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Wir neuen Schweizer

Soll die dritte Generation leichter eingebürgert werden? Die Frage klingt wie eine Formalität, dabei geht es um die Identität der Schweiz.

Wie einfach darf es sein, den Schweizer Pass zu erhalten? Foto: Keystone
Wie einfach darf es sein, den Schweizer Pass zu erhalten? Foto: Keystone

Dies ist ein Betroffenheitstext. Ich bin ein Angehöriger der dritten Generation. Meine Eltern sind beide in der Schweiz aufgewachsen, aber nicht als Schweizer. Mein Vater ist Engländer, meine Mutter gebürtige Italienerin. Ihre Familie liess sich 1977 im Baselbiet einbürgern, nach der vierten Volksinitiative gegen «Überfremdung» in neun Jahren. Um endlich ohne Furcht zu leben, die Schweiz wieder verlassen zu müssen, wenn eine dieser Initiativen angenommen würde. Der Fremdenfeind James Schwarzenbach: Das war in der Erinnerung meiner Mutter ein Name, den man zu Hause immer mit einem Schauer aussprach.

Vielleicht sollte ich Schwarzenbach dankbar sein. Hätte sich die Familie meiner Mutter nicht eingebürgert, hätte ich den Schweizer Pass heute vielleicht nicht. Vielleicht ginge es mir so wie vielen, deren Eltern schon in der Schweiz geboren wurden, aber die auch heute noch bloss die Staatsbürgerschaft ihrer alten Heimat haben. Die sich nicht einbürgern lassen, weil ihnen die Hürden zu hoch sind oder die Verfahren zu kompliziert – oder weil sie sich die Gebühren nicht leisten können. Es gibt genügend Gründe, warum so viele, die den Pass haben könnten, ihn nicht beantragen. Mein Vater ist in den vergangenen Jahren mehrfach umgezogen. Jedes Mal, wenn er die Gemeinde wechselte, die jeweils nur ein paar wenige Kilometer entfernt war, begann die jahrelange Frist von vorne, die man für einen Einbürgerungsantrag abwarten muss.

Bioschweizer, Terroristen

Zumindest den jungen Angehörigen der dritten Ausländergeneration wollen Bundesrat und Parlament entgegenkommen, indem sie ihnen eine erleichterte Einbürgerung in Aussicht stellen. Am 12. Februar stimmen wir darüber ab. Die Abstimmung mag daherkommen wie eine verfahrenstechnische Angelegenheit, aber sie stellt wichtige Fragen: Wer ist ein Schweizer, wer nicht, und wer entscheidet darüber? Sind es nur die urwüchsigen Bioschweizer mit Stammbaum bis zu den alten Eidgenossen? Oder sind es auch all die Leute, die hier geboren sind, zur Schule gingen, Steuern zahlen und mit uns das Büro teilen – aber deren Eltern Ausländer sind?

Ein «Abstraktum» nannte die NZZ diese Generation kürzlich, weil sie im Unterschied zu den Secondos nicht einmal einen Namen habe: «Terzos gibt es nicht.» Zumindest für die SVP scheint das nicht zu stimmen. Sie hat sich auf eine andere Darstellung festgelegt: Die dritte Generation sei eine Brutstätte für Terroristen. «Gerade bei der dritten Generation», schrieb Nationalrat Lukas Reimann kürzlich im SVP-Mediendienst, «gerade da muss besonders genau hingeschaut werden, damit nicht adoptierte Staatskinder mit Terrorismus-Sympathie und Schweizer Pass herangezogen werden.»

Wer gehört dazu, wer entscheidet darüber? Das muss jede demokratische Gesellschaft neu beantworten. Das bedingt, dass wir ehrlich sind. Dass wir zugeben, dass die Schweiz seit langem ein Einwanderungsland ist. Mehr als 2,5 Millionen Einwohner – 36 Prozent der Bevölkerung – haben einen Migrationshintergrund. Einige dieser Biografien sind kompliziert, einige Namen sind es auch. Man kann das beklagen, oder man kann es entspannt als das akzeptieren, was es ist: eine gesellschaftliche Realität.

Nicht, dass das immer einfach wäre – das ist es auch für viele von denen nicht, die ihre Wurzeln in einem anderen Land haben. Die merken, was es heisst, hier aufgewachsen zu sein, aber den Schweizer Pass nicht zu haben. Wenn sie sich für einen Job bewerben, eine Wohnung suchen oder in eine Polizeikontrolle geraten – und dabei Nachteile erleiden. Man braucht nur jemanden zu fragen, dessen Name auf -ic endet.

Die vermeintlich Fremden sind längst Teil von uns.

Manchmal sind es aber auch die einfachen Dinge, die Fragen aufwerfen. Zum Beispiel im Fussball, jeden zweiten Sommer, wenn wieder Welt- oder Europameisterschaft ist. Für welche Mannschaft sind wir wirklich? Für die Schweiz? Für das Land des Vaters, der Mutter? Was banal klingt, sorgt in England zum Teil bis heute für boshafte Debatten. Dort stellte der konservative Politiker Norman Tebbit, ein langjähriger Weggefährte Margaret Thatchers, im Jahr 1990 eine krude, aber interessante These auf: Ein Einwanderer sei erst dann richtig integriert, wenn er im Sport für seine neue Heimat England juble statt für das Land seiner Herkunft. Tebbit zielte damit auf die Einwanderer aus Pakistan und Indien, denen er wegen ihrer Sympathien im Cricket mangelnde Integrationsbereitschaft vorwarf. Er nannte das den «cricket test».

Ich würde diesen Test nicht bestehen: Ich helfe England oder Italien, je nachdem, wer weiterkommt. Ja, manche Einwandererkinder haben das, was Wissenschaftler hybride Identitäten nennen. Aber geht es nicht den meisten Schweizern so? Sind wir nicht alle Berner oder Glarner, Städter oder Bergler, Linke oder Konservative, Katholiken, Atheisten oder Muslime? Wir definieren uns über verschiedene Eigenschaften gleichzeitig, und manchmal widersprechen wir uns dabei sogar. Für Leute mit ausländischen Wurzeln heisst Integration nicht, die eigene Vergangenheit abzulegen. Sondern die Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen immer wieder neu zu verhandeln.

Sinnlose Abwehrkämpfe

Wenn wir also akzeptieren, was längst Tatsache ist, dann begeben wir uns nicht in sinnlose Abwehrkämpfe gegen vermeintliche Fremde, die längst Teil von uns sind – mit all ihren Unterschieden, ihren anderen Horizonten, die uns die Welt anders sehen lassen. An die Tatsache, dass diese Fremden hinter vielen schweizerischen Errungenschaften stecken – von der ETH bis zu Nestlé –, haben wir uns ja auch gewöhnt. Mein Heimatkanton Baselland bürgerte nach der Gründung alles an Ausländern ein, was er konnte, um überhaupt zu funktionieren: Lehrer, Pfarrer, Beamte.

So weit müssen wir heute nicht mehr gehen. Aber beginnen wir doch damit, all jene als Bürger zu betrachten, die schon lange hier sind. Das heisst, dass wir ihnen jene demokratischen Rechte geben, auf die wir als Schweizer so stolz sind. Das hilft nicht nur all den Einwandererkindern, die sich der Schweiz längst zugehörig fühlen, aber durch den fehlenden Pass in vielerlei Hinsicht diskriminiert werden. Es führt auch dazu, dass nicht mehr ganz so viele Einwohner dieses Landes von der Mitbestimmung ausgeschlossen sind – und macht uns so zu einer besseren Demokratie.

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