Er muss den Brexit moderieren

Lindsay Hoyle, der neue Sprecher des britischen Unterhauses, will wieder Ruhe in die Kammer bringen.

War schon vor der Wahl Favorit und wurde dann tatsächlich zum 158. Parlamentssprecher des Vereinigten Königsreichs gekürt: Lindsay Hoyle. Foto: PA

War schon vor der Wahl Favorit und wurde dann tatsächlich zum 158. Parlamentssprecher des Vereinigten Königsreichs gekürt: Lindsay Hoyle. Foto: PA

Cathrin Kahlweit@CathrinKahlweit

Es gehört zu den seltsameren Traditionen des britischen Unterhauses, dass zwei Abgeordnete den neuen Sprecher, der ja doch zuvor kandidiert und damit seine Bereitschaft für den neuen Job kundgetan hatte, nach der Wahl regelrecht auf seinen Stuhl am Kopf des Sitzungssaals in Westminster zerren müssen. Als würde er sich weigern, die Aufgabe zu übernehmen, und müsse gezwungen werden.

Dabei hatte Lindsay Hoyle, der am Montagabend aus sieben Bewerbern nach mehrstündigem, aufwendigem Prozedere zum 158. Parlamentssprecher des Vereinigten Königreichs gewählt wurde, seine Kür sorgsam vorbereitet. Er hatte sich in der Bewerbungsrede nicht zu viel und nicht zu wenig von seinem Vorgänger, dem so umstrittenen wie mittlerweile legendären John Bercow, distanziert. Und war ausserdem, was nicht vernachlässigt werden darf, schon seit 2010 Stellvertreter von Bercow gewesen. Er kannte den Job also und wusste, auf was er sich einliess.

Sir Lindsay war vor der Wahl Favorit gewesen; dass die Kür dann trotzdem mehrere Wahlgänge brauchte, führen manche Beobachter erschöpft darauf zurück, dass sich dieses Parlament, wie auch Premier Boris Johnson nicht müde wird zu betonen, so ziemlich auf gar nichts einigen könne. Andererseits ist die Rolle des Parlamentssprechers, wie seit dem Brexit-Referendum 2016 zu besichtigen war, so eminent wichtig für den demokratischen Prozess, dass seine Kollegen wohl zu Recht allen Bewerbern kritisch zugehört und schliesslich für den Mann gestimmt haben, der Wandel versprach, aber keine Revolution.

Hoyle wurde auch gewählt, weil er zurückhaltender als Bercow ist – und verspricht, den Job weniger zu einer Personality-Show zu machen.

Der Abgeordnete des Wahlkreises Chorley, der am Tag seiner Wahl – wie das üblich ist – die Labour-Mitgliedschaft ruhend stellte, um seine Unabhängigkeit zu demonstrieren, betonte denn auch, er wolle einiges ändern. Vor allem wolle er dafür sorgen, dass das Hohe Haus dereinst wieder in der ganzen Welt respektiert werde und dass Toleranz und Respekt dominierten. Danach zollte er seiner Familie Tribut. Seine 28-jährige Tochter Natalie hatte sich vor einem Jahr das Leben genommen; Hoyle bekannte unter Tränen, wie sehr er sie vermisse.

Der Nachfolger von John Bercow tritt einerseits ein schweres Erbe an, denn der Streit über den Brexit wird auch im neuen Parlament weitergehen. Viele Kollegen erwarten vom neuen Sprecher, dass er die Ausweitung der Mitspracherechte, die Bercow zum Missfallen der Regierung eingefordert hatte, nicht kampflos aufgibt. Andererseits wurde Hoyle gewählt, weil er zurückhaltender und konzilianter ist – und verspricht, den Job weniger zu einer Personality-Show zu machen.

Schon sein Vater war Parlamentsabgeordneter gewesen, er selbst hatte vor der Karriere im Gemeinderat und später im Unterhaus eine Firma für Siebdrucke betrieben. Nun liegt vor dem 62-jährigen Politiker eine komplexe Aufgabe. Er muss als Schiedsrichter zwischen Downing Street und Unterhaus agieren und ein zunehmend selbstbewussteres Parlament einhegen. Eines aber muss Hoyle nicht tun: Wahlkampf führen. Es ist dem Wahltermin geschuldet, dass das Parlament just einen Tag vor seiner Auflösung einen neuen Sprecher wählte, aber immerhin: Die Konkurrenz stellt gegen den amtierenden Sprecher keinen Kandidaten auf.

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