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Klassiker der Woche: So vielleicht?

Patricia Kopatchinskaja hat den Schweizer Musikpreis 2017 erhalten. Unter anderem dafür.

Wie spielt man auf einer Violine Fragezeichen? Keine weiss das besser als Patricia Kopatchinskaja, geboren 1977 in Moldawien, Wahlbernerin – und seit letztem Freitag Trägerin des mit 100'000 Franken dotierten Schweizer Musikpreises. Selbst die Hits des klassischen Repertoires spielt sie nie im Gestus einer Musikerin, die weiss, wie es geht. Da gibts immer die kleinen Momente des Suchens, des Zweifelns, des Ausprobierens: So vielleicht?

Bekannt geworden ist sie allerdings auch für ihre Ausrufezeichen. Kopatchinskaja kann rabiat spielen, geradezu brutal manchmal. Musik ist für sie nun mal nicht einfach nur nett und schön, und das soll man hören in ihren Konzerten. Manchmal lässt sie einen ein Werk so ganz neu entdecken. Manchmal schiesst sie auch übers Ziel hinaus, das gehört dazu. Aber ganz sicher langweilt man sich nie bei ihr.

Töne testen

Auch hier nicht. Zwar hat der georgische Komponist Giya Kancheli seinen «Rag-Gidon-Time» einst für Gidon Kremer geschrieben, aber das Stück ist auch eine perfekte Vorlage für Patricia Kopatchinskaja. Wie da Töne angetippt, verworfen, noch einmal getestet werden; wie sich allmählich ein Tanzrhythmus ergibt; wie die Geigerin und die Pianistin Polina Leschenko sich zueinander vortasten, ohne je wirklich zusammenzufinden; wie da plötzlich ein saftiger Ton, ein kräftiger Schwung aufkommt; und wie sich alles wieder verflüchtigt: Das ist musikalisches Theater in Reinform.

Da passt es bestens, dass Kopatchinskaja eine Art Frack-Zitat trägt. Auch sonst passt alles zusammen – bis hin zum Publikum, das sich offenbar bestens amüsiert. Man denkt dann an all die Konzertveranstalter, die sich fürchten vor zeitgenössischen Werken, weil sie das Publikum erschrecken könnten. Und man erinnert sich an das, was Patricia Kopatchinskaja kürzlich im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» gesagt hat: Konzerte seien heute wie Mausoleen, «man geht sich diese Leiche anschauen, sie soll dann würdig daliegen, sich möglichst nicht bewegen und ihre Farbe nicht ändern».

Sie hat keine Lust, würdig dazuliegen. Und sie hat auch keine Lust auf die immer selben Stücke. Allein dafür hat sie den Schweizer Musikpreis verdient.

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