Mandelas Erbe bleibt beschmutzt

Der ANC hat den Rücktritt von Präsident Jacob Zuma beschlossen. Das ist kein Neuanfang, sondern das übliche Machtgebaren mit kosmetischen Korrekturen.

Auch der neue ANC-Vorsitzende Cyril Ramaphosa beruft sich gerne auf Nelson Mandela. Foto: Mark Wessels (Keystone)

Auch der neue ANC-Vorsitzende Cyril Ramaphosa beruft sich gerne auf Nelson Mandela. Foto: Mark Wessels (Keystone)

Seinen Namen trägt jetzt auch eine Rose. Ihr Aussehen soll an ihn erinnern, obwohl die Rose rosa ist und Nelson Mandela ziemlich schwarz war. Hundert Jahre alt wäre er kommenden Juli geworden, weshalb in Südafrika und auf der ganzen Welt schon die Feierlichkeiten beginnen, die auch eine riesige Verkaufsveranstaltung sind.

Neben der Rose, die für etwa sieben Franken in den Handel kommen wird, wären da Bücher, Filme, Briefmarken, Wachsfiguren, CDs, Münzen, Shirts, Mützen und so weiter; und ein Haarschneidewettbewerb, den derjenige gewinnt, dessen Frisur dem grossen Staatsmann am nächsten kommt. Es ist die völlige Banalisierung und Entpolitisierung einer Jahrhundertfigur.

Etliche Weisse in Südafrika denken, es sei ein ausreichender Beitrag zur Überwindung der Gegensätze, wenn sie sich ein Bild Mandelas über den Kamin hängen. Und etliche schwarze Politiker des African National Congress denken, dass es ausreiche, sich eine Mandela-Baseball-Mütze aufzusetzen und zu behaupten, die korrupte Befreiungs­bewegung kehre ab heute auf den Pfad der Tugend zurück.

Auch der ANC-Vorsitzende Cyril Ramaphosa preist Mandela gerade, wann immer es geht. Dabei wäre weniger Mandela wahrscheinlich die bessere Lösung. Er war ein Held, grösser als das Leben, aber eben nicht ohne Fehler. Er war ein Befreier, ein Kämpfer, der dann als Präsident des Landes ein Versöhner war, aber auch ein treuer Soldat des ANC, der sich als «Zentrum der Macht» sieht, als Staatspartei. Das ist das Grundproblem Süd­afrikas – und des gesamten Kontinents.

«Jetzt bin ich dran, jetzt werde ich reich.»

Überall haben Befreiungsbewegungen die Macht der weissen Unterdrücker heldenhaft überwunden, überall sind sie in der Demokratie gescheitert. Die Haft und Unterdrückung haben Mandela zu einem besseren Menschen gemacht, der so strahlte, dass man übersah, was die Unterdrückung in Afrika mit vielen anderen gemacht hat.

Noch-Präsident Jacob Zuma sass mit Mandela auf Robben Island, er jedoch wurde nicht als Versöhner entlassen, sondern als einer, der sagte: «Jetzt bin ich dran, jetzt werde ich reich. So wie die Weissen, so habe ich es gelernt.» Das war sein ganzes Programm.

Mandela hat sich wohl nie bereichert, aber er hat sich auch nicht energisch dagegen ausgesprochen, als seine Kameraden damit begannen. Er hat die Korruption als innere Angelegenheit des ANC betrachtet, die intern zu lösen sei. Zum Schluss war er einfach zu alt.

Der Abstieg als Chance

Das ist auch Teil seines Erbes, das Cyril Ramaphosa nun weiterführt. Hinter verschlossenen Türen wird der Rücktritt Zumas beschlossen, die Partei entscheidet, nicht die Volksvertreter im Parlament. Das ist kein Neuanfang, das ist ein «Weiter so» mit kosmetischen Korrekturen. Für den ANC könnte das gut sein. Für das Land nicht.

Es klingt paradox, aber womöglich wäre es besser, wenn Zuma und seine korrupte Clique noch etwas im Amt geblieben wäre und all die Skandale auch dem Letzten in Südafrika klargemacht hätten, dass es dieser ANC nicht mehr verdient, an der Macht zu sein.

Für den ANC wäre das womöglich eine Erfahrung, die ihn zu einer normalen Partei werden liesse. Der Abstieg würde vielleicht diejenigen verjagen, denen es nur um Geld und Posten geht. Und denjenigen im ANC eine Chance geben, die für die wahren Werte Mandelas stehen.

Tages-Anzeiger

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