Die epische Schande

Der Niedergang der Republikaner ist schmerzhaft anzusehen. Die «Grand Old Party» steht ohne einen eigenen Präsidentschaftskandidaten da.

Donald Trump im April in New York: Von ihm wird es dereinst heissen, er habe die Republikanische Partei zerstört. Foto: Keystone

Donald Trump im April in New York: Von ihm wird es dereinst heissen, er habe die Republikanische Partei zerstört. Foto: Keystone

Hubert Wetzel@hubert_wetzel

In den USA kämpfen derzeit zwei Kandidaten um das Präsidentenamt. Von Hillary Clinton weiss man, für welche Partei sie antritt: die Demokraten. Von Donald Trump weiss man es nicht mehr so genau; für die Republikaner jedenfalls nicht. Knapp vier Wochen vor dem Wahltag hat Trump, die Niederlage vor Augen, einen regelrechten Krieg gegen die Partei begonnen, für die er angeblich kandidiert.

Für die Republikaner ist die Lage so beispiellos wie dramatisch. Man kann darüber streiten, wer da wen verlassen hat – der Kandidat die Partei oder die Partei den Kandidaten. Doch das ändert nichts am Desaster: Die Partei, die sich stolz die «Grand Old Party» nennt und die in ihrer Geschichte sehr bedeutende Präsidenten hervorgebracht hat, steht zum Ende des Wahljahrs 2016 de facto ohne eigenen Präsidentschaftskandidaten da.

Stattdessen trampelt in ihrem Namen ein Mann durchs Land, der sich von der Partei losgesagt hat und allenfalls noch den rechtspopulistischen Teil der republikanischen Wählerschaft und die notorischen Clinton-Hasser repräsentiert. Es ist ein Mann, der sich nur noch um sich selbst schert und dem es völlig egal ist, wen er mit in den Abgrund reisst.

Dogmatiker gegen Pragmatiker

Die US-Regierung hat einst einen Begriff erfunden für sogenannte Schurkenstaaten, die erratisch, gefährlich und gewalttätig sind, die ihre Nachbarn bedrohen, alle Regeln brechen und sich damit abseits der Staatengemeinschaft stellen: «rogue states». Genau das ist Trump: ein «rogue candidate».

Der Niedergang der Republikaner – gegründet 1854 und damit eine der ältesten Parteien der Welt – ist schmerzhaft anzusehen, aber er kommt nicht überraschend. In der Partei herrscht seit einigen Jahren Bürgerkrieg. Grob gesagt, kämpft ein dogmatischer Flügel gegen einen pragmatischen, schlagen sich die Anhänger der reinen konservativen Lehre mit denen, die eine Modernisierung der Partei fordern. Das betrifft die unterschiedlichsten Themen: Steuern, Homo-Ehe, Abtreibung, Sicherheitspolitik, Sozialpolitik, Einwanderung.

Das Gefühl vieler Republikaner, dass «die Eliten» in Washington die alten Ideale der Partei verraten und verkaufen, sich selbst die Taschen füllen und die kleinen Leute bezahlen lassen, führte vor einigen Jahren zur Gründung der Tea-Party-Bewegung, die gegen die eigene Parteiführung und alle gemässigten Parlamentarier rebellierte.

Aus Rissen wurden Trümmer

Die Risse in der Partei waren also seit langem sichtbar. Trump aber hat sie durch seinen gehässigen Vorwahlkampf vertieft. Er hat seine Gegner lächerlich gemacht und die Wutwähler auf sie gehetzt. Er hat Keile in jede Spalte gesetzt und dann mit dem Hammer draufgehauen, um für sich einen grossen Brocken an Wählern abzutrennen. Als er fertig war, war die Partei kein Fundament aus fest gefügten Steinen mehr, auf dem man einen Wahlkampf hätte aufbauen können, sondern nur noch ein Haufen Trümmer.

Das Partei-Establishment hat Trumps Aufstieg weitgehend tatenlos zugesehen. (Eine rühmliche Ausnahme war die in Europa so verhasste Familie Bush.) Insofern muss man es mit dem Mitleid für die Republikaner nicht übertreiben. Ja, Trump – ein Mann ohne politische Überzeugung oder moralische Werte – hat die Partei wie ein Pirat geentert. Aber dann hat sich die Partei ihm zu Füssen geworfen.

Ob nun aus Zustimmung, aus Opportunismus oder Hilf­losigkeit, ob aus Zwang oder freiwillig sei dahingestellt. Am Ende sind alle Begründungen, warum dieser Senator oder jene Abgeordnete für Trump war, nur Ausreden. Wer nur ein bisschen Verstand hatte, wusste, mit wem er sich da einliess. Die epische Schande, den Hallodri Donald J. Trump beim Parteitag im Juli in Cleveland unter Beifall zum Präsidentschaftskandidaten gewählt zu haben, werden die Republikaner jedenfalls nie wieder loswerden.

Reaktion des Usurpators

Für diese Schande büsst die Partei jetzt. Dass Trump nun diejenigen als illoyal und schwach beschimpft, die er einst überwältigt hat, ist einerseits an Ironie kaum zu überbieten. Andererseits ist es die klassische Reaktion des Usurpators, der geglaubt hatte, all die Taschenträger und Schulterklopfer, all die früheren Feinde, die plötzlich die Treue schworen, hätten es tatsächlich ernst gemeint. Wäre Trump nicht so grotesk, könnte man bei seinem Anblick an andere Gescheiterte der Geschichte denken.

Napoleon nach der Schlacht von Waterloo vielleicht. Aber Trump ist kein Napoleon Bonaparte, und sein Hintersasse Rudy Giuliani, der ihn fleissig in jeder Talkshow verteidigt, ist kein Pierre Cambronne, der die Garde lieber sterben lässt, als aufzugeben. Donald Trump ist einfach nur der Mann, von dem es dereinst heissen wird, er habe die Republikanische Partei zerstört.

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