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«Der letzte Tag»

Wie soll man mit Suizid-Andeutungen in sozialen Netzwerken umgehen? Manche Jugendliche können tatsächlich noch rechtzeitig gerettet werden.

Warum ist das passiert? Die Polizei wertet derzeit die Computer von zwei Jugendlichen aus, die sich in Eslohe (Deutschland) mit Benzin übergossen und angezündet haben - ein 16-Jähriger starb, eine 13-Jährige schwebt seitdem in Lebensgefahr.
Warum ist das passiert? Die Polizei wertet derzeit die Computer von zwei Jugendlichen aus, die sich in Eslohe (Deutschland) mit Benzin übergossen und angezündet haben - ein 16-Jähriger starb, eine 13-Jährige schwebt seitdem in Lebensgefahr.
Keystone

Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter leben davon, dass ihre Nutzer viel von sich preisgeben - ihre Hobbys, ihre Interessen, ihre Erlebnisse. Wer viel über sich erzählt, der hinterlässt Spuren. Darauf hofft jetzt auch die Polizei, die derzeit die Computer von zwei Jugendlichen auswertet, die sich im sauerländischen Eslohe mit Benzin übergossen und angezündet haben - ein 16-Jähriger starb, eine 13-Jährige schwebt seitdem in Lebensgefahr. Die Polizei fragt sich: Warum ist das passiert? Das Netz könnte Hinweise liefern.

Wie das WAZ-Online-Portal «Der Westen» berichtete, hatte der 16-Jährige noch an seinem Todestag in seinem Profil bei Facebook ein Video des Rappers Flamur verlinkt, sichtbar für seine Freunde. Der Titel: «Der letzte Tag». Kommentare, die entsetzte Bekannte des Toten nach dessen Tat auf das Profil stellten, das auf Facebook zunächst weiter existierte, deuteten indes darauf hin, dass der 16-Jährige in seinem Umfeld zuvor nicht durchblicken liess, sich demnächst das Leben nehmen zu wollen. So schrieb einer: «Ich kannte dich nur glücklich und fröhlich. Du warst immer am Lachen, warst immer nett zu einem, man hat dir nie was angesehen.»

Selbstmorde live im Internet

Andeutungen oder gar konkrete Ankündigungen für Selbstmorde oder Amokläufe, an deren Ende meist ebenfalls der Tod steht, sind dabei im Internet keine Seltenheit. Vor allem soziale Netzwerke und auch klassische Internet-Foren dienen dafür als Plattform. So hatte die Polizei 2010 in Ludwigshafen einen 23-Jährigen festgenommen, der einen seiner einstigen Lehrer umgebracht hatte, und festgestellt, dass sie den jungen Täter bereits kannte: Drei Jahre zuvor hatte er im Internet einen Selbstmord angekündigt - aber nicht durchgeführt.

Letztlich begehen tatsächlich immer wieder Menschen Selbstmord und kündigen dies zuvor im Internet an. Weltweit für Aufsehen sorgte im Nachhinein ein Fall aus Florida. Dort hatte sich ein 19-Jähriger 2010 sogar vor einer Webcam das Leben genommen, auf die er Stunden zuvor in einem Forum hingewiesen hatte. Wie sich bei anschliessenden Ermittlungen herausstellte, hatten ihn Schaulustige gar angefeuert, andere hätten indes versucht, ihm seinen Plan auszureden. Als damals die Polizei von dem Leiter des Internet-Forums informiert wurde und am Tatort eintraf, war der junge Mann allerdings schon tot.

Die Netzgemeinde schreitet ein

Doch nicht alle Fälle dieser Art enden tödlich. Als im August 2010 ein Software-Spezialist aus einer Kleinstadt bei Stuttgart auf dem öffentlichen Kurznachrichtendienst Twitter ankündigte, sich mit einer Überdosis Tabletten das Leben zu nehmen und auch ein Foto der Pillen veröffentlichte, machte diese Nachricht rasch bundesweit die Runde - und erreichte letztlich auch die Polizei. Als der Mann seine Telefonnummer angab und darum bat, ihm einen Grund zu nennen, warum es sich lohnen würde, am Leben zu bleiben, wurde er gerettet. Zur Tat hatte er da allerdings schon angesetzt.

Vor knapp zwei Jahren, im Juni 2009, las zudem eine Surferin auf einer Chatseite die Freitod-Ankündigung einer Frau in Rheinhessen: «Schneide mir gerade die Pulsadern auf.» Wie die «Mainzer Allgemeine Zeitung» damals berichtete, recherchierte die zufällig mit der Nachricht konfrontierte Frau im Netz den Namen und die Anschrift der vermeintlichen Selbstmörderin - und griff zum Hörer, um die Polizei zu alarmieren. Die Beamten hätten daraufhin festgestellt, dass die Frau zwischenzeitlich auch mit einem Mix aus Alkohol und Tabletten nachgeholfen habe. Sie wurde dank der Netzgemeinde dennoch gerettet.

Auch entsetzliche Nachrichten gehen unter

Die - eher vagen - Signale des 16-Jährigen in Eslohe wurden hingegen nicht rechtzeitig gehört. Anschliessend aber war das Internet wieder am schnellsten informiert, wenn auch nicht bis in alle Details: Noch am Dienstag notierte eine junge Nutzerin auf Twitter «Im Nachbardorf ist ein 15-jähriger Junge verbrannt» und nannte auf Nachfrage ihrer ebenfalls twitternden Schwester «Eslohe». Dass auch diese Nachricht nicht sofort die Runde machte, zeigt: Auch eindeutig entsetzliche private Nachrichten gehen im weltweiten Datennetz oft völlig unter.

Daniel Bouhs/ dapd

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