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Die Neuentdeckung der Liebe

Fever Ray entdeckt auf ihrem Album «Plunge» ihren Körper neu. Sie ist dabei nicht allein, wie ihr Konzert im Zürcher Volkshaus zeigt.

Benedikt Sartorius
Fever Ray will sich als queerer Mensch neu entdecken. Foto: Louise Enhörning
Fever Ray will sich als queerer Mensch neu entdecken. Foto: Louise Enhörning

Die Haare sind abgeschnitten, der Mund und die Augen schwarz umrandet. Auf dem Tourismus-Shop-T-Shirt steht «I Love Swedish Girls», das «Swedish» ist durchgestrichen. Fever Ray ist in genau dieser Montur hier, um Liebe zu finden. Zumindest verspürt sie Lust auf Berührungen. Nicht von Perversen und Peinigern und Männern, die ihre «fuck history» lange Zeit definierten. Sondern sie will Sex mit solchen, die sie auch wirklich lieben.

«IDK About You». Video: Fever Ray (Youtube)

Sie formuliert diesen Wunsch im Song «An Itch», mit dem sie am Samstag ihr Konzert im Zürcher Volkshaus eröffnet: «Imagine: Touched by somebody who loves you.» Ja, stell dir vor, wie schön das wäre. Die synthetischen Beats und Sounds, die ihren Wunsch antreiben, sind nun aber nicht auf Harmonie aus, sondern klingen verzerrt und erzählen von einer, die ihr altes Leben hinter sich gelassen hat. Von einer Person namens Karin Dreijer, die auf ihrem aktuellen Album «Plunge» und auch am Konzert mit ihrer Kunstfigur Fever Ray neue Formen der Liebe sucht.

Kühle Beats, tropisch befeuert

Nun waren Utopien und die Erweiterung des gesellschaftlichen Möglichkeitsraums immer schon die grossen Themen der Popmusik. Fast niemand erinnerte in jüngster Zeit daran dringlicher als die 42-jährige Schwedin – nicht nur mit ihrem Soloprojekt «Fever Ray», sondern auch mit dem höchst erfolgreichen Synth-Pop-Duo The Knife, das sie mit ihrem Bruder Olof unterhalten hatte. Das gipfelte vor fünf Jahren in einer Tour, auf der die beiden mit einer Vielzahl Tänzerinnen zur gender-theore­tischen Aerobicshow luden und die ­Erwartungen, die gemeinhin an ein ­Popkonzert gekoppelt sind, schrill unterliefen.

Die aktuelle Fever-Ray-Show ist im Vergleich dazu schon fast traditionell getaktet. Trotz den fünf Komplizinnen, mit denen Dreijer das Konzert inszeniert. Sie sind verkleidet, als wären sie direkt von einer Gameconvention oder einer Rollenspielveranstaltung auf die Konzertbühne rübergeflüchtet, wie jene Sängerin und Tänzerin, die im aufgeblasenen Superhelden-Muskelkörperkostüm erscheint. Oder die bös wirkende Eiskönigin und die Perkussionistin in ihrer Blumenverkleidung, die mit einer weiteren Perkussionskollegin die kühlen Synth-Beats tropisch befeuert.

«To the Moon and Back». Video: Fever Ray (Youtube)

Ihre Komplizinnen sind bereits bekannt aus den expliziten Videoclips, mit denen Karin Dreijer im letzten Herbst nach langer Pause ihr zweites Fever-Ray-Album lancierte. Die Sängerin ist in jenen Clips ein kahles Wesen, und sie wandelt beispielsweise durch ein verlassenes Industriegebäude, bis sie von den Fantasy-Uniform-Dominas abgeschleppt wird. Sie wird gefesselt, begehrt, gemästet und, ja, auch angepisst. Doch auf dem fratzenhaften Gesicht der Fever-Ray-Figur ist kein Schock zu spüren, nur frisches Begehren und pure Lust, den neu belebten Körper zu erforschen. Es ist das Thema auf «Plunge», auf dem Dreijer darüber singt, wie sie sich nach einer Scheidung als queerer Mensch neu entdeckt, und ihren eigenen Körper neu definiert. Der Albumtitel beschreibt diese Häutung als Prozess des Fallens: «Die Entscheidung, zu fallen, ist härter als der Fall an sich», schrieb sie in einem Text, der das Album begleitete.

Zwischen Angst, Liebe und Lust

Im Konzert wird die Bewegung des Fallens und des Eintauchens in einen neuen Zustand deutlicher als in den grellen Clips. Denn Fever Ray verzichtet – abgesehen von einer angedeuteten, plump wirkenden Sexszene – auf voyeuristische Elemente. Oder solche, die Voyeure befriedigen könnten. Die neuen Songs, die zwischen Angst, Unsicherheiten, Liebe und sexueller Lust vermitteln, sie wirken ja auch so. Es gibt euphorisch betanzte Momente, etwa dann, wenn der Lustgipfel in «To the Moon and Back» just dann erreicht ist, als Dreijer mit ihrer kühlen, doch begehrenden Stimme den Satz «I want to run my fingers up your pussy» singt.

Und die Synth-Sounds neonfarben blitzen. Oder im ähnlich entfesselten «IDK About You», das seine Energie aus dem Beat zieht, der alles Strenge und Einengende der geläufigen Tanzmusik vergisst. Man hört Song gewordene Manifeste gegen die sexuellen Unterdrücker, die Fever Ray nur schon mit ihrer aktuellen Bühnenerscheinung herausfordert. Sie performt auch einige Songs ab ihrem Debüt, das vor acht Jahren erschienen ist. In diesen Momenten strahlt ihr Auftritt eine schon fast andächtige Ruhe aus, die verstärkt wird, weil das Publikum die Smartphones – wie von der Künstlerin mit Flugblättern erbeten – auch wirklich in den Taschen lässt. Und sich insgeheim auf die Suche nach dem macht, was Fever Ray in ihrer letzten Zeile des Abends als «A little thing called love» nennt.

Fever Ray: Plunge (Rabid Records/MV)

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