Nun aber endlich! Nobelpreis für:

Am Donnerstag wird die wichtigste literarische Auszeichnung der Welt verliehen. Wir sagen, wer sie bekommen sollte.

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Martin Ebel@tagesanzeiger

Philip Roth! – erwarten jetzt wohl die Leser vom Literaturredaktor. Natürlich hat der Autor des «Menschlichen Makels» und des «Jedermann» den Literaturnobelpreis längst verdient. Aber nachdem er jahrelang von der Schwedischen Akademie verschmäht wurde: Ist es nicht zu spät für ein Einlenken? Ist nicht Roth längst jenseits des Preises angelangt, im Olymp der Unvergänglichkeit, ebenso wie sein toter Kollege John Updike, der ihn auch nie bekommen hat?

Ich habe drei andere Kandidaten, also gleich je einen für 2016, 2017 und 2018.

Erster Kandidat: Milan Kundera.

Von «Der Scherz» über «Abschiedswalzer» und «Die unterträgliche Leichtigkeit des Seins» bis zu seinem französisch geschriebenen Spätwerk («Die Langsamkeit», «Die Identität») hat der gebürtige Tscheche ein Romanwerk geschaffen, das mit nichts in unseren Zeiten vergleichbar ist: in seiner ernsten Leichtigkeit, in seiner heiteren Melancholie, seiner locker gefügten Dichte, seinem wunderbar philosophischen Konversationston, der geradezu musikalischen Balance seiner Themen und Motive. Kunderas Bücher, die Erzählung und Reflexion verbinden, transportieren den hellen Geist der französischen Aufklärung in seine Epoche, geprägt erst vom Staatskommunismus, dann von der Medien- und Konsumwelt des Westens.

Zweiter Kandidat: Ismail Kadaré.

Der grösste Schriftsteller Albaniens hat noch intensivere Erfahrungen mit totalitärer Herrschaft gemacht: Er lebte unter dem Diktator Enver Hoxha, der ihn mal protegierte (weil er im Roman «Der grosse Winter» als historische Figur vorkam), mal drangsalierte (Verbot, Zwangsarbeit auf dem Land). Damit seine Bücher überhaupt erscheinen konnten, liess Kadaré sie oft in einer märchenhaften osmanischen Vergangenheit spielen. Mit «Der Nachfolger» hat Kadaré später und ganz unverblümt geschildert, wie Ideologie und Gewaltherrschaft sich in die letzten Gehirn- und Seelenwindungen der Menschen einschreiben; auch in die der Herrschenden. Psychologisch genau und bildstark, transportieren Kadarés Romane die absurde Realität ins Surreale und Mythische. Im deutschen Sprachraum hat ihn übrigens seinerzeit der Zürcher Ammann-Verlag durchgesetzt.

Dritter Kandidat: Yan Lianke.

Der ist von den dreien bei uns am wenigsten bekannt, aber das kann ein Nobelpreis schnell ändern. Nach dem regierungsnahen Mo Yan (2012) wäre das ein kritischer Autor, und mindestens ebenso gut. Yan Lianke benennt, was die offizielle Geschichtsschreibung totschweigt: die Skandale und Katastrophen der jüngeren chinesischen Geschichte. Sein Roman über die Hungerjahre 1958–1962, gerade auf Englisch erschienen («The Four Books»), ist in seiner Heimat verboten. Das grandios satirische «Lenins Küsse» durfte erscheinen und ist auch auf Deutsch zu geniessen: Es zeigt im Mikrokosmos eines Provinzdorfes, wie die verschiedenen Politkampagnen Land und Menschen verwüstet haben und wie im «neuen China» die Gier das Regiment führt.

Ist es ein Zufall, dass meine drei Kandidaten das Schreiben in unfreien Gesellschaften praktizieren mussten oder müssen? Es hat der Brisanz ihrer Themen offenbar genützt, der Brillanz ihrer Sprache nicht geschadet. Nun werden Nobelpreisträger nicht in Zürich beim Tagi gekürt, sondern in Stockholm. Am Donnerstag um 13 Uhr wissen wir, für wen sich die Schwedische Akademie entschieden hat.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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