Zum Hauptinhalt springen

Automatische SongschreiberDiese Maschine singt wie Madonna

Eine Software macht es möglich, neue Songs schreiben und texten zu lassen, die klingen wie alte Hits. Diese Technik könnte das Musikmachen revolutionieren.

Die Populärmusik reproduziert immer und immer wieder das Bestehende – zum Beispiel von ihr: Madonna bei einem Konzert in Los Angeles.
Die Populärmusik reproduziert immer und immer wieder das Bestehende – zum Beispiel von ihr: Madonna bei einem Konzert in Los Angeles.
Foto: Keystone

Es gibt neue Songs von Frank Sinatra. Von Elvis Presley. 2Pac, Céline Dion oder Jay-Z. Mit neuen Texten. Man kann auch Shakespeare-Sonette rappen lassen. Und sollte Donald Trump in vier Jahren wieder antreten, werden seine Leute die Rolling Stones so programmieren können, dass sie sein Loblied singen. «Donald! Tell me why you waited so long.»

«Deepfake music» nennt sich der neue Trend, dessen Software von der Firma OpenAI entwickelt wurde. Sie möchte die künstliche Intelligenz vorantreiben. Ihre Softwareentwickler haben bereits mit einem automatischen Schreibprogramm erstaunt, dessen Erzeugnisse sich lesen wie kompetente Texte. Klar geschrieben, schlüssig argumentiert.

Und jetzt also die Musik. Die Programmierer von OpenAI haben ihrer Software über eine Million Lieder zugeführt, Musik und Text. Und je nachdem, wen man sich wünscht, klingt der computergenerierte Song dann nach Queen, Mozart oder Rammstein. Man kann die sicher auch mixen.

Das Programm zerteilt die Audiosignale in Fragmente und setzt sie nach dem Input, Stil oder Künstler, den man eingegeben hat, neu zusammen. Diese Technik könnte das Musikmachen revolutionieren. Zwar sind die von der Firma angebotenen Versuche noch krud und klingen vor allem parodistisch. Aber das wird sich ändern. Hört man zum Beispiel, wie das Programm Frank Sinatra imitiert, ist der Unterschied zum Original kaum noch zu vernehmen.

Geister in der Maschine

Wohin wird das führen? Für die Musikindustrie, die wegen der Digitalisierung massive Verluste einfuhr, muss ein solches Angebot verlockend klingen: Die Geister in der Maschine produzieren einen neuen Song, der genau so klingt wie ein alter Hit. Damit umgeht man Musiker, Studio und Management. Ein Bowie-Klon macht Werbung für Haargel, ein Schubert-Soundalike vertont ein Drama. Und schon bald merken wir nicht mehr, ob eine Band die Musik am Radio spielt oder ein Programm. Das neue Musikprogramm hat bereits eine 10. Sinfonie von Beethoven komponiert, die Uraufführung scheiterte an Corona. Auch der Musikdienst Spotify probt seit einiger Zeit an dieser neuen Künstlichkeit herum.

Es wird interessant sein, zu verfolgen, wie die absehbaren Copyright-Prozesse ablaufen. Vor allem in Amerika kann man gegen einen Künstler klagen, der zu sehr klingt wie ein anderer. Auch ist noch nicht gesagt, wie sich diese neuen Produktionen auf den Verkauf der Originale auswirken werden. Nostalgie ist ein ebenso starkes Motiv des Musikpublikums wie die Sehnsucht nach dem Authentischen.

Sowieso: Neu ist dieser Hang zur Wiederverwertung des Bestehenden nicht, vielmehr ist er tief in die Populärmusik eingeschrieben. Und folgt der spöttischen Definition von Theodor Adorno über die regredierten Hörer, wie er sie nannte. Sie benähmen sich wie Kinder, schrieb er schon 1936 hellsichtig, die «immer wieder und mit hartnäckiger Tücke» nach der einen Speise verlangten, die man ihnen einmal vorgesetzt habe.

Tatsächlich: Auf Elvis folgten fromme Schlager-Elvisse. Die Beatles lösten eine Kopistenwelle von Retortenbands aus und geistern inzwischen als Avatare durch die Gegenwart. Und weil die Originale der Gründerjahre inzwischen alt sind oder tot, treten seit Jahrzehnten Coverbands auf wie die Australian Pink Floyd, Musical Box, The Beatnix. Oder Björn Again, eine Gruppe, die sich auf Abba-Songs spezialisiert hat. Klone von David Bowie über Elvis bis Michael Jackson kommen uns besuchen und spielen die Hits der Vorbilder nach.

Kraftwerk, das elektronische Quartett aus Düsseldorf, hatte diese Entwicklung schon über vierzig Jahre vorweggenommenmit dem ironischen Einfall, Puppen auf die Bühne zu stellen, die anstelle der Musiker hinter den Konsolen standen. Ralf Hütter von Kraftwerk sagte im Gespräch, seine Gruppe würde am liebsten die Puppen auf Tournee schicken, die dann gleichzeitig überall auf der Welt auftreten könnten.

Prince als Hologramm auf der Bühne

Und es kommen neue Varianten hinzu: Elvis auf der Leinwand, von einer Liveband begleitet? Kann man haben. Prince als Hologramm auf der Bühne, von lebenden Musikern umgeben? Kein Problem. Mit der Entwicklung der digitalen Reproduktion veränderte sich das Songschreiben, das hat der Wirtschaftsjournalist John Seabrook in seinem Buch «The Song Machine» beschrieben, zu einem technologischen Handwerk, und der Songschreiber wird zum Ingenieur. Strophen, Licks, Hooks und Refrains werden konsequent auf Wiedererkennbarkeit hin produziert. Nicht von den Stars, sondern von ihren Zuarbeitern. Den Popproduzenten Max Martin zum Beispiel kennen wenige. Dabei hatten nur die Beatles mehr Nummer-eins-Hits als der unauffällige Schwede. Gleich Dutzende von Tontechnikern waren im Einsatz, hat der deutsche Musikwissenschaftler Peter Wicke nachgewiesen, um Madonnas «Hung Up» zu einem Tanzhit zu formen.

Dass auf das Original die Retorte folgt, hat also eine Menge mit einer auf Reproduktion programmierten Musik zu tun. Dass aber die Programme die Musik gleich selber machen, das ist neu. Bald werden wir es nicht einmal mehr merken.

Dieser Artikel wurde nicht von einem Computer geschrieben.

1 Kommentar
    Robert Grunder

    Der letzte Satz ist cool!