Immer dieses Wetter!

Markus Waldner kämpft als Renndirektor im Männer-Weltcup auch am Lauberhorn mit dem natürlichen Gegner. Dieser wird wohl bewirken, dass die Abfahrt morgen nur verkürzt stattfindet.

Renndirektor Markus Waldner beobachtet neben dem Starthaus die Wetterentwicklung. Foto: Urs Jaudas

Renndirektor Markus Waldner beobachtet neben dem Starthaus die Wetterentwicklung. Foto: Urs Jaudas

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Es ist ein schöner Moment im Leben von Markus Waldner. Er hält auf der Lauberhornpiste inne, betrachtet das eindrückliche Bergpanorama, über ihm funkeln die Sterne an diesem frühen Donnerstagmorgen, das Restaurant gegenüber dem Hundschopf leuchtet in mystischem Rot. «Das nenne ich einmal ein Büro mit Aussicht», sagt der Südtiroler.

Waldner ist seit 2014 Renndirektor beim Internationalen Skiverband (FIS), der Nachfolger von Günter Hujara, und als solcher bei jedem Weltcuprennen der Männer im Einsatz. Gerade nach dem verregneten Wochenende von Adelboden geniesst der 52-Jährige diesen Augenblick sichtlich.

15 Minuten später, es ist 7.15 Uhr und Waldner schon seit über zwei Stunden auf den Beinen, sitzt er auf einer Bank bei der Bahnstation Wengernalp. Er hat die Strecke beim Canadian Corner verlassen, wartet auf den Zug mit den Trainern, die die Piste besichtigen möchten. Waldner lehnt sich zurück, scherzt mit seinen Begleitern, etwa mit Robert Lehmann, dem Rennleiter am Lauberhorn. Er macht Aufwärmübungen, Liegestützen auf der Bank, als Lehmanns Telefon klingelt und jemand anruft, den sie gerade jetzt eigentlich lieber nicht gehört hätten: Peter Hinteregger, seit 1996 der Meteorologe des Rennens. «Ja, immer das Wetter, ne», sagt Waldner.

Früher? Kürzer? Schneller?

Die Neuigkeiten von Hinteregger sind denn auch solche, die keine Freude bereiten. Eine Wetterverschlechterung meldet der Fachmann. Die Wolken würden schon früher auf die Strecke ziehen als am Vorabend vermutet. «Zurzeit ist es aber noch sternenklar», sagt Lehmann. Doch sie vertrauen dem Mann, von dem Waldner sagt, er sei «die wichtigste Person hier» und mache seine ­Arbeit «fantastisch».

Wieder einmal also ist umdenken angesagt in diesem wetterverrückten ­Winter. Waldner formuliert es so: «Es ist kein Dämpfer, ich bin jetzt brutal motiviert, überlege mir andere Optionen.» Früher starten? Oder weiter unten? Kürzere Startintervalle festsetzen? Die Testflüge der Patrouille Suisse absagen, um etwas Zeit zu gewinnen? Die Besichtigung schneller durchführen?

Am Berg, direkt unter dem Starthaus, informiert er die Trainer, einige hat er im Zug mit einem Klaps auf den Hinterkopf begrüsst. Während der Fahrt nach oben sind diese über Lautsprecher noch darauf aufmerksam gemacht worden, dass sie «zu Ihrer Rechten das weltbekannte Panorama mit Eiger, Mönch und Jungfrau sehen» würden. Und ein Blick aus dem Fenster lohnte sich. Die Stimmung war malerisch, die Morgendämmerung setzte ein, die Sonne lugte über die Berggipfel. Bald allerdings würden diese in Wolken gehüllt sein.

«Des worn keine Mäuserl»

Das also sagt Waldner den Trainern auf der Piste nun und macht sich dann auf zu seiner zweiten, diesmal ganzen Besichtigung der Strecke. Seine Stirnlampe braucht er dafür nicht mehr. Von der kompakten, teils eisigen Unterlage ist er angetan. Auch die grossen Löcher im Schnee unter der Minschkante irritieren ihn nicht. Mit seiner nasalen Stimme und in breitestem Südtirolerisch sagt er: «Des worn keine Mäuserl.» Vielmehr hätten seine Helfer diese am Abend zuvor gebohrt, um die Piste auch in tieferen Lagen zu wässern. Die klare und mit –8 Grad kalte Nacht tat dann das Ihrige dazu, dass auch die Trainer und später die Fahrer begeistert sind von der Wandlung, die die Piste in nur wenigen Stunden erlebt hat: vom weichen Sulz, der ein Training am Mittwoch noch verhindert hatte, in einen pickelharten, rennwürdigen Belag.

Nur ein paar tiefe Fussspuren von den emsigen Helfern von Armee und Zivilschutz muss er mit seinen Ski noch zuschütten, hier und da bei Toren etwas Schnee wegschieben, dort jemanden anweisen, doch bitte die Sturzräume vom tiefen Schnee zu befreien. Bei vielen Pisten­arbeitern fährt er aber mit erhobenem Daumen vorbei. «Ihr seid stark», ruft er ihnen zu. Und sagt dann: «Man muss sie loben und motivieren, auch sie schuften.»

Auf ihn aber wartet die grosse Aufgabe noch. Statt wie geplant zur Ausfahrt des Brüggli-S zu fahren, wo er auf einem Hügel seine Beobachtungsposition hat, macht er sich nun zum dritten Mal auf zum Start, von wo aus er die Wolkendecke beobachtet, die sich mittlerweile auf die Berge gelegt hat.

Der Trick mit dem Startstück

Es ist 9.45 Uhr, noch zwei Stunden, bis die Startnummer 1 ihre Trainingsfahrt aufnehmen wird. Waldner schaut konzentriert, spricht sich immer wieder mit Leuten vom Organisationskomitee ab, mit anderen Mitarbeitern der FIS. Und entscheidet letztlich: Der Start wird nach unten verlegt, dorthin, von wo aus sich heute die Athleten auch zur Kombinationsabfahrt abstossen werden, zwei Kurven oberhalb des Hundschopfs. «Das bedeutet, dass zur Abfahrt am Samstag sicher nicht von oben gestartet werden kann», sagt Waldner – vorerst.

Später hat er dann eine zündende Idee: Würde er die Fahrer vor der Besichtigung am Samstag aus dem oberen Starthaus schicken und sie nach 20 Fahr­sekunden wieder abwinken, könnten die ganzen 4,5 Kilometer gefahren werden. «Denn sie müssen nur in einem Training von dort aus losgefahren sein», erklärt er.

Diese Option wird aber kaum angewendet werden. Für Samstag sind die Prognosen sehr durchzogen. Waldner wird wohl den seltenen Moment vom Donnerstagmorgen noch länger in Erinnerung behalten müssen. Von einem Büro mit einem atemberaubenden Ausblick.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2016, 23:50 Uhr

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