Nicht mehr als ein Schrittchen

Das Formel-1-Jahr 2015 war für Sauber erneut eine Enttäuschung.

Wie beim Saisonabschluss in Abu Dhabi meist einsam unterwegs: Die Sauber mit Felipe Nasr (Bild) und Marcus Ericsson. Foto: Clive Mason (Getty Images)

Wie beim Saisonabschluss in Abu Dhabi meist einsam unterwegs: Die Sauber mit Felipe Nasr (Bild) und Marcus Ericsson. Foto: Clive Mason (Getty Images)

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Sie musste schmunzeln, noch während ihr dieser Satz über die Lippen ging: «Es ist eine Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr.» Es war kurz vor Halbzeit in diesem Formel-1-Jahr. Sauber-Chefin Monisha Kaltenborn sah sich damit konfrontiert, dass ihr Rennstall nach fulminantem Start in Australien mit den Rängen 5 von Felipe Nasr (23) und 8 von Marcus Ericsson (25) an Terrain verlor, in der Tabelle abrutschte, vor diesem Grand Prix von Grossbritannien noch auf Rang 7 lag. Gestern ging die Saison in Abu Dhabi zu Ende. Der 8. Platz in der Teamwertung ist es geworden. Und Kaltenborn könnte sagen: «Es ist eine Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr.»

Nur: Weder sie noch ihre Mitarbeiter werden dieses Jahr 2014 als Gradmesser genommen haben, das erstmals in der 23-jährigen Formel-1-­Geschichte von Sauber ohne einen Punkt endete. Allein das Schmunzeln der Chefin verriet das. War es Ironie? Galgenhumor? Jedenfalls kann das Fazit nur lauten: Es ist eine weitere Ent­täuschung für den Rennstall aus Hinwil. Erst einmal – eben in ­diesem desaströsen Vorjahr – war er schlechter klassiert. Nur zwei Teams hat er letztlich hinter sich gelassen.

Den Anschluss früh verloren

Zum einen McLaren. Den Traditionsrennstall, der mit Honda, dem Erfolgspartner aus den späten 80er- und frühen 90er-Jahren, einen Neustart wagte, der gründlich missriet. Der Motor war weder konkurrenzfähig noch zuverlässig. Dass Fernando Alonso und Jenson Button noch deutlich mehr Humor brauchten, um das zu verarbeiten, bewiesen die einstigen Weltmeister in Brasilien. Wieder einmal hatte Alonso sein Auto stehen lassen müssen. Kurzerhand lieh er sich einen Campingstuhl und setzte sich gemütlich an den Streckenrand – während das Qualifying lief. Als sich auch Button aus dem ersten Teil der Zeitenjagd verabschiedet hatte, erklommen die beiden das Podest im Autódromo José Carlos Pace und liessen sich von den Fans feiern. So ernst nahmen die beiden ihre Situation.

Zum anderen liegt da noch Manor Marussia hinter Sauber. Ein Rennstall, der Ende letzter Saison bankrott war, im Frühjahr gerettet wurde und mit einem modifizierten Auto von 2014 dem Feld hinterherfuhr – in Barcelona etwa wäre der Spanier Roberto Merhi mit seiner Qualifyingzeit selbst in der Nachwuchsserie GP2 Letzter geworden.

Das also sind sie: die zwei Teams, die noch weniger Punkte sammelten als Sauber. Von Force India, Lotus oder Toro Rosso, die in Reichweite hätten liegen sollen, wurde es längst überholt. Das siebtplatzierte Toro Rosso holte mit 67 fast doppelt so viele Punkte. Der Auftakt in Australien: Er blieb der einzige Höhepunkt.

Eigentlich aber hätte er zum grossen Zeichen werden sollen: Sauber hat die Vergangenheit erfolgreich hinter sich gelassen, ist bereit für den Neuanfang. Kurz vor dem ersten Rennen hatte das Team vor einem australischen Gericht einen Rechts­streit mit dem letztjährigen Ersatzfahrer Giedo van der Garde verloren, der auf seinen Vertrag als Stammfahrer für 2015 pochte.

Lange war nicht klar, ob in Melbourne überhaupt ein Auto von Sauber starten würde. Letztlich durften sich dann doch die neu verpflichtetenNasr und Ericsson ins Cockpit setzen – und gaben ihre Antwort auf der Strecke mit dem besten Start in der Geschichte von Sauber. Van der Garde wurde mit 15 Millionen Euro ruhiggestellt. Der Weg schien frei für ein erfolgreiches 2015.

Doch der Start ist das eine. Wichtiger ist die Entwicklung während der ­Saison. Und für diese fehlt es in Hinwil schlicht an finanziellen Mitteln. Das einzige grosse aerodynamische Update kam vor dem siebtletzten Rennen in Singapur in Form eines neuen Frontflügels, einer kürzeren Nase und eines überarbeiteten Hecks. Die erhoffte Wirkung aber blieb aus. Die Jungfahrer aus Brasilien und Schweden waren auch fortan darauf angewiesen, dass die Konkurrenz im grossen Stil sündigte – kein gutes Zeichen für 2016. Der jetzige C34 dient als Grundlage für den C35. Immerhin aber glänzte das Auto durch Zuverlässigkeit, Ferrari hatte einen deutlich verbesserten Antriebsstrang geliefert. So war Sauber oft da, wenn es galt, Punkte zu erben. Nur 6-mal in 19 Rennen kam eines der beiden Autos nicht ins Ziel. Aus eigener Kraft aber konnten Nasr und Ericsson (fast) nie um einen Top-10-Rang kämpfen.

Fast alles dreht sich ums Geld

Ihnen kann kaum etwas vorgeworfen werden. Zwar bezahlten Nasr in seiner ersten und Ericsson in seiner zweiten Formel-1-Saison auch Lehrgeld, drehten sich auch einmal, touchierten einen Gegner oder gar den Teamkollegen wie in Austin. Mehrheitlich aber taten sie das, was möglich war mit diesem Auto: solid fahren, auf Chancen hoffen. Ein Segen für das Team, dass sie nächstes Jahr bleiben. Nicht unbedingt wegen ihres fahrerischen Talents. Vor allem wegen des finanziellen Backgrounds.

Nasr, der Hauptsponsor Banco do Brasil mitbrachte, und Ericsson, für dessen Cockpit Privatpersonen zahlen, steuern rund 35 Millionen Franken zum Budget von knapp 100 Millionen bei. Geld, ohne das Sauber nicht existieren könnte. Gemäss «Handelszeitung» laufen aber auch so Betreibungen in Höhe von 6 Millionen Franken – die Schulden dürften ungleich höher sein. Zudem hat Sauber bei Formel-1-Chef Bernie Ecclestone einen Vorschuss der WM-Prämie beantragt, die üblicherweise monatlich zwischen Februar und November des Folgejahres ausbezahlt wird. Abhilfe würden ein besserer WM- Rang und damit verbundene Mehreinnahmen schaffen. Doch dafür brauchte es wohl wiederum eines: mehr Geld.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2015, 23:26 Uhr

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