt die Ligue 1 bloss noch ein Rennen um Platz zwei. Und wer interessiert sich schon dafür? Für die Nationalmannschaft sehe ich keine Probleme. Schon unser Team von 1998 hat davon profitiert, dass die meisten Spieler in ­anderen Ligen gespielt haben, wo der Druck noch grösser ist als in Frankreich.

Also ist der Unterschied zu damals gar nicht so gross?
Bei uns galt noch viel mehr die Meritokratie. Wir mussten uns jahrelang beweisen, um ans grosse Geld zu kommen. Heute geben Clubs Unsummen für ­Talente aus, deren Potenzial sie gar nicht kennen können. In der Hoffnung, dass der Spieler explodiert und sich der ­Einsatz schnell vervielfacht. Das ist pure Spekulation.

Träumen Sie eigentlich noch von Ihrem 3:0 im WM-Final 1998?
Nein! Aber die Leute sprechen mich jeden Tag darauf an. Wir haben damals ein Bild abgegeben, das den Leuten weit über die französischen Grenzen hinaus gefallen hat. Das ist für mich unser grösster Sieg. Fussball, da geht es darum, die Herzen der Leute zu erobern. Das ist uns damals gelungen. Diesen Moment der Freude, den damals alle miteinander teilen wollten, unabhängig von Herkunft, sozialer Klasse oder Religion – das ist die Schönheit des Sports.

Betrug, Mafia, Stress und Spione: Lernen Sie die schmutzigen Geheimnisse des Fussballs kennen. Eine Web-Doku zum Sammeln. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2016, 23:57 Uhr

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Kommentare

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Light- Abo.

Den Berner Oberländer digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...