Fernsehauftritt könnte Clariant-Chefs den Job kosten

Die Börsenaufsicht hat eine Untersuchung gegen den Baselbieter Chemiekonzern eingeleitet.

«Ego-Show» fürs Fernsehen: Clariant-Chef Hariolf Kottmann. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

«Ego-Show» fürs Fernsehen: Clariant-Chef Hariolf Kottmann. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

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«Bei uns wird das nicht schiefgehen», sagte Clariant-Chef Hariolf Kottmann gegenüber dem Schweizer Fernsehen SRF, als er am 22. Mai vergangenen Jahres die Pläne zur Fusion mit dem US-Konzern Huntsman bekannt gab. Es ging trotzdem schief. Von Aktionärsseite her regte sich schnell Widerstand. Die Investorengruppe White Tale stockte ihren Anteil auf 20 Prozent auf und verhinderte den Deal, den sie als «strategisch falsch» bezeichnete.

Bei Clariant ging nicht nur der geplante Zusammenschluss schief, denn seit gestern weiss man, dass die Ankündigung der Fusion juristische Folgen hat. Die Börsenaufsicht Six Exchange Regulation hat eine Untersuchung gegen den Chemiekonzern aus Muttenz BL eröffnet. Dabei wird abgeklärt, ob Clariant Vorschriften zur Ad-hoc-Publizität verletzt hat. Börsenkotierte Firmen müssen Regeln einhalten, wie sie Anleger und die Öffentlichkeit über wichtige Ereignisse, die das Unternehmen und den Geschäftsgang betreffen, informieren.

Stein des Anstosses ist eine Fernsehreportage des Wirtschaftsmagazins «Eco», wie Clariant bestätigt. Hariolf Kottmann liess sich einen Tag vor Bekanntgabe des streng geheimen 20-Milliarden-Dollar-Deals exklusiv von einem Kamerateam begleiten. Dieses filmte, wie er am Sonntagmorgen von seinem Chauffeur abgeholt wird. Dazu die Redaktorin: «Wenn alles gut geht, ist er in wenigen Stunden nicht mehr Konzernchef von Clariant, sondern Präsident eines doppelt so grossen Unternehmens.» Die Tatsache, dass ein CEO ein TV-Team in streng vertrauliche Verhandlungen einweiht und den Personen dadurch einen Wissensvorsprung gewährt, ist delikat.

«Ego-Show des Konzernchefs»

Die TV-Reportage zeigt, wie der Firmenchef vor dem Zürcher Hotel Widder vorfährt. «Anwälte, Banker und Manager von Huntsman und Clariant haben bis morgens um vier getagt. Jetzt sitzen sie bereits wieder seit Stunden über den Verträgen der geplanten Fusion», heisst es im Beitrag. Es folgt der Handschlag zwischen Hariolf Kottmann und dem Huntsman-Chef.

Kommunikationsberater schütteln ob des TV-Beitrags den Kopf. Kottmann wird vorgeworfen, «eine Ego-Show» ins­zeniert zu haben. Diese könnte nun zu strafrechtlichen Folgen für den Konzern führen. Denn je mehr Personen frühzeitig von einer geplanten Fusion wissen, desto grösser ist die Gefahr, dass Insiderinformationen an Unbefugte gelangen und jemand von ihnen versucht, den Vorteil auszuspielen. Gerade bei einem TV-Bericht müssen mehrere Personen (Redaktion, Kameraleute, Tontechniker) einige Tage im Voraus involviert werden. Die Clariant-Aktie stieg denn auch vor dem 22. Mai auffällig an.

Bei Clariant wollte gestern niemand persönlich Auskunft geben. Auf telefonische Anfrage wird auf die Medienmitteilung verwiesen. Darin heisst es: «Aufgrund der Komplexität der Transaktion wurde entschieden, für die generelle Information der breiten Öffentlichkeit auch das Schweizer Radio und Fernsehen SRF miteinzubeziehen.» Im Rahmen des frühzeitigen Einbezugs sei mit allen Beteiligten eine rechtlich verbindliche Vertraulichkeitserklärung unterzeichnet worden. In der Untersuchung werde man «uneingeschränkt mit der Börsenaufsicht kooperieren».

Falls es zu Insidergeschäften gekommen ist, könnte der Konzern mit einer Busse von bis zu 10 Millionen Franken belegt werden. Im schlimmsten Fall kann es auch weitere Folgen haben: Sistierung, Dekotierung der Aktie. Falls die Börsenaufsicht keine gravierenden Verfehlungen feststellt, wird Clariant höchstens einen Verweis erhalten. Die Untersuchung der Börse schwächt die Stellung der Clariant-Führung weiter. Nachdem White Tale gegen die Fusionspläne gekämpft hat und sich durchsetzen konnte, sind die Investoren wenig begeistert von Hariolf Kottmann und Clariant-Verwaltungsratspräsident Rudolf Wehrli. White Tale will an der Generalversammlung vom März drei eigene Vertreter in den Verwaltungsrat wählen. Kottmann und Wehrli gestehen dem grössten Aktionär jedoch nur einen Vertreter zu. Die Ausgangslage bleibt somit spannend. Zieht White Tale weitere Grossaktionäre auf ihre Seite, kann sich die Investorengruppe durchsetzen.

Auf Anfrage bei der Anlagestiftung Ethos heisst es, dass es gegenwärtig noch zu früh sei, um auf das Abstimmungsverhalten an der Clariant-Generalversammlung zu schliessen. Ethos werde die Untersuchung der Börsenaufsicht abwarten und anschliessend entsprechend entscheiden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2018, 00:11 Uhr

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