Facebook ist auf dem Weg zur digitalen Geisterstadt

Forscher haben berechnet, ab wann das soziale Netzwerk mehr tote als lebende Nutzer haben wird.

Illustration von Facebook zu den neuen Funktionen für verstorbene Nutzer.

Illustration von Facebook zu den neuen Funktionen für verstorbene Nutzer.

(Bild: Facebook)

Matthias Schüssler@MrClicko

In 50 Jahren werden die Toten Facebook dominieren. Zu diesem morbiden Schluss kommen Forscher der Universität Oxford, nachdem sie die Wachstumszahlen beim sozialen Netzwerk untersucht und mit den Sterbeziffern der Vereinten Nationen verglichen haben. Nach dieser Rechnung werden bis 2100 ungefähr 4,9 Milliarden Kontoinhaber gestorben sein: Das wären gleich viele tote wie lebende Nutzer.

Wird Facebook auf diese Weise zur digitalen Geisterstadt – oder zum «Zombiebook», wie der «Deutschlandfunk» geunkt hat? Facebook ist nicht untätig: Mitte April hatte die Geschäftsführerin Sheryl Sandberg in einem Blogpost neue Funktionen für die Konten toter Mitglieder angekündigt: Sie ermöglichen es, Verstorbener zu gedenken, und erleichtern Hinterbliebenen die Verwaltung der Nutzerkonten. Ausserdem soll mittels künstlicher Intelligenz sichergestellt werden, dass die Profile der Verstorbenen nicht unerwartet im Nachrichtenfluss auftauchen und so womöglich schmerzhafte Erinnerungen auslösen.

Der Nachlasskontakt lebt auch nicht ewig

Doch nicht alle sind überzeugt, dass Facebook die Probleme wirklich durchdrungen hat. In einem Interview mit dem Magazin «Wired» zeigte sich Sheryl Sandberg verblüfft über die Idee, es brauche mehr als einen Nachlasskontakt. Denn es besteht die Möglichkeit, dass man zum Beispiel in einem Unfall zusammen mit seinem designierten Nachlassverwalter umkommt und niemand zurückbleibt, der sich um die Konten kümmern könnte: «Das ist ein guter Vorschlag! Das ist weder mir noch sonst jemandem eingefallen.»

Den Forschern geht es aber nicht um Facebook: Sie fordern eine breite Diskussion darüber, wie mit den digitalen Hinterlassenschaften umgegangen werden soll. «Wir müssten uns mit den oft schwierigen Fragen dieser Erbschaften auseinandersetzen», fordern sie. Und zwar nicht nur auf der individuellen, sondern auch auf der gesellschaftlichen Ebene. «Diese Profile der toten Nutzer sind mehr als die Summe ihrer Teile: Sie werden zu einem Teil unserer globalen digitalen Erbschaft», erklärt der Hauptautor der Studie, Carl Öhman, in der Pressemeldung zur Studie.

«Wer das kontrolliert, kontrolliert unsere Geschichte»

Sein Co-Autor David Watson doppelt nach. Noch nie habe es ein so grosses Archiv über das menschliche Verhalten und unsere Kultur gegeben: «Wer dieses Archiv kontrolliert, kontrolliert auch die Geschichte – deshalb sollte der Zugriff nicht einer einzigen, gewinnorientierten Firma überlassen werden.» Stattdessen sollte Facebook Historiker, Archivare, Archäologen und Ethiker einladen, sich um diese Daten zu kümmern und sie möglichst lange zu erhalten.

Denn das sie auf längere Frist überleben, ist alles andere als sicher. Denn auch wenn digitale Informationen den Anschein von Unsterblichkeit haben, sind sie fragiler, als man glauben würde, sagen die Forscher: Dateiformate verändern sich, und die Daten müssen den neuen Gegebenheiten angepasst werden, damit sie nutzbar bleiben.

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