Der starke Mann wird entzaubert

Nach seinem Wahlsieg schien die Macht Wladimir Putins gefestigt. Aber nun lässt eine Katastrophe nach der anderen den Kreml-Herrn erzittern.

Von Sackgasse zu Sackgasse: Russlands Präsident Wladimir Putin im Kreml. Bild: Keystone

Von Sackgasse zu Sackgasse: Russlands Präsident Wladimir Putin im Kreml. Bild: Keystone

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So unberechenbar die russische Aussenpolitik auch erscheinen mag, im Rückblick auf die vier Jahre, die seit der Annexion der Krim vergangen sind, ist doch ein Muster erkennbar: Jedes Mal, wenn der Karren richtig tief in der Sackgasse klemmte, konnte sich Präsident Wladimir Putin doch noch befreien. Er tat das nicht etwa, indem er einen Ausweg fand oder gar eine Kehrtwende machte. Sondern indem er einen neuen Karren bestieg und ihn triumphierend in eine neue Sackgasse steuerte.

So folgte Krise auf Krise, immer verbunden mit dem von Putin treuherzig ins Spiel gebrachten Angebot, sie gemeinsam zu lösen. Auf die Revolution in Kiew antwortete Putin mit der Annexion der Krim. Darauf folgte der Krieg im ostukrainischen Donbass. Der Eintritt in den Syrienkrieg im September 2015 sollte Russland aus der Isolation führen, in die es nach dem Abschuss des Passagierflugzeugs MH 17 der Malaysia Airlines geraten war.

Frieden nur mit Russland?

Putins Werben für eine weltweite Koalition gegen den Terrorismus verfing anfangs – bis auch der letzte Kooperationswillige auf beiden Seiten des Atlantiks erkannte, dass Putin alle Gegner des bluttriefenden Diktators Bashar al-Assad als Terroristen betrachtet. Die besonders in Westeuropa gern vorgetragene Binsenweisheit, Frieden in Europa sei nur mit Russland zu erreichen, ist richtig, aber wertlos, solange die russische Führung sich vom Konflikt mehr Vorteile verspricht als vom Kompromiss. Der Versuch, mithilfe von Hackern, Propaganda und Trollen eine schwächere Regierung in den USA zu bekommen, ist ebenso nach hinten losgegangen wie alle anderen Abenteuer. Assad gerettet, aber ein Frieden nicht in Sicht. Für kurzfristige Triumphe lädt Putin sich Probleme auf, die seine Kräfte mehr und mehr übersteigen.

In den drei Wochen seit seiner Wiederwahl Mitte März jagte eine Katastrophe die nächste. Erst erschüttert ein Brand in einem Einkaufszentrum in Kemerowo mit mehr als 60 Toten die Nation. In einer Region, in der 85 Prozent für Putin gestimmt haben, machen Tausende Bürger ihrer Wut über Korruption und Schlendrian Luft. Dazu kommen Proteste gegen Müllkippen im Moskauer Umland, deren Abgase Anwohner vergiften. Im ganzen Land sind die Menschen entsetzt, wie hilflos der Staat auf die Missstände reagiert.

Überdies wächst der Druck aus dem Ausland. In seltener Solidarität weisen 25 Staaten russische Diplomaten aus. Sie teilen die Ansicht der Briten, dass Moskau hinter dem Giftanschlag auf den Ex-Spion Sergei Skripal und dessen Tochter steckt, und signalisieren, dass sie sich in Zukunft gegen Übergriffe gleich welcher Art rasch und entschlossen wehren werden. Wegen eines möglichen neuerlichen Giftgaseinsatzes in Syrien drohen Donald Trump und Emmanuel Macron mit Konsequenzen. Und Trump, der offenbar nichts einzuwenden hatte gegen russische Schützenhilfe im Wahlkampf, verhängt Sanktionen, die Putins korrupte Elite ins Herz treffen und Barack Obama aussehen lassen wie einen Kreml-Kuschler.

Die Sanktionen wirken

Die Verwerfungen, die die Sanktionen auslösen, sind bis tief ins Innere der Schweizer Wirtschaft zu spüren. Konzerne, die mit Oligarchen von Putins Gnaden verbandelt sind, taumeln an den Börsen. Und die Kurse russischer Grosskonzerne rutschen sowieso, an einem Tag verloren die reichsten Männer des Landes umgerechnet 12 Milliarden Franken. Der Reserve-Fonds, in dem Moskau Geld für schlechte Zeiten zurückgelegt hatte, ist aufgebraucht.

Die Sanktionen erschüttern zudem das Machtgefüge bis in die innersten Zirkel. Bisher war der einzig sichere Ort in Russland in der Nähe des Kreml. Nun ist klar, dass zu grosse Nähe riskant sein kann. Konflikte und Missstände, die sich über Jahre angesammelt haben, brechen nun über den Kreml herein. Aber man muss befürchten, dass Putin nach bewährtem Muster versuchen wird, sich zu retten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2018, 21:38 Uhr

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