Google hat die Lust an Tablets verloren

Der Techkonzern hat mit den Geräten Misserfolge eingefahren und setzt künftig vor allem auf Laptops. Doch ganz wars das noch nicht.

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Rafael Zeier@RafaelZeier

Die Ankündigung ist in ihrer Deutlichkeit ungewöhnlich. Normalerweise halten Grosskonzerne einfach das Maul, wenn etwas missglückt ist und man den Kurs korrigiert.

Auch Google gibt sich bei Misserfolgen gern verschwiegen und wortkarg. Nicht so dieses Mal: Der Techkonzern hat mitgeteilt, er wolle künftig keine Tablets mehr bauen. Intern wurde der Beschluss vor einer Woche verkündet. Öffentlich wurde er in einem Bericht von Computer World.

Laptops statt Tablets

Als Teil des Entschlusses sei die Arbeit an zwei neuen Tablets eingestellt worden. Stattdessen wolle sich die Hardware-Abteilung künftig ganz auf Laptops oder Chromebooks, wie sie Google nennt, konzentrieren.

Nach der Publikation des Artikels bestätigte der verantwortliche Google-Manager Rick Osterloh den Beschluss auf Twitter:

«Hey, es stimmt. Googles Hardware-Team wird sich künftig einzig auf Laptops konzentrieren. Aber unsere Android- und Chrome-OS-Teams werden unsere Hardware-Partner im Tablet-Bereich auch in Zukunft unterstützen, in allen Segmenten (Konsumenten, Geschäft, Bildung).»

Der Tweet diente offensichtlich nicht nur dazu, die Meldung zu bestätigen, sondern auch Kunden und Hersteller wie Samsung zu beruhigen. Auch wenn Google selbst keine Tablets mehr bauen wolle, würden sich die Software-Teams trotzdem weiter Mühe geben, dass das Android und Chrome OS auch auf Tablets eine gute Figur machen.

Der Tablet-Fluch

Überraschend kommt der Entschluss nicht. Das letzte Google-Tablet wurde in den Tests heftig kritisiert (siehe Bildstrecke), und auch sonst hatte Google mit eigenen Tablets über die Jahre mehr Misserfolge als Triumphe eingefahren.

Ehe Googles Tablet-Fluch auch die neusten Geräte ereilt, wurde deren Entwicklung nun also gestoppt. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Herber Schlag

Trotzdem ist das ein herber Schlag für Googles Tablet-Software. Machte diese bislang schon einen vernachlässigten und unentschlossenen Eindruck, dürfte es künftig kaum besser werden, wenn dem Software-Team nun nicht mehr ein Hardware-Team im Nacken sitzt.

Oder um es mit dem Computerpionier Alan Kay zu sagen: «Wer es mit Software wirklich ernst meint, der sollte auch die eigene Hardware bauen.» Berühmt wurde das Zitat von 1982 spätestens bei der Präsentation des iPhones 2007:

Es erstaunt auch, wie deutlich sich Google für den Laptop und gegen das Tablet ausspricht. Dies ausgerechnet in Zeiten, in denen Apple noch mal stärker aufs iPad setzt, Microsoft eine Art Doppelbildschirm-Surface in der Pipeline hat und die Grenzen zwischen Gerätekategorien immer mehr verschwimmen (auch wenn Falthandys noch eine zusätzliche Warterunde einlegen müssen).

Pech für Samsung

Besonders ärgerlich dürfte der Entscheid für Samsung sein. Die Firma setzt bei ihren Tablets auf Android und hat in den letzten Jahren einiges unternommen, die für Tablets suboptimale Software mit eigenen Entwicklungen zu verbessern.

Grösser dürfte das Engagement von Google im Tablet-Bereich nach dem Entscheid nun kaum werden. Da tröstet es auch nicht, dass mit Google nun ein Hardware-Konkurrent wegfällt. Schliesslich hält sich der Verkaufserfolg der Pixel-Smartphones bisher in Grenzen. Bei den Tablets dürfte es nicht anders gewesen sein.

Silberstreif am Horizont

Aber ganz wars das mit Google und Tablets sowieso noch nicht. Seit letztem Herbst haben wir in unserem Haushalt mit dem Google Home Hub täglich ein Google-Tablet im Einsatz. Zwar kein mobiles Tablet. Aber eine Art stationäres Küchenradio-Fotoalbum-Tablet.

Auf einer USA-Reise als Experimentier-Spontankauf erstanden, hat sich der Home Hub innert kürzester Zeit einen Platz in unserer Küche und unserem Alltag erarbeitet. Selbst technologieskeptische Besucher staunen und wollen nach einer kurzen Vorführung auch einen. In der Schweiz ist er aber leider immer noch nicht offiziell und nur als Import (circa 200 Franken) erhältlich.

Wie damals der erste Chromecast

Anders als bei allen Google-Tablets zuvor ist die Kombination aus Software und Hardware hier eine Freude. Das Gerät funktioniert so gut, dass ich es regelmässig als bestes Google-Gerät seit dem ersten Chromecastbezeichne.

Besonders faszinierend: Man muss sich nicht um Apps oder Updates kümmern. Alles ist schon drauf und ständig aktuell. Wenn Google eine neue Funktion an einer grossen Präsentation ankündigt, kann man sie gleich danach in der Küche ausprobieren und muss nichts installieren. Ja, der Google Home Hub hat sich sogar selbstständig in Nest Home Hub umgetauft.

Immer wieder ertappe ich mich beim Bedienen des Home Hub dabei, wie ich an das grosse Interview mit dem Evernote-Gründer Phil Libin über das Verschwinden von Apps denken muss.

So gesehen, ist der Home Hub ein Fenster in die Zukunft von Google und Computern im Allgemeinen. Aber vielleicht ereilt den Home Hub ja in naher Zukunft doch noch Googles Tablet-Fluch, und die Firma setzt schon wieder auf eine völlig neue Strategie.

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