Apple verliert seinen prägenden Mann

Design-Chef Jony Ive zieht sich zurück – er beeinflusste massgeblich die letzten drei Jahrzehnte des Unternehmens.

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Mathias Möller@mmmatze

Apple verliert seinen Design-Chef. Sir Jonathan Paul Ive, genannt Jony, verlässt das Unternehmen im Laufe des Jahres, wie es in einer Pressemitteilung heisst. «Jony ist einzigartig in der Design-Welt, und die Rolle, die er im Revival von Apple gespielt hat, kann man nicht überbewerten», sagt Apples CEO zu dem prominenten Abgang. Direkt ersetzt wird Ive nicht: Evans Hankey, Vice President of Industrial Design, und Alan Dye, Vice President of Human Interface Design, werden künftig Apples Chief Operating Officer Jeff Williams unterstehen.

Ives Kündigung ist, wie so vieles bei Apple, ein Grossereignis für die Tech-Szene – auf Twitter ist «Apple» das meistbesprochene Thema, die «LA Times» betitelt ihre Meldung zur Personalie mit «Jony Ive’s Ausstieg bei Apple wirft Fragen über die Zukunft des Unternehmens auf». Die Börse dagegen reagiert cool: Während der Nasdaq leicht zulegte, verliert Apples Aktie rund ein Prozent an Wert. Ein Beben sieht – trotz aller Aufregung – anders aus.

Podcaster Hrishikesh Hirway kommentiert lapidar und mit Anspielung auf den Adapter-Wahn, der bei Apple hier und da grassiert.

Ive prägte das Unternehmen in den letzten 27 Jahren wie sonst nur der, der lange Jahre über ihm stand: Steve Jobs. Seit 1992 arbeitete der heute 52-jährige Brite am Design der Produkte des Tech-Unternehmens, die heute die meisten Konsumenten kennen: iMac, iPod, iPhone, iPad, Apple Watch.

Ive will noch «viele, viele Jahre» für Apple weitermachen

In einem Interview mit der «Financial Times» erklärt Ive, weshalb ausgerechnet jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, bei Apple aufzuhören. Er habe mit dem Apple Park ein letztes grosses Projekt abgeschlossen und habe nun das Gefühl, es sei seine Pflicht, mit dem, was er bei Apple gelernt habe, etwas von Bedeutung zu tun. Auf die Frage danach, wie sehr er auch künftig mit Apple verbunden sein werde, sagt er: «Ich werde kein Angestellter mehr sein, aber noch sehr involviert sein – ich hoffe, noch viele, viele Jahre.»

Geboren 1967 in einem Aussenbezirk Londons, studierte Ive in Newcastle Produktdesign. Nach der Universität knüpfte er auf einer Reise erste Kontakte zur Tech-Szene Kaliforniens. Nachdem er eine Zeit lang in England Toiletten und Zahnbürsten designt hatte, stiess er im September 1992 zu Apple. Dort hatte er einen holprigen Start: Da es mit frühen Designs von Powerbook, dem Newton-Assistant und dem Message Pad 110 nicht nach seinen Vorstellungen lief, soll er mehrfach überlegt haben, den Job wieder aufzugeben.

Die klare Nummer zwei mit Vorliebe für deutsches Design

Er blieb dabei und stieg mit der Rückkehr des zwischenzeitlich geschassten Apple-Gründers Jobs 1997 zum Senior Vice President für Produktdesign auf. Das schlichte Design, das er bei Apple einführte, fusst auf zwei Inspirationsquellen aus Deutschland: Das Bauhaus sei vorbildhaft für Ive gewesen, ebenso die Design-Prinzipien aus der Schule Dieter Rams’, der seinerseits viele Jahrzehnte die Produktwelt von Braun prägte.

Das erste von ihm in neuer Position verantwortete Design war das des iMacs, der Ende der Neunziger mit seinen knallbunten Farben die eierschalenweisse Welt der Personal Computer aufmischte. Was folgte, ist Technikgeschichte: der iPod 2001, das iPhone sechs Jahre später, das iPad 2010 und die Apple Watch vor vier Jahren. Seit 2012 arbeitete Ive nicht nur an den Geräten selbst, sondern auch an der Software. Das Mobile-Betriebssystem iOS7 trägt seine Handschrift ebenso wie die neueren Betriebssysteme für die Apple-Rechner. Ein letztes grosses Projekt hat Ive mit dem Apple-Park-Campus abgeschlossen, der vor zwei Jahren eröffnet wurde und jetzt als Hauptquartier für das Unternehmen dient.

Wie zentral Ive für Apples Produktentwicklung war, zeigen Anekdoten: Niemand ausser ihm, seinem engsten Kreis von Mitarbeitenden und der Apple-Chefs durfte sein Büro betreten, nicht einmal seine Familie. Zwischen seinem und Steve Jobs’ Büro bestand ein direkter, versteckter Verbindungskorridor. Und sein Gehalt war das einzige der leitenden Angestellten bei Apple, das nicht öffentlich gemacht wurde.

«Aluminium» vs. «Aluminum»

Lange Zeit war Ive buchstäblich auch Gesicht und Stimme des Unternehmens – stets trat er in den Produktvideos von Apple auf und schwärmte von den eigenen Designs. Auch wenn sein markanter, kurzgeschorener Kopf in den letzten Jahren weniger zu sehen war, sprach er mit seinem unverkennbar britischen Akzent immer noch Voiceovers für die Clips, die neue Apple-Produkte bewarben. Einen gewissen Kultstatus in Nerd-Kreisen soll die Art und Weise bekommen haben, wie er «Aluminium» ausspricht: Die Amerikaner sagen «Aluminum», die Briten «Aluminium». Apropos Grossbritannien: Obwohl er in Kalifornien lebt, ist er seiner Heimat verbunden – seit Juli 2017 ist Ive Kanzler des Royal College of Art in London.

Jony Ive als Meme: Wie er «Aluminium» ausspricht, macht Amerikaner verrückt.

Ives Pläne für die Zukunft: Er wird sich selbstständig machen, seine neue Firma trägt den Namen Lovefrom und wird Apple als einen der wichtigsten Kunden haben. Der Name geht auf etwas zurück, was Steve Jobs einmal in einer Team-Sitzung gesagt hatte: Auch wenn man seine Kunden nie treffen würde, so drücke man durch die Liebe und die Sorgfalt, die man in ein Produkt stecke, Dankbarkeit gegenüber der Menschheit aus. Ohne Pomp geht es bei Apple einfach nicht. Ive verkörpert dies wohl auch mit seinem Abgang, der so nur ein halber Abschied ist.

Drei Fragen an Tamedias Apple-Experte Rafael Zeier

Kommt der Abgang von Jony Ive bei Apple überraschend?
Nein. Das hat sich seit Jahren abgezeichnet und wurde entsprechend langfristig geplant und in Zwischentönen angedeutet. Das zeitweise wertvollste Unternehmen der Welt lässt einen so zentralen, bekannten und börsenrelevanten Mitarbeiter nicht einfach von einem Tag auf den anderen gehen. Ive hat sich in den letzten Jahren hauptsächlich um den Bau des neuen Hauptsitzes gekümmert und sich weitgehend aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen.

Was bedeutet seine Kündigung für das Tech-Unternehmen?
Das ist sehr schwer zu sagen. Meldungen über ein baldiges Ende von Apple werden sicher nicht weniger werden. Aber Ives Einfluss wird noch über Jahre zu spüren sein, da er auch an Projekten beteiligt war, von deren Existenz wir nicht mal wissen. Dann ist aktuell ziemlich unklar, wie die Zusammenarbeit von seiner neuen Firma mit Apple aussehen wird. Ist das reine PR-Augenwischerei oder wird er so weiter Einfluss auf Apples Design nehmen können?

Wer kümmert sich jetzt ums Design bei Apple und was wird der Kunde davon merken?
Hier wird es etwas insiderig. Man sollte zwar nie viel auf Organigramme geben. Aber es ist schon auffällig, dass die zwei Chefs von Hardware- und Software-Design nun dem Chief Operating Officer untergeordnet sind und nicht mehr einem Chief Design Officer (Ives alte Rolle). Sucht Apple vielleicht einen neuen Super-Design-Chef oder wurde die Abteilung zurückgestuft? Wie gesagt, man sollte nicht zu viel auf Organigramme geben und einmal schauen, was in den nächsten Jahren passiert. Ich vermute, als Kunde merkt man davon kaum etwas. Weder im Positiven noch im Negativen. Dazu sind solche Produkte viel zu sehr eine Team-Leistung.

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