Ronaldo oder Griezmann?

Die Franzosen gewinnen heute Abend ihren vierten grossen Titel – oder die Portugiesen den ersten. Unsere Sport-Redaktoren sind sich uneinig.

Cristiano Ronaldo (l.): 3-facher Torschütze, an 6 von 8 portugiesischen Treffern beteiligt. Antoine Griezmann: 6-facher Torschütze, an 8 von 13 französischen Treffern beteiligt. Fotos: Valéry Hache (AFP)

Cristiano Ronaldo (l.): 3-facher Torschütze, an 6 von 8 portugiesischen Treffern beteiligt. Antoine Griezmann: 6-facher Torschütze, an 8 von 13 französischen Treffern beteiligt. Fotos: Valéry Hache (AFP)

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Sonntagnacht wird die Fussballwelt, oder zumindest Fussballeuropa, ermattet auf den TV-Schirm blicken und sich verwundert die Augen reiben. Wer zur Hölle ist das, der sich da vorne den Pokal abholt? Doch nicht etwa die Portugiesen? Doch, doch. Es sind die Portugiesen.

Ein Team, das sich bis in den Halbfinal nicht dazu herabgelassen hat, ein Spiel nach 90 Minuten zu gewinnen. Eine Mannschaft, von der ausserhalb eines höchst erlauchten Kreises von lusitanophilen Fussballkennern auch heute noch kaum jemand auf die Schnelle mehr als Cristiano Ronaldo und Pepe aufzählen kann. Halt – ist da nicht noch dieser Renato Sanchez, der zu den Bayern geht? So wenig Interesse ist wohl noch selten einer Mannschaft entgegengebracht worden, die sich bei einem grossen Turnier für das Endspiel qualifiziert hat. Millionen von Artikeln wurden den Isländern gewidmet. Aber Portugal?

Der Renato Sanches schreibt sich übrigens mit s am Ende und hat an diesem Turnier mehr als angedeutet, warum Bayern München 35 Millionen Euro für ihn aufwirft. Doch um Einzelspieler geht es auch gar nicht bei der 2016er-Ausgabe von Portugal. Natürlich, vorne braucht es schon einen Ronaldo, um die Spiele zu entscheiden. Ebenso wichtig für den portugiesischen Erfolg aber ist, dass Trainer Fernando Santos eine Mannschaft ­geformt hat, die sich bewegt, als seien die Spieler miteinander zu einem einzigen vielgliedrigen Körper verschmolzen.

Dem Gegner die Luft nehmen

Schön sieht es trotzdem nicht aus, was Portugal bietet, seit die K.-o.-Phase eingeläutet wurde. Aber es geht Santos auch nicht um Ästhetik. Es geht ihm darum, den Gegner all seiner Stärken zu berauben. Das wird Santos auch gegen Frankreich tun. Die Franzosen werden in den entscheidenden Zonen keine Zeit und keinen Raum haben. Die Portugiesen isolieren Griezmann, indem sie die Aufbauer Matuidi und Pogba so früh stören, dass sie ihm keine brauchbaren Bälle liefern können. Und sollte der Topscorer des Turniers doch einmal angespielt werden, werden sie ihn zu zweit, zu dritt, notfalls zu viert umstellen.

Portugal ist wie ein Python, die sich um den Gegner schlingt, bis er keine Luft mehr hat. Ist er erst einmal ermattet, wird er verschlungen. Unter Santos spielt diese einst träumerisch-verspielte Nation, die immer etwas zu ballverliebt war für den grossen Erfolg, einen perfektionierten ­Underdog-Fussball. Die Portugiesen werden damit auch genau die Sieger, die dieses spielerisch so enttäuschende Turnier verdient hat.

«Es sind nicht immer die grössten Spieler, die Titel gewinnen», hat Santos nach dem Halbfinal gegen Wales gesagt, «meistens ist es die bessere Mannschaft, die triumphiert.» Portugal hat an ­diesem Turnier eine perfekt funktionierende Mannschaft. Und einen grossen Spieler, den haben sie mit CR7 noch obendrauf.

FRA

Das Lied ist eines des Krieges. Voller Wucht und Härte heisst es in der französischen Hymne: «Zu den Waffen, Bürger / Formiert eure Truppen / Marschieren wir, marschieren wir! / Unreines Blut / Tränke unsere Furchen!»

Gleich so muss es nicht kommen heute Abend in Saint-Denis, um die französische Nation einen Abend lang und vielleicht noch ein, zwei Tage länger glücklich zu machen. Ein Tor mehr als der Gegner genügt dafür schon, ein simples Tor, um sich während der nächsten vier Jahre Europameister zu nennen.

Es braucht jetzt keiner zu erwarten, die Fussballer würden das Land von seinen Sorgen befreien, von seiner wirtschaftlichen Krise, seiner Angst vor dem Terrorismus; ein Land, in dem auf 4000 Seiten die Arbeitsgesetze von Toiletten­pausen bis zur Grösse der Bürofenster haargenau geregelt sind. Eine solche Kraft haben Fussballer nicht. Darum spielen sie zuerst einmal für den eigenen Glanz.

Exquisite individuelle Qualitäten

Nur leicht haben sich die Franzosen auf dem Weg in den Final zwar nicht getan: Rumänien in letzter Sekunde besiegt, Albanien ebenfalls, gegen die Schweiz kein Tor erzielt, gegen Irland im Achtelfinal in Rückstand, gegen Island fast bei jedem Einwurf in Bedrängnis (obschon das 5:2 eine andere Sprache spricht), gegen Deutschland während zwei Dritteln der Zeit nicht am Ball und bei der Anzahl Chancen klar im Minus. Am Ende ist ihr Einzug in den Final trotz allem kein Zufall, er ist vielmehr mit ihren exquisiten individuellen Qualitäten zu erklären, mit Spielern, die Griezmann, Payet, Pogba und sogar Giroud heissen und in ihrer Mischung perfekt sind.

Didier Deschamps gehört nicht zu den grossen Verkäufern der eigenen Person. Er würde sonst öffentlich ein bisschen mehr Wärme verraten. Deschamps, als Spieler ein Leader und Weltmeister 1998 und Europameister 2000, hat es immerhin geschafft, Paul Pogba zu disziplinieren und die beste Rolle für Antoine Griezmann ausfindig zu machen. Er hat es sich bislang gar ungestraft leisten können, Karim Benzema (Champions-­League-Sieger mit Real Madrid), Kevin Gameiro (Europa-League-Sieger mit Sevilla) und Alexandre Lacazette (zweitbester Torschütze der Liga mit Lyon) nicht im Kader zu haben. Allein daraus lässt sich die Stärke dieser französischen Auswahl in der Offensive ableiten.

Portugal dagegen hat nur Ronaldo. Nur? Manchmal genügt ein Ronaldo, um ein ganzes Spiel zu entscheiden. Wales hat das erfahren. Und Frankreichs Abwehr ist nicht berühmt als Bollwerk. Wenigstens steht Lloris im Tor.

Frankreich wird gewinnen, weil es gewinnen muss. Nur schon aus Interesse an den schönen Seiten des Fussballs. In der «Marseillaise» heisst es auch: «Auf, Kinder des Vaterlands / Der Tag des Ruhmes ist gekommen!»

Infografik: Die Gegner im EM-Final 2016 Grafik vergrössern

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2016, 10:56 Uhr

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