Kollegen entscheiden mit App über Karrieren

Öffentliche Kritik am faulen Peter, Lob für die kreative Pia. In Echtzeit, direkt aufs Handy. Sieht so die Zukunft der Arbeitswelt aus?

Dalios Modell macht Schule: Die Kollegen bewerten sich gegenseitig, Transparenz steht über allem.(Symbolbild)

Dalios Modell macht Schule: Die Kollegen bewerten sich gegenseitig, Transparenz steht über allem.(Symbolbild)

(Bild: Keystone Martin Rütschi)

Bewertet wird immer mehr: Kleider auf Zalando, Bücher auf Amazon, Fahrer auf Uber. Nun scheint diese Praxis vermehrt auch auf die Arbeitswelt überzugreifen. Der Chef des US-Hedgefonds Bridgewater Ray Dalio hat eine App entwickeln lassen, mit der sich die Mitarbeiter gegenseitig bewerten können, wie die «Handelszeitung» schreibt. Auf jedem Firmen-iPad ist die Software «Dots» installiert. Sie enthält eine Liste aller 1500 Kollegen, deren Leistung in 100 Disziplinen beurteilt werden können.

Die Einträge erfolgen im Gegensatz zu Zalando oder Amazon nicht anonym. Die Bewertung erscheint öffentlich, in Echtzeit und wird auf dem Handy angezeigt. Doch diese zwei Faktoren scheinen nicht abschreckend zu wirken: Die Mitarbeiter hätten bereits 11'000 Bewertungen abgegeben, so Bob Prince, ein hochrangiger Manager des Unternehmens. Dalio ist der Überzeugung, dass die App seine Mitarbeiter anspornt. Deshalb sehe er sie als mitverantwortlich für den grossen Erfolg seiner Firma.

Rating beeinflusst Glaubwürdigkeit

Die Idee basiert auf der von Dalio selbst verfassten und 320 Seiten umfassenden Firmen-«Bibel». In der Pflichtlektüre für alle Mitarbeiter ist laut der Handelszeitung der ehrliche Umgang mit den Kollegen als oberstes Gebot festgelegt, die Rede ist von «radikaler Transparenz» und «radikaler Wahrheit». «Wer hinter dem Rücken anderer tuschelt», schreibt Dalio in seinen «Principles», «den betrachte ich als schleimigen Betrüger.»

Die Bewertung spielt eine zentrale Rolle in der Gesamtbeurteilung des Arbeiters, schreibt Business Insider US. Aufgrund der Beurteilungen wird für jeden Mitarbeiter eine Art «Visitenkarte» ausgestellt. Diese entscheidet mit, wie glaubwürdig der Input eines Kollegen in einem Meeting eingeschätzt wird. Ein Streit mit dem Tischnachbarn könnte also möglicherweise gravierende Konsequenzen nach sich ziehen.

Wie die Zeitung berichtet, scheinen jedoch nicht alle Mitarbeiter Freude zu haben an Dalios Konzept der radikalen Transparenz. 30 Prozent der Mitarbeiter kündigen in den ersten zwei Jahren. Dennoch scheint die Idee Dalios Schule zu machen. Die Grossbank JP Morgan hat nun ihrerseits für die 240'000 Mitarbeiter das Programm Insight360 eingeführt, auf Wunsch der Angestellten. Ähnlich wie bei Bridgewater können sich damit die Mitarbeiter konstant gegenseitig bewerten, schreibt «Quartz». «In vielen Gesprächen haben wir erfahren, dass unsere Angestellten gern häufiger Feedback hätten», so der Personalchef der Bank, John Donnelly, in einer E-Mail an die Belegschaft.

sep

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