Das herzigste Smartphone aller Zeiten

Ein Smartphone für die Puppenstube? Nein, sondern eines für Leute, denen schon die Normalgrösse zu klobig ist.

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Matthias Schüssler@MrClicko

Über die letzten Jahre sind die Smartphones immer grösser geworden. Das erste iPhone war vor zwölf Jahren etwas mehr als halb so gross wie das grösste Apple-Smartphone heute (70 vs. 122 Quadratzentimeter). Und natürlich: Der Komfortgewinn beim Lesen, Videoschauen oder Spielespielen durch die heutigen Riesendisplays ist beträchtlich.

Allerdings haben diese SUVs unter den Mobiltelefonen auch Nachteile: Sie passen kaum mehr in die Hosen-, geschweige denn in die Hemdtasche. Sie neigen auch dazu, einem locker sitzende Sommerhosen bei unpassenden Gelegenheiten in die Knie zu ziehen. Besonders unpraktisch sind sie beim Sport. Man braucht schon stabiles Befestigungsband für den Arm, einen Gürtel oder sogar einen kleinen Rucksack, damit das Handy nicht wild schlackert oder sogar davonfliegt.

Und genauso wie in Zeiten überdimensionaler Automobile manche Leute noch immer auf den Kleinwagen schwören, besteht auch heute noch ein Bedarf nach einem kleinen Smartphone. Und sei es nur als Zweitmodell – für Gelegenheiten, bei denen das angestammte Gerät übermotorisiert wäre. Es wundert nun nicht, dass das ausgerechnet Palm erkannt hat. Schliesslich heisst der Name übersetzt Handfläche.

Palms Wiedergeburt

Palm war seinerzeit bekannt für Taschencomputer (PDAs). Doch den Sprung ins Mobilfunkzeitalter hat das 1992 gegründete Unternehmen nicht geschafft. Es wurde 2010 von HP gekauft. Doch selbst mit diesem Giganten im Rücken liess sich der Untergang nicht aufhalten. Die Marke Palm gehört heute einem Start-up aus Kalifornien, das vom chinesischen Hersteller TCL Mobile produzieren lässt.

Das Palm Pepito ist ein kleines Smartphone, das nach heutigen Massstäben winzig wirkt und – je nach Grösse der Hand – tatsächlich in der Handfläche Platz hat. Und der Hersteller hat es geschafft, ein Gerät mit Jöö-Faktor zu entwickeln. Fast wie ein Welpe oder ein Katzenbaby wirkt es herzig und charmant. Und im Vergleich zu normalgrossen Handys strahlt es ein wunderbares Understatement aus.

Und natürlich: Vergleiche sind wie immer relativ. Nimmt man das erste iPhone als Massstab, dann ist das Pepito nur wenig kleiner: Es hat eine Bildschirmdiagonale von 3,3 Zoll, gegenüber 3,5 Zoll beim iPhone der ersten Generation. Auf alle Fälle ist es ein Leichtgewicht und nur 63 Gramm schwer. Ein grosses Smartphone bringt es locker aufs Dreifache. Und selbst das Original-iPhone brachte mehr als doppelt so viel auf die Waage (135 Gramm).

Kein Welpenschutz!

PVG100E, wie die Modellbezeichnung des Herstellers lautet, pocht aber nicht auf Welpenschutz, sondern will ein ausgewachsenes Smartphone sein. Das Gerät verwendet eine angepasste Variante von Android (die nicht mehr ganz taufrische Version 8.1), die auf dem kleinen Bildschirm elegant aussieht und sich auch gut anfühlt.

Die App-Icons (standardmässig vor allem die Google-Apps) sind wabenförmig angeordnet. Das erinnert an die Apple Watch, die ebenfalls mit diesem platzsparenden Layout operiert. Tippt man länger auf den Homeknopf, schaltet das Smartphone auf Task-Wechsler um. So spart man es sich, auf den dritten der drei hier wirklich winzigen Android-Knöpfe tippen zu müssen. Wenn man bei gesperrten Telefon am rechten Rand nach oben wischt, erscheint übrigens eine Listendarstellung der Apps – plus ein Feld, auf dem man mit dem Finger Buchstaben malen kann, um nach Apps zu suchen. Das ist anfänglich gewöhnungsbedürftig, funktioniert aber erstaunlich gut.

Das Einrichten und die Bedienung sind unkompliziert. Selbst das Eintippen von Benutzernamen und Passwörtern fällt auf der kleinen Tastatur nicht so schwer wie befürchtet. Die Gesichtserkennung, mit der man das Gerät entsperrt, hat im Test reibungslos und mit wenig Verzögerung funktioniert.

Zielgenaue Finger

Dennoch muss man genauer zielen als bei einer etwas grösseren Bildschirmtastatur. Wer viel schreibt und auch im ruckelnden Tram zielsicher tippen möchte, der ist mit einem grösseren Modell besser bedient.

Wie der Vergleich in der Bildstrecke zeigt, sieht man beim Surfen nicht wesentlich weniger als auf einem grossen Display. Allerdings ist die Schrift deutlich kleiner. Für die Kurzsichtigen unter uns ist das kein Problem. Doch wer beim Lesen die Zeitung schon etwas weiter wegstreckt, der wird am Pepito keine Freude haben. Und fürs Spielen ist dieser Winzling kaum geeignet. Nur klare und überschaubare Games lassen sich vernünftig verwenden.

Abstriche machen muss man bei der Lautstärkeregelung: Knöpfe für lauter und leiser gibt es nicht, ebenso wenig eine Klinkenbuchse für den Kopfhörer. Die Frontkamera bietet zwölf Megapixel, aber nur ein Objektiv – was im Vergleich zu den Doppel-, Drei- oder X-fach-Kameras bei den grösseren Modellen eine Komforteinbusse darstellt. Bei schlechten Lichtverhältnissen fällt sie gegenüber den grossen Handys deutlich ab. Und natürlich lässt sich ein grösseres Handy beim Fotografieren auch besser in der Hand halten.

Der Akku macht schnell schlapp

Der grösste Nachteil ist allerdings der Akku. Im Palm Pepito hat nur ein wirklich kleiner Akku Platz. 800 mAh sind es. Grössere Handys haben doppelt oder dreimal so viel oder noch mehr. Natürlich braucht der kleine Bildschirm auch weniger Strom. Dennoch ist Ausdauer nicht die Stärke – und bei der Inbetriebnahme wird einem empfohlen, zwecks Stromsparen den Apps die Hintergrundaktualisierung zu verbieten. Das kann allerdings dazu führen, dass manche Benachrichtigungen auf der Strecke bleiben.

Fazit: Ob das Pepito als Erst- oder Zweithandy infrage kommt, hängt von den Ansprüchen und den Vorlieben ab. Ohne Zweifel ist Palm aber ein charmantes und liebenswertes Gerät gelungen, das aus der Masse heraussticht wie ein einzelner Fiat Cinquecento unter lauter Geländelimousinen.

Der Palm Pepito ist für um die 450 Franken erhältlich. Das Testgerät hat uns Digitec zur Verfügung gestellt.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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