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Todesengel oder Todeshure?

Im Stuttgarter «Tatort» gehts leise und hart ans Lebendige, mit erstklassiger Trostlosigkeit. Astrein.

Alexandra Kedves
Die private Altenpflegerin Anne Werner – eine schlichtweg grossartige Katharina Marie Schubert – sitzt den Stuttgarter Kommissaren Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) gegenüber und redet sich raus.
Die private Altenpflegerin Anne Werner – eine schlichtweg grossartige Katharina Marie Schubert – sitzt den Stuttgarter Kommissaren Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) gegenüber und redet sich raus.
Das Erste

Die Stadt ist nass, grau, sauber gespült, Lichtkleckse kleckern durchs Bild, ein weisser Kleinwagen fädelt sich durch den Verkehr, durch Wohnstrassen, vorbei an halb leeren Haltestellen. Durch den verwaschenen Tag softet Indie-Folkiges. Weisse Buchstaben leuchten vor den weissen Wölkchen im Himmel von Stuttgart auf: «Anne und der Tod».

Cut. Hart klappern die Tasten eines Telefons, und Anne säuselt eine Ausrede in die Muschel: Sie habe Brechdurchfall oder so. Hinter ihr steht bewegungslos eine Uniform. Noch weiss man nicht, dass in dieser ein Polizist steckt.

Plötzlich schrillt eine Eieruhr, und Anne zappelt auf ihrem Stuhl. Dabei ists bloss das Zeichen für Kommissar Bootz (Felix Klare), dass der Tee nun genug gezogen hat. Das Verhör beginnt. Wie viel Annes Aufzucken mit den Toden der alten Herren zu tun hat, um die es geht, zeigt sich erst später. Überhaupt macht Jens Wischnewskis Erzählstil mit den dezenten Leitmotiven, den raffinierten Übergängen zwischen Zeitebenen, den raffinierten Bildschnitten zwischen Orten und Personen die 90 Minuten zu einem tollen TV-Krimi.

Regisseur Wischnewski wirft in seinem ersten «Tatort» alle klassischen Überbrückungsszenen über Bord, stets ist man gleich mittendrin. «Unter uns, er hat sie Godzilla genannt», behauptet Anne etwa über die Frau eines kürzlich bei einem Treppensturz umgekommenen Greises. Schnitt zur zurückliegenden Befragung der Witwe, die tatsächlich als rechtes Ungeheuer rüberkommt, und die die Frage aufwirft, wieso die private Altenpflegerin Anne ihre Tour immer so legte, dass sie mit dem verkrüppelten Mann allein sein konnte. Bootz und Lannert (Richy Müller) fragen sich das auch.

Aus dem Pingpong der Szenen entsteht allmählich die Story eines Mordes; wir führen die Ermittlungen auf diese Weise gemeinsam mit den Kommissaren – und werden wie diese ertragen müssen, dass die Wahrheit nie vor einem Gericht zur Sprache kommt. Fernsehkrimi-Autor Wolfgang Stauch hat hier brillant das Zerreissen unserer Gesellschaft und den Verlust jeglicher Solidarität zwischen Arm und Reich, Alt und Jung, Mann und Frau thematisiert – in ganz unterschiedlichen Konfliktkonstellationen rund um die hilflose, ehrlich bemühte, immerzu untergebutterte Anne. Die ist dann doch kein abgedrehter Todesengel, sondern eher ein von den Umständen in die Enge getriebener, verzweifelnder Mensch: als solcher astrein gespielt von der Schauspielerin und Sängerin Katharina Marie Schubert.

Schon «Stau» hatte es bravourös gezeigt: Stuttgart kann stillen, harten Krimi ohne grosses Tamtam.

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