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Sie jagen Kinder

Heute Abend thematisiert der meisterhafte ARD-Film «Das weisse Kaninchen» «Cybergrooming»: Wie Erwachsene sich im Internet an Kinder heranmachen.

Simon Keller (Devid Striesow) hat Kevin (Louis Hofmann) gestellt. Und er schlägt zu.
Simon Keller (Devid Striesow) hat Kevin (Louis Hofmann) gestellt. Und er schlägt zu.
SWR/Andreas Wünschirs
Im virtuellen Chatroom «Cat Café» hat Sara (Lena Urzendowsky) ein Date mit einem Unbekannten. Dort bedient ausgerechnet ein Hund.
Im virtuellen Chatroom «Cat Café» hat Sara (Lena Urzendowsky) ein Date mit einem Unbekannten. Dort bedient ausgerechnet ein Hund.
SWR/Andreas Wünschirs
Der Hund und das weisse Kaninchen.
Der Hund und das weisse Kaninchen.
SWR/Andreas Wünschirs
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Eigentlich ist dieser Film nichts für den Themenabend, den er eröffnen soll. Weil er einen sprachlos macht. So sehr, dass man kein Gequatsche von Experten, von irgendjemandem mehr hören will hinterher. Nicht mal von Sandra Maischberger. Weil man erst mal einen Moment allein sein möchte, mit sich, mit niemandem sonst, vor die Tür gehen, frische Luft atmen, in den Mond starren oder in den leeren Himmel, weil man die Bilder wegkriegen will aus dem Kopf und die Atmosphäre und die ganze Aussichtslosigkeit und das ganze Elend, das man gesehen hat.

«Das weisse Kaninchen» heisst dieser Film. Das klingt ziemlich harmlos. Allerdings nur für jene, die nicht wissen oder schon wieder vergessen haben, was das sprechende weisse Kaninchen im verführerisch irren ersten Buch des potenziell pädophilen, hochgefährlichen Nonsensedichters Lewis Carroll mit der kleinen Alice gemacht hat. Ins Wunderland entführt nämlich. Das natürlich durchaus kein harmloser Ort ist. Das Wunderland, in das die 13-jährige Sara Rost im «Weissen Kaninchen» entführt wird, ist genauso wunderlich, man kann sich darin verlaufen. Nur warten da nicht Grinsekatze, verrückter Hutmacher und mörderische Herzkönigin auf Sara, sondern Zombies und Identitätsfresser.

Wunderland ist ein mörderischer Ort

Es geht in «Das weisse Kaninchen», dessen Drehbuch von Michael Proehl und Holger Karsten Schmidt schon jetzt preisgekrönt ist, um Cyberkriminalität, um Cybergrooming, was man harmlos als Beziehungsanbahnung im Internet bezeichnen kann. Im Fall von Sara allerdings nimmt es die schlimmstmögliche Wendung. Zur Anbahnung zu Mobbing, Erpressung und sexuellem Missbrauch nämlich.

Regisseur Florian Schwarz erzählt eine heillose Geschichte. Sie lässt einen ähnlich sprachlos zurück wie der einzig vergleichbare Themenabendfilm der vergangenen Jahre. «Homevideo» hiess der, vor fünf Jahren war das. Er handelte vom 15-jährigen Jakob (Jonas Nay am Beginn seiner Karriere), der mit dem Mitschnitt einer Masturbationsszene erst erpresst und anschliessend in den Selbstmord getrieben wird.

GEZ-Gebühren – hier sind sie sinnvoll investiert

In «Homevideo», den Kilian Riedhof gedreht hat und der so ziemlich sämtliche wichtigen Fernsehpreise des Jahres bekam, war alles so finster und konsequent, so einfühlsam und erschütternd, dass man für mehrere Monate ganz froh über die Abbuchung seiner GEZ-Gebühren war.

Das deutsche Kino kriegt so etwas nämlich erstens selten in der gleichen Intensität hin, zweitens nicht mit dem vergleichbaren stilistischen Wagemut in Erzählung und Umsetzung, und wenn, dann drittens in der Regel für deutlich weniger Zuschauer. Vertrauenslehrer, dem man nicht vertrauen sollte? Simon Keller (Devid Striesow) ist zwischen seinen gegensätzlichen Sehnsüchten hin- und hergeworfen

Worauf man sich im «Weissen Kaninchen» einlässt, sagt das weisse Kaninchen gleich am Anfang selbst. Es ist Devid Striesow. Die Kamera ist auf eine Schule zugeflogen, eine jener gläsernen, scheinbar transparenten Bildungsfabriken, wie es sie überall in gut situierten Stadtrandbezirken gibt. Die pulsierende Elektrostrommusik von Dominik Grafs für diesen extremen Score unbedingt auch auszuzeichnendem Florian van Volxem hatte sie – was sie mit der ganzen Geschichte tun wird – angetrieben.

Devid Striesow war nie gefährlicher als hier

Und dann sieht man Striesows Lippen, seine diesmal besonders eiskalten Augen, man sieht ihn von hinten. Und was er sagt, wie er es sagt – er ist einer jener coolen Vertrauenslehrer, dem nicht nur die Mädchen überall hin folgen würden –, gibt die These vor für alles, was kommt. Alles, was kommt, ist die allerschlimmstmögliche Bestätigung für das, was Simon Keller sagt. Und Keller weiss das. «Identitäten verschleiern, Informationen sammeln und das Opfer kontrollieren, darum geht es bei Cyberkriminalität. Ich will das Internet nicht verdammen, ich will euch nur bewusst machen, dass dort Jäger unterwegs sind. Und wenn ihr nicht aufpasst, seid ihr vielleicht die Beute.»

Leichte Beute sind vor allem jene, die sich als Aussenseiter fühlen, im Schatten der vermeintlich Schönen, der Strahlenden, weiter Entwickelten, und doch so sein wollen wie die. Alle zwischen den Stühlen, alle auf dem Weg ins Erwachsensein sind so. Verwirrbar, manipulierbar, missbrauchbar. Nichts entspricht dem mörderischen Wunderland so sehr wie die Pubertät. Sara, die Lena Urzendowsky mit einer umwerfenden und bis zur Selbstaufgabe gehenden Urwucht und Unschuld spielt, zum Beispiel. Sie möchte auch in der wirklichen Wirklichkeit mit den Jungs knutschen. Ihre Freundin tut es. Die ist blond. Und ihre Lippen sind geschminkt.

Im Chat kann sie sich verstecken, in ihrem vermeintlich geheimen Raum, kann sich mit Benny treffen (der ein weisses Kaninchen als Profilbild hat), der ist schon 17 und will ihr Freund sein. Und mit Kevin, der sehr gut aussieht, sie umschmeichelt und ganz schön scharf rangeht. Er liest ihr Hermann Hesse vor (das hätte sie eigentlich stutzig machen sollen). Er will Bilder von ihr, besondere Bilder, weist sie zurück, spielt mit ihr, bis sie tut, was sie nie tun wollte. Kevin – meint er – ist ein Meister der Cyberverführung. Sara gesteht ihre Verzweiflung Benny, der sie an einen Vertrauenslehrer weiterempfiehlt, der ihr helfen kann.

Grinsekatze, Kaninchen und rote Königin

«Das weisse Kaninchen» geht weit über «Homevideo» hinaus, weil es mehr ist als nur eine Fallgeschichte, weil es Psychodrama und immer stärker auch Thriller ist, weil es bis in die Tiefe die psychischen Deformationen, die seelischen Verletzungen, die Antriebe, Zerrissenheiten sämtlicher an diesem Vexierspiel der Identitäten Beteiligten auslotet. Alle Gewerke des Films sind gleichermassen an der visuellen, der dramatischen Wucht beteiligt, mit der «Das weisse Kaninchen» einschlägt. Nichts ist Erklärfilmwissen in den Dialogen. Alles ist verstörendes Leben.

Immer wenn man meint, Florian Schwarz würde auf eine halbwegs gerade Erzählstrecke durch den furchterregenden Sumpf von Trieben und Fantasien einbiegen, gerät man in das nächste Dickicht. Und der finstere Meister dieses Reiches, Grinsekatze, Kaninchen und rote Königin in einem, ist Devid Striesow. Wahrscheinlich war er noch nie so gefährlich gut wie hier als Lehrer, der ständig doppelte Spiele spielt mit sich selbst, seiner Familie, mit den Kindern, die ihm vertrauen und die er braucht, um Mann zu sein. Ein genialer Manipulator, der alles weiss über Pubertierende. Er ist im Kampf mit sich als Lebenshelfer, Mädchenschwarm – und Missbraucher.

Immer wieder werden – was ja wirklich schwer ist – fabelhafte Bilder für die Anderswelt des Cyberraums gefunden. Und überhaupt für die Welt. Ein furchterregender Weichzeichner löst die Ränder der Bilder gerne auf. Und die Menschen schauen aus wie Gespenster ihrer selbst. Immer böser wird alles. Ein Kommissar taucht auf, der macht alles auch nicht besser, weil ihn aus der Bahn wirft, was er sehen, fühlen, jagen muss. Man möchte aufwachen. Und sich dann irgendwo einschliessen. Bekommt es mit der Angst um die, die oben schlafen. Ein grandioser, ein grauenvoller, gefährlicher, wahrer Film.

«Das weisse Kaninchen»: ARD, 28. September, 20.15 Uhr. Mit anschliessender Diskussion bei Sandra Maischberger

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