TV-Kritik: Was lief falsch bei Carlos?

Der SRF-«Club» über den bekanntesten Häftling der Schweiz schlug moderate Töne an. Scharfmacher fehlten in der Runde: Und das war gut so.

Im SRF-«Club» wurde gestern unter der Leitung von Barbara Lüthi (m.) über den Fall Carlos diskutiert.

Im SRF-«Club» wurde gestern unter der Leitung von Barbara Lüthi (m.) über den Fall Carlos diskutiert.

Martin Ebel@tagesanzeiger

«Ich mag den Brian, den Menschen, den ich kenne», sagt Anna-Lisa Oggenfuss. Brian ist der richtige Name des jungen Mannes, den die Öffentlichkeit bisher als Carlos kannte und, nach dem, was sie über ihn wusste, in der Mehrheit wohl verabscheute, gefüttert von Medien, denen es nur um den Skandal ging. Ein Verb wie «mögen» überraschte in diesem Zusammenhang.

Ausgesprochen wurde es im SRF-«Club» «Der Fall Carlos – das grosse Versagen» von der vermutlich einzigen Person, die Zugang zu dem Intensivstraftäter gefunden und den Kreislauf der Gewalt für eine Zeit durchbrochen hatte. Anna-Lisa Oggenfuss hatte das Sondersetting geleitet, in dessen Verlauf Brian «Beziehungen aufgebaut und sich an Regeln gehalten hatte». Der Abbruch des Settings und die erneute Inhaftierung hatten eine Eskalationsspirale in Gang gesetzt, deren Ende noch offen ist: Nach 29 Delikten während der Haft droht Brian jetzt eine Verwahrung (das Urteil fällt heute Mittwoch - lesen Sie hier, die möglichen Szenarien).

Was eine Verwahrung bedeutet, wie offen sie gestaltet werden kann und was sich durch die Verwahrungsinitiative geändert hat, nahm viel Raum ein in der Diskussion. Die Runde war sichtlich bemüht um Information, gegenseitigen Respekt, Fairness. Der Ton war moderat, man liess sich (meistens) ausreden. Das lag auch an der Zusammensetzung: Im Studio sassen Kenner und Praktiker mit viel Erfahrung – vom Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch über den forensischen Psychiater Frank Urbaniok zum ehemaligen Oberstaatsanwalt Andreas Brunner und zum Strafvollzugsexperten Benjamin Brägger. Dazu neben der Sonderpädagogin Oggenfuss die Journalistin Brigitte Hürlimann von der «Republik», die den Fall bis in alle Details kennt und die mannigfachen Fehler und Versäumnisse der Justiz benannte.

Differenzierung im Einzelnen

Einem Fall, in dem dermassen viel schiefgelaufen ist, tat dergleichen Ruhe und Sachlichkeit gut. Nach klassischer Talkshow-Dramaturgie fehlten zwar Kontrahenten – etwa ein Scharfmacher vom Boulevard oder auch einer jener Vorgesetzten, die den Jugendanwalt Gürber seinerzeit im Regen stehen liessen. Staatsanwalt Brunner: «Das hätte nie passieren dürfen.» Im Interesse der Sache, eines Menschen (als solchen muss man auch einen Intensivstraftäter sehen und behandeln) und nicht zuletzt der Rechtsstaatlichkeit der Schweiz ist das aber einem spektakulären Schlagabtausch vorzuziehen.

Es hätte manche Gemüter schon damals beruhigen können, wenn die Justiz-Verantwortlichen sofort die «skandalösen» Kosten des Sondersettings mit denen des normalen Strafvollzugs (nicht sehr viel niedriger) und der Psychiatrie (deutlich höher) verglichen hätten. Auch eine Verwahrung ist schliesslich langfristig teurer als Massnahmen, die auf Resozialisierung zielen.

Insofern war die Anlage der Sendung richtig. So war es möglich, die Fehler noch einmal aufzulisten – der alles auslösende SRF-Film über den Jugendanwalt Gürber und das erfolgreiche Sondersetting war einer; die schlechte Informationspolitik der Justiz ein zweiter; der Abbruch des Sondersettings ein dritter; schliesslich die der Schweiz unwürdigen Haftbedingungen (Hürlimann rückte die Isolationshaft gar in die Nähe von Folter) ein weiterer. Fatal sei der mediale Druck gewesen, Urbaniok sprach von «Pogromstimmung», aber niemals hätte die dritte Gewalt vor der vierten einknicken dürfen. Jositsch: «Dann entscheidet eine ‹Blick›-Schlagzeile, wie der Strafvollzug läuft.»

Einigkeit im Ganzen liess Differenzierung im Einzelnen zu: Denn natürlich hat der Staat auch eine Fürsorgepflicht gegenüber dem Vollzugspersonal. Aber nicht in gleichem Masse gegenüber einer Öffentlichkeit, die von spektakulär aufgebauschten Kriminalfällen in Angst und Schrecken versetzt wird, obwohl die Kriminalitätsrate sinkt. Aber: «Ein Krimineller schlägt jede Statistik» (Jositsch). Benjamin Brägger bezweifelte den Sinn des Thai-Boxens und verwies auf Norwegen, wo man «schwere Jungs» nicht Krafttraining machen lässt, sondern aufs Laufband schickt.

Wie solls weitergehen mit Brian? Eine Verwahrung wäre fatal, so die überwiegende Meinung der Runde. «Einfach rauslassen» geht nach 14 Monaten Isolation aber auch nicht – «das wäre eine Überforderung» (Oggenfuss). Eine resozialisierende «Massnahme» wäre angebracht, so Staatsanwalt Brunner: von Frau Oggenfuss oder einer anderen Person. Am besten in einem anderen Landesteil, wo ihn niemand kennt (Jositsch). Aber Letzteres ist wohl ein frommer Wunsch. Auch wenn Carlos jetzt Brian heisst.

Hinweis: Eigentlich sollte die Sendung nach Dienstagnacht wie stets auf SRF online abrufbar sein. Doch weil Oggenfuss während der Diskussion aus Versehen Brians vollen Namen nannte, musste die Aufzeichnung zuerst bearbeitet werden - die besagte Stelle wurde zensuriert.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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