«Kein Kritiker ist je mit Tempo 300 verunfallt»

Alexander Wurz weiss, wie sich ein Crash anfühlt. Der frühere Formel-1-Pilot kämpft für Sicherheit – und Spektakel.

Sicherere Autos ergeben mehr harte Kämpfe, sagt Wurz. Wie hier zwischen Vettel (l.) und Räikkönen in Singapur 2017. Foto: Imago

Sicherere Autos ergeben mehr harte Kämpfe, sagt Wurz. Wie hier zwischen Vettel (l.) und Räikkönen in Singapur 2017. Foto: Imago

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Sie sind Experte für Sicherheit in der Formel 1. Sehen Sie noch Potenzial?
Die Menschheit hat ihre Grenzen nie erreicht. Wir müssen sie immer neu suchen, nur so entwickeln wir uns weiter.

Wurde die Grenze mit dem Kopfschutz Halo nicht gar überschritten?
Eines vorneweg: Wenn sich die Sicherheit in der Formel 1 seit den 60er-Jahren nicht stetig verbessert hätte, wären die Rennen in vielen Ländern verboten, weil Regierungen, Sponsoren und Veranstalter tödliche Unfälle nicht einfach akzeptieren. Und: Die Sicherheit muss sich erhöhen, damit extremere Strecken gebaut werden können, damit das Feld auch bei starkem Regen fahren kann, die Piloten hart gegeneinander kämpfen können. Sie müssen sich gegenseitig wegdrängen und in die Wand krachen. Machen wir die Autos sicherer, gibt es spektakulärere Rennen, und der Zuschauer kann das am Fernseher geniessen, weil es keinen gibt, so hoffe ich zumindest, der auf einen tödlichen Unfall wartet.

Wie gefährlich ist die Formel 1?
Rennsport wird immer gefährlich sein. Wenn einer in der Hochgeschwindigkeitskurve Eau Rouge (in Spa) mit 300 km/h abfliegt – mit Halo oder ohne –, dann tut das weh und ist gefährlich.

Exponenten sagen, die Formel 1 verliere durch Sicherheitswahn an Reiz. Was antworten Sie?
Denkt einen Schritt weiter! Wenn wir nun sagen, die Formel 1 sei sicher genug, dann können wir in zehn Jahren nicht schneller fahren als jetzt. Und: Die Formel 1 ist ja auch nicht unpopulär geworden, weil sie sicherer ist, sondern weil falsche Entscheidungen getroffen wurden – etwa, dass sie von den öffentlichen zu den privaten Fernsehsendern abwandern soll. Es gibt jetzt breitere Reifen, die Piloten fahren schneller und sind wieder mehr gefordert. Man hört an der Stimme am Funk, dass sie sich am Limit bewegen. Das lässt sich verkaufen, die Einschaltquoten steigen. Von den 60er-Jahren bis heute wurde die Popularität der Formel 1 grösser. Gleichzeitig gingen die tragischen Unfälle drastisch zurück. Das sagt alles.

Es kann also nicht zu sicher sein?
Was ist das schon für eine Aussage? Zu sicher? Keiner dieser Kritiker ist je mit 300 km/h verunfallt. Wenn jetzt ein vorausfahrender Pilot ein Rad verliert, dann kann der hinten dank des Halo am Abend vielleicht seine Familie wieder sehen. Dass der Halo nicht schön ist, ist eine andere Sache.

Sie wissen, wie es ist, mit 300 km/h aufzuprallen. Das passierte Ihnen 2005 auf dem Circuit Paul Ricard. Wie war das?
Das war mein schlimmster Crash und der Unfall mit höchstem Tempo, den je ein Fahrer unverletzt überstanden hat. Als ich in die Mauer krachte, flog vorne alles weg, ich habe mich etwa 25-mal gedreht und bin dann 400 Meter später noch einmal in eine Mauer eingeschlagen. Ich wusste da schon, dass meine Füsse hinausschauen, und hoffte nur, dass ich nicht nochmals mit der Frontseite aufpralle, sonst wären meine Füsse weg gewesen. Ich prallte zum Glück rückwärts auf, stieg aus und sass am nächsten Tag wieder im Rennauto.

Hat der Unfall Sie und auch Ihr Sicherheitsdenken geprägt?
Nein, das war völlig wurst. Wenn man mit so etwas nicht umgehen und es akzeptieren kann, dann darf man gar nicht erst ins Cockpit steigen. Das heisst nicht, dass ein Rennfahrer suizidgefährdet ist, aber ich kenne das Risiko.

Wo sehen Sie die grösste Gefahr für die Formel 1?
In den Entscheidungen, die in der Vergangenheit gemacht wurden: dass das Geld ungleich verteilt wird, dass die Topteams entscheiden. Deshalb gibt es weniger Wettkampf. Wenn es wieder fünf, sechs Sieger gibt und mehrere Piloten um die WM fahren, spielt es auch keine Rolle, wenn ein Halo auf dem Wagen steckt oder der Flügel so konzipiert ist, dass er keine Reifen mehr aufschlitzt.

Sie sagen, Rennsport bleibe gefährlich. Wie geht es Ihnen als Vater, wenn Sie Ihren zwei jüngeren Söhnen bei Kartrennen zuschauen und Ihrem ältesten beim Rallycross?
Wir haben an der Strecke eine gute Zeit zusammen. Aber zwei meiner Kinder haben sich letztes Jahr überschlagen, mussten ins Spital, da hatte ich natürlich Angst. Wir sprachen darüber. Auch sie sind sich des Risikos bewusst. Aber klar: Wir suchen den besten Helm, den besten Nackenschutz für sie.

«Es tut mir weh, dass bei uns der Tod im Verkehr als etwas Natürliches hingenommen wird.»

Wollen Sie diesen Weg für Ihre Kinder?
Sie wollen ihn, ich kann ihnen nur die Möglichkeit geben, ihn zu gehen. Ich wollte nicht, dass sie Rennen fahren. Bis mir ein Pilot von seinem Vater erzählte, der ihn nicht fahren lassen wollte. Er sagte mir: «Ich liebe ihn. Aber ich hasse ihn dafür, dass er mir nicht ermöglichte, das zu tun, was er jahrelang tat.» Das war heftig. Also bin ich mit den Kindern an die Kartstrecke. Und, natürlich: Sie waren sofort begeistert. Ich sagte ihnen: Wenn ihr in der Schule und zu Hause brav seid, dann helfe ich euch. Nun führen die zwei Kleinen eine Kartmeisterschaft an und feierten auch in der österreichischen Meisterschaft Rennsiege.

Sie leben seit 1997 in Monaco. Wieso fahren die Kinder in Österreich?
Wegen meines Nationalstolzes. (lacht) Sie wohnen dann bei ihren Grosseltern und lernen meine Kultur und Sprache kennen. In der Schule sprechen sie Französisch, zu Hause bei meiner Frau Julia Englisch.

In Monaco sind die Reichen unter sich. Wie wichtig ist Ihnen für Ihre Kinder Bodenständigkeit?
Es sieht hier nur während des Formel-1-Wochenendes verrückt aus. Sonst ist Monte Carlo eher verschlafen. Aber natürlich gibt es eine Anhäufung von sehr reichen Leuten. Ich schaue schon, dass die Kinder auf dem Boden bleiben. Sie sollen Respekt haben für alle Menschen und Dinge.

Aber mitunter kann das Leben in Monaco auch dekadent sein.
Wenn Mutter und Vater jeden Tag zwischen 12 und 14 Stunden arbeiten, kriegen sie nicht viel mit von der Dekadenz.

Sie sind TV-Kommentator, Ausbildner in Verkehrssicherheit, Präsident der Fahrer-Vereinigung, Berater des Williams-Teams und designen Renn­­­­­strecken: Wieso geniessen Sie nicht einfach Ihr Leben und die Familie?
Ich geniesse das doch. Klar, habe ich derzeit viel zu tun, vor allem, weil in meinem Geschäft für Streckendesign ziemlich die Post abgeht. Die Tage, an denen ich nur herumhänge, gibt es nicht. Dazu bin ich auch nicht der Typ, ich würde grantig.

Wieso zogen Sie nach Monte Carlo?
Es wohnen alle Topstars der Szene hier. Es war eine Belohnung für mich. Ich wusste: Wow, jetzt bist du einer von ganz wenigen, die das geschafft haben. Natürlich hatte es auch steuerliche Gründe.

Was bedeutet Ihnen der Grand Prix vor der Haustür?
Es ist schön, dass ich zu Hause schlafen kann. Und für mich ist er ein Zeichen an die Besitzer der Formel 1: Monaco ist das – in Anführungszeichen – langweiligste Rennen. Es wird nicht überholt. Dennoch hat es die höchsten Einschaltquoten, weil wir hier etwas ganz Tolles präsentieren. Es braucht keine künstlichen Überholhilfen, keinen Superboost, keine Bananenschalen auf dem Boden wie beim Computerspiel Mario Kart. Kurz: Wir müssen authentisch bleiben.

Sie haben eine Firma, die sich mit der Aus- und Weiterbildung von Verkehrsteilnehmern beschäftigt: Gibt es Parallelen zum Rennsport?
Im Verkehr könnten wir viel vom Motorsport lernen, was die Sicherheit angeht. Vor allem ist ein Rennfahrer immer zu 100 Prozent konzentriert, das wäre auch im Alltag das Allerwichtigste.

Wird genug für die Verkehrssicherheit getan?
Nein. Und es tut mir weh, dass in unserer Gesellschaft der Tod auf der Strasse als etwas Natürliches hingenommen wird. Es kommt mir vor, als würde viel mehr dafür getan, dass bei einem Erdbeben keine Häuser einstürzen. Dabei ist die Haupttodesursache bei jungen Menschen ein Unfall. In Europa verursacht ein Verkehrstoter allein an direkten Kosten 1 Million Euro: Aufräumarbeiten, Polizeieinsatz, Untersuchung. Die indirekten Kosten sind da noch deutlich höher. Stirbt ein junger Mann, haben wir alle seine Ausbildung bezahlt, er aber nie Steuern. Wir müssen mehr gegen diese menschlichen Dramen tun.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2018, 08:32 Uhr

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Alexander Wurz (44)

Über 10 Jahre war der Österreicher in der Formel 1, kam auf 69 Starts und 3 Podest­plätze. Der TV-­Experte lebt mit seiner Frau und den Söhnen Felix (16), Charlie (12) und Oscar (10) in Monaco.

Formel 1: GP England

NameTeamZeit
1.Lewis HamiltonMercedes 1:21:27.430
2.Valtteri BottasMercedes +14.063
3.Kimi RaeikkoenenFerrari +36.570
4.Max VerstappenRed Bull +52.125
5.Daniel RicciardoRed Bull +1:05.955
6.Nico HuelkenbergLotus Renault +1:08.109
7.Sebastian VettelFerrari +1:33.989
8.Esteban OconForce India+ 1 Runde
9.Sergio PerezForce India+ 1 Runde
10.Felipe MassaWilliams+ 1 Runde
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Stand: 17.07.2017 07:35

Formel 1: WM-Stand Fahrer

NameTeamP
1.Lewis HamiltonMercedes72861
1.Lewis HamiltonMercedes381
3.Sebastian VettelFerrari72871
3.Sebastian VettelFerrari278
4.Kimi RaeikkoenenFerrari72871
4.Kimi RaeikkoenenFerrari150
5.Valtteri BottasMercedes72867
5.Valtteri BottasMercedes136
6.Felipe MassaWilliams72867
6.Felipe MassaWilliams121
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Stand: 11.04.2016 10:40

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