Huaweis neustes Kamera-Wunder im Alltagstest

Das P30 Pro hat die aktuell beste Smartphone-Kamera. Doch was taugt die im Alltag? Wir haben sie einen Monat getestet.

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Rafael Zeier@RafaelZeier

Letzten Herbst schrieben wir, im Mate 20 Pro stecke alles, was aktuell technisch möglich ist. Da es im Smartphone-Zirkus aber keine Pausen gibt und man sich auch nicht auf Lorbeeren ausruhen sollte, stellte sich schon damals die Frage: Wie will Huawei das noch toppen?

Eine Abkehr von Hardware-Superlativen hin zu mehr Aufmerksamkeit für die Software, wie aktuell bei Samsung zu beobachten, wäre eine Möglichkeit gewesen. Stattdessen entschieden sich die Strategen in der chinesischen Konzernzentrale für noch mehr Hardware-Superlative.

Je mehr, desto besser?

Hatte die Kamera des Mate 20 Pro schon gute Zoom- und Weitwinkel-Objektive, soll es dieses Mal beim P30 Pro (999 Franken) noch mehr Zoom richten. Die Entwicklung kennt man aus dem Kompaktkamera-Markt. Je mehr Zoom, desto besser, so das jahrelange Mantra der Kamerahersteller.

Geholfen hats den Kompaktkameras bekanntlich nicht. Sie wurden von Smartphones ohne Zoom überrannt und ins Abseits gedrängt. Dass im P30 Pro nun ein Objektiv steckt, das optisch 5-fach und digital 10- bis 50-fach zoomen kann, ist beeindruckend.

Huawei bedient sich dabei eines Tricks, den Minolta schon in den frühen Nullerjahren für die Kompaktkameras genutzt hat. Der Fotosensor wird nicht wie gewohnt flach, sondern hochkant ins Gerät verbaut. Das Licht wird mit Spiegeln durch einen Schacht im Gerät auf den Sensor geführt. So kann man Objektive verbauen, die sonst weit aus dem Gerät herausragen würden.

So beeindruckend dieses Objektiv als Ingenieursleistung ist, so wenig nützt es im Alltag. An einer Party oder einer Familienfeier erntet man dafür sicher bewundernde Blicke und Kommentare. Doch für Alltagsfotos reichen meist deutlich bescheidenere Zoom-Möglichkeiten.

Wenn man zum Beispiel in der Kamera-App auf den Zoomknopf drückt, springt die Kamera gleich auf 5x. Für die meisten Situationen ist das schon zu viel, sodass man wieder zurück zoomen muss.

Wie mit keinem anderen

Trotzdem, wer sich mit Fotografie auskennt und weder Einstellungen noch Menüs scheut, kann mit dem neuen Huawei gerade bei schwierigen Lichtverhältnissen Fotos schiessen wie mit keinem anderen Handy. Wer jedoch einfach abdrücken und ein gutes Foto erhalten möchte, ist bei den grössten Konkurrenten Samsung und Apple nicht wirklich schlechter aufgehoben. Dank der geringeren Möglichkeiten ist dort das Risiko sogar kleiner, ein Foto zu verpfuschen.

Besonders beeindruckt hat mich in meinem Monat mit dem P30, wie gut der Porträt-Modus inzwischen ist. Vermutlich dank dem speziellen Tiefensensor ist die Software-Illusion inzwischen fast perfekt. Man muss schon ganz genau hinschauen und auf winzige Details achten, um zu erkennen, dass hier der Hintergrund nicht mit einem speziellen Objektiv, sondern mit Software unscharf gesetzt wurde.

Das aktuell Übliche

Während Huawei bei der Kamera der Konkurrenz voraus ist, erwartet einen beim restlichen Gerät das aktuell Übliche in der Top-Klasse.

Der Oled-Bildschirm ist nahezu randlos. Einzig an der oberen Kante hat es eine halbrunde Ausbuchtung für die Selfie-Kamera. Diese dient auch dazu, das Handy per Gesichtserkennung zu entsperren. Das ist im Prinzip weniger sicher als die aufwendige Infrarot-Technologie bei den neusten iPhones oder dem Huawei Mate 20 Pro, aber dafür braucht die einzelne Kamera weniger Platz und sieht auch schöner aus.

Was die Sicherheitsbedenken angeht, kann man immerhin vermelden: Das P30 Pro ist anders als das Galaxy S10 nicht auf den Selfie-Trick hereingefallen. Beim Samsung-Handy gelang es uns im Februar, das Gerät mit einem Selfie auf einem iPad zu entsperren.

Gute und bekannte Gesten

Als zweite Entsperrmethode kommt bei Huawei ein Fingerabdrucksensor unter dem Bildschirm zum Einsatz. Der funktioniert zuverlässig, aber meist ist die Gesichtserkennung schneller.

Einmal mehr sehr gut gefällt die Bedienung per Touch-Gesten. Diese sind zwar mehr als nur ein bisschen von Apples Lösung inspiriert worden, aber damit sollen sich Patentanwälte auseinandersetzen. Ich als Konsument bin einfach froh, dass die android-typische Bedienzeile mit den Knöpfen für Multitasking, Home und Zurück überflüssig geworden ist.

Typisch Huawei, ist auch der Akku beim P30 Pro ein grosser Pluspunkt. Das Handy schafft bei mir locker einen Tag, bei anderen dürfte es deren zwei schaffen. Nicht ganz glücklich bin ich allerdings damit, dass Huawei für die guten Akku-Resultate ziemlich rabiat Apps, die im Hintergrund laufen, deaktiviert oder ausbremst.

Wenn ich zum Beispiel mit dem P30 Pro und dem iPhone gleichzeitig ein Foto schiesse und danach mit dem Power-Knopf den Bildschirm wieder ausschalte, dauert es beim iPhone keine Minute, bis das Bild bei Google Fotos hochgeladen wurde. Beim Huawei – das ja eigentlich Googles Android-Software nutzt – taucht das Foto in der Regel erst nach Minuten auf. Gelegentlich werden Fotos auch erst dann gesichert, wenn man die Fotos-App manuell öffnet. Die Batterie-Einstellungen sagen zwar, dass Google Fotos nicht eingeschränkt würde, aber so ganz stimmt das wohl nicht.

Wenig geändert hat sich insgesamt an Huaweis eigener Benutzeroberfläche, die über Android gelegt wird. Die ist deutlich hübscher als früher und sieht aus wie eine Mischung aus iOS und Android. In Sachen Eleganz liegt die Eigenentwicklung aber immer noch deutlich hinter Googles unverändertem Android, Apples iOS und neu auch hinter Samsungs Android-Benutzeroberfläche zurück.

Hier wäre Huawei gut beraten, künftig etwas mehr Aufwand zu betreiben. Zumal immer mehr Zoom längerfristig keine Strategie sein kann.

Fazit:Wenn man sich das P30 Pro und das Marketingbudget von Huawei anschaut, steht ausser Frage, dass auch das neuste Handy des chinesischen Telecomkonzerns ein Hit werden wird. Gerade Samsung dürfte das einmal mehr schmerzlich zu spüren bekommen.

Als Kunde ist man einmal mehr gut beraten, nichts zu überstürzen. Die Preise dürften in den nächsten Monaten deutlich fallen. Zum Beispiel das Huawei Mate 20 Pro vom letzten Herbst findet man gelegentlich schon für 700 Franken. Wer auf den Mega-Zoom verzichten kann, sollte sich das Mate noch mal genau anschauen.

Längerfristig wird es spannend, zu beobachten, wie Huawei damit umgeht, dass inzwischen fast alle Handy-Kameras gut genug sind und als Kaufargument an Bedeutung verlieren werden. Aber fürs Erste kann sich Huawei weiter im Wissen sonnen, die aktuell beste Smartphone-Kamera zu haben und den grössten Konkurrenten nicht nur Monate, sondern vielleicht sogar ein ganzes Jahr voraus zu sein.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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