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Ein Internet-Koffer gegen die Diktatur

Die US-Regierung investierte bislang 70 Millionen Dollar, um die Zensur autokratischer Regimes zu umgehen. Gelingen soll dies auch mit Hilfe einer Neuentwicklung eines IT-Bastlers.

Der Bausatz fürs eigene Internet: Wenige Geräte reichen aus, um ein Schattennetzwerk aufzubauen, das unabhängig von der Regierungszensur betrieben werden kann.
Der Bausatz fürs eigene Internet: Wenige Geräte reichen aus, um ein Schattennetzwerk aufzubauen, das unabhängig von der Regierungszensur betrieben werden kann.

Sascha Meinrath lebt in New York und arbeitet für die «Open Technology Initiative», eine Non-Profit-Organisation, die sich politisch für den günstigen und offenen Zugang zu Kommunikationsnetzwerken einsetzt. Normalerweise beschäftigt er sich mit lokalen Projekten in US-Städten wie Philadelphia, wo er mit seiner Crew ein Konzept für ein Wireless-Netzwerk entwickelte, das sich über das gesamte Stadtgebiet erstrecken und allen Einwohnern gratis Zugang zum Internet verschaffen sollte.

Sein aktuelles Projekt führt Meinrath in die Domäne der Militärs und Geheimdienste. Vor einigen Monaten wurde der New Yorker IT-Bastler vom US-Aussenministerium kontaktiert. Seine Aufgabe: Einen Gerätebausatz entwickeln, der in einem Aktenkoffer Platz findet, und den Betrieb eines eigenen Internets ermöglicht – unabhängig von staatlicher Störung und Zensur. Der Bausatz könnte demokratischen Aktivisten helfen, sich beim Widerstand gegen unterdrückerische Regimes zu organisieren und Informationen aus dem Land an die Weltöffentlichkeit zu tragen.

Demokratiebewegungen weltweit unterstützen

Meinraths mit gut zwei Millionen Dollar dotiertes Projekt ist Teil einer 70 Millionen schweren Grosskampagne, die das US-Aussenministerium unter Präsident Barack Obama lanciert hat. Wie die «New York Times» schreibt, will Obama die digitale Aufrüstung von Demokratiebewegungen insbesondere in den arabischen Ländern vorantreiben. So finanzieren die USA offenbar auch den Aufbau geheimer Handy-Netze für Oppositionelle in Ländern wie dem Iran, Syrien oder Libyen.

Die Notwendigkeit unabhängiger Kommunikationssysteme wurde im Zuge der «arabischen Revolution» offensichtlich: Als die Proteste in Ägypten zunahmen, reagierte der damalige Präsident Hosni Mubarak mit der kompletten Abschaltung von Internet und Mobilfunk. Es genüge demnach nicht mehr, nur auf Softwarelösungen zur Umgehung von Zensur und Überwachung zu setzen, sagt ein Spezialist im Artikel der «New York Times»: Im Krisenfall brauche es selbsttragende Netzwerke, um das Hochladen von Youtube-Videos oder die Kommunikation über soziale Plattformen zu ermöglichen.

Als technische Lösung bieten sich so genannte Mesh-Netzwerke an. Diese Netzwerke bestehen aus zahlreichen einzelnen Knotenpunkten, die miteinander verbunden sind und Informationen mehrfach weiterleiten. Mesh-Netzwerke sind selbstheilend und dadurch sehr zuverlässig: Wenn ein Knoten oder eine Verbindung blockiert ist oder ausfällt, kann sich das Netz darum herum neu stricken.

Die Lehre aus Afghanistan

Dass man in Washington neu auf dezentrale Kleinnetzwerke setzt, hat nicht nur mit der Repression von Protestbewegungen in Ländern wie Syrien zu tun. Hinter dem Strategiewechsel stehen auch die eigenen Erfahrungen in Afghanistan, wo das mit Geldern aus den USA aufgebaute und heute von Privatunternehmen betriebene Mobilfunknetz regelmässig von Talibankämpfern lahmgelegt wird.

Wie ein Sprecher der ISAF der «New York Times» berichtet, würden die Operateure in Kontrollzentren von Taliban bedroht und gezwungen, die Systeme für einige Stunden auszuschalten – vermutlich, um Meldungen über Bewegungen oder während Angriffen von Kämpfern zu verhindern.

Um ein Schattennetzwerk aufzubauen, das von feindlichen Kämpfern nicht willkürlich abgeschaltet werden kann, hat das Pentagon laut «New York Times» deshalb über 50 Millionen Dollar in Afghanistan investiert. Nähere Angaben zum Projekt mit dem Codenamen «Palisade» sind rar. Bis zum Abzug der amerikanischen Truppen soll das neue Mobilfunknetzwerk in Betrieb sein.

«Immer mehr Leute benutzen das Internet, Mobiltelefone und andere Technologien um ihre Proteste gegen Ungerechtigkeiten zum Ausdruck zu bringen», kommentierte US-Aussenministerin Hillary Clinton die Anstrengungen ihres Amtes gegenüber der «New York Times». Die technische Unterstützung der freien Meinungsäusserung sei deshalb eine historische Chance für die USA, positiven Wandel in der Welt herbeizuführen.

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