Und das Zelt kocht

Tim Zulauf aus Zürich und Sello Pesa aus Soweto haben eine Performance über die Apartheidpolitik Südafrikas erarbeitet.

Der Schweizer Regisseur Tim Zulauf und der südafrikanische Tanzschaffende Sello Pesa vor dem Theaterhaus Gessnerallee, wo sie gerade ihre Performance «Converting Eviction» einrichten. Foto: Andrea Zahler

Der Schweizer Regisseur Tim Zulauf und der südafrikanische Tanzschaffende Sello Pesa vor dem Theaterhaus Gessnerallee, wo sie gerade ihre Performance «Converting Eviction» einrichten. Foto: Andrea Zahler

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Ein Meer von Asbestdächern auf schäbigen Hütten: Das war bis vor kurzem der typische Anblick Sowetos. Und der Vater von Sello Pesa klagte oft, dass durch den Asbest schon viele gestorben seien – und die Weissen sich selbst niemals solche Dächer besorgt hätten.

«Als junger Mann nervte mich das Gejammer», erzählt der Tänzer und Choreograf, als wir uns zum Gespräch treffen vor dem grossen, weissen Zelt, in dem das hochpolitische Stück spielt, das er und der Zürcher Theatermann Tim Zulauf zusammen mit ihrem vierköpfigen Ensemble entwickelt haben. Pesa, selbst in den Siebzigern in Soweto herangewachsen, rückt seine gelbe Mütze zurecht – die Vergangenheit allerdings lässt sich nicht geraderücken.

Sello hielt die Asbestklagen des Vaters für Verschwörungstheorie, für den alten Reflex, alles auf die Apartheid zu schieben. «Doch inzwischen wissen wir durch unsere Recherchen und Interviews eine Menge darüber.» Auch ein Schweizer Baukonzern, Holderbank (heute Holcim), sei damals involviert gewesen. «Leider ist es zu spät, um meinem Vater zu sagen, wie recht er hatte.»

Der Südafrikaner Sandiso Ngubane / MX Blouse rockt das Zelt mit seinem kapitalismuskritischen Rap. Fotos: Suzy Bernstein

Nicht zu spät ist es aber, die vielen Arten der Diskriminierung damals und heute, die Rechtsverletzungen des Apartheid-Regimes, die Verstrickungen der westlichen Länder darin und auch die versteckten Formen von Rassismus überall zu untersuchen. In Apartheid-Zeiten wurden Schwarze und Farbige aus ihrem angestammten Raum vertrieben, in «reinrassige Townships» verschoben. Man beraubte sie ihrer Kultur und Sprache; ihrer Erzähl- und Familienformen. Und dieser Verlust prägt noch die Jungen.

Co-Regisseur, Texter und Performer Zulauf, Jahrgang 1973, spricht hier von «Eviction» («Zwangsräumung»). Welche Strukturen führen dazu? Unter welchen Bedingungen ist echtes Daheimsein überhaupt möglich? Und wie lässt sich eine feindliche Umgebung verändern? Dem gehen Zulauf und Pesa in «Converting Eviction» nach: Da rappt etwa Sandiso Ngubane / MX Blouse über die «Geier, die gefüttert werden müssen», wie UBS und IBM. Und an der Premiere in der Zürcher Gessnerallee kocht das Zelt, wir alle tanzen mit. Dann wieder werden Interviewvideos an die Zeltwand geworfen, Experten zur Schweizer Komplizenschaft mit dem Apartheid-System kommen zu Wort. Die schwierige Suche nach Beweisen wiederum stellen die Performer in spannungsgeladenen Krimi-Noir-Sequenzen nach.

«Bei Rassismus gehts nicht allein um Hautfarbe.»Tim Zulauf, Co-Regie, Text, Performance


So wird die «Eviction» in ein pulsierendes Theaterevent umgewandelt, konvertiert in ein berührendes Gemeinschaftserlebnis, eine temporäre Beheimatung aller. Das Zelt wird zur Agora, zum Treffpunkt Gleichberechtigter. «Bei Rassismus gehts nicht allein um Hautfarbe», erklärt Zulauf. «Sondern vor allem um die Erfahrungen – die Traumata oder Privilegien –, die sich in den Körper eingraben, Teil eines Menschen werden. In unserer gemischten Truppe mit in der Schweiz lebenden und südafrikanischen Künstlerinnen und Künstlern versuchen wir, diese Differenzen anzuerkennen und uns gleichzeitig auf Augenhöhe zu begegnen.»

Seit 2014 war Zulauf immer wieder in Südafrika auf Recherche, aber ein wichtiger Anstoss kam für ihn mitten aus Zürich: «Als ich für ein anderes Projekt 2010 beim Hausmeister des leeren Gebäudes des Rüstungskonzerns Oerlikon-Contraves Fragen zu stellen begann, verpasste ihm die neue Besitzerin, die Firma Rheinmetall, bald einen Maulkorb. Und ich wurde erst recht neugierig.»

Die Entschädigungsfrage ist ungelöst

Opfer der 1991 abgeschafften Apartheid warfen Rheinmetall vor Gericht vor, die rassistische Gewalt während der 70er und 80er durch ihre Geschäfte mit der weissen Regierung und die Lieferung von Rüstungsgütern unterstützt zu haben. Entschädigung gabs keine.

Auch die hiesigen Banken verlängerten das Leben des menschenverachtenden Regimes, wie Zulauf unterstreicht, besonders die Vorgänger von UBS und CS. Sie gaben Kapital. Und der Schweizer Rohstoffhändler Marc Rich brachte südafrikanisches Öl an die Kunden, als sich andere daran die Finger nicht mehr schmutzig machten.

«Converting Eviction» ist auch ein Krimi – hier recherchieren Christoph Rath, Momo Matsunyane und Vivien Bullert.

2017 legte der südafrikanische Autor Hennie Van Vuuren dazu das Buch «Apartheid, Guns & Money: A Tale of Profit» vor. Zulauf bestritt mit ihm 2019 diverse Podien: Auch dies gehörte zur Genese von «Converting Eviction». Die Diskussionsrunden sind im Netz zu sehen – wie andere Materialien, zum Beispiel über den jüngsten Kampf der Mpondo um ihr Land, das Titanium-Minen geopfert werden soll (hier gehts zur Website).

Man habe hierzulande zudem einen blinden Fleck beim Alltagsrassismus, so Zulauf, vergesse schnell Vorfälle wie Racial Profiling. Und geschmeidig fliessen all diese unterschiedlichen Enteignungserlebnisse und auch Aktivismusbewegungen ins musikalische Performance-Projekt ein, das mit einer starken, universalen Körpersprache operiert (ohne Englischkenntnisse kann der Zuschauer dennoch nicht folgen).

Allzu leicht tappe auch ich in die Falle vorgefasster Sichtweisen über den anderen.»Sello Pesa, Co-Regie, Performance


Dennoch hält Sello Pesa fest: «Auch die Kunst ist nicht unschuldig und ausserdem kein Revolutionsgeschoss. Ich selbst nahm auch schon an einem Event teil, der von Rheinmetall/Denel gesponsert war. Und ich sass mal in einer Jury, die Zulu-Tänze nach eurozentrischen Kriterien bewertete – was mir erst allmählich bewusst wurde.» Trotzdem, in «Converting Eviction» wolle man diese Gehirnwäsche rückgängig und Gemeinsamkeiten spürbar machen: etwa den Schmerz über Ungerechtigkeiten oder die Lust an einem coolen Beat.

Wirklicher Aktivismus müsse sich Tag für Tag im Handeln widerspiegeln. «Allzu leicht tappe auch ich in die Falle vorgefasster Sichtweisen über den anderen», räumt der Tänzer mit dem grau melierten Haar und der langen Karriere im europäischen Tanz- und Festivalbetrieb ein. «Aber vielleicht könnte ‹Converting Eviction› als Labor funktionieren, wo man, in künstlerischer Freiheit, einfach einmal ungeniert hinschaut.»

Gessnerallee Zürich, bis 22. Januar
Kaserne Basel, 23./24. Januar
Dampfzentrale Bern, 9. Februar
Sprachen: hauptsächlich Englisch; Sesotho, isiZulu, isiXhosa, Deutsch

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