Lustig geht anders

Der spanische Youtuber Kanghua Ren ist verurteilt worden, weil er einem Bettler Guetsli mit Zahnpasta geschenkt hatte.

«Die Leute sind nun mal morbid»: Kanghua Ren. Foto: Facebook/ReSet

«Die Leute sind nun mal morbid»: Kanghua Ren. Foto: Facebook/ReSet

Sandro Benini@BeniniSandro

Einen lustigen Streich wollte er spielen, seine Youtube-Fans zum Lachen bringen. Schliesslich war er mit 1,1 Millionen Followern und 124 Millionen Zugriffen auf seine Site einer der erfolgreichsten Influencer der spanischsprachigen Welt, und da muss man dem Publikum ab und zu etwas bieten. Eine Richterin in Barcelona fand das aber gar nicht amüsant: Sie hat den 21-jährigen Kanghua Ren alias ReSet, in China geborener und in Spanien lebender Youtuber, zu einer ziemlich drastischen Strafe verurteilt.

Es war Januar 2017, als der Online-Scherzbold eine Schachtel mit Oreo-Guetsli präparierte: Er entfernte die süsse weisse Creme, welche die zwei kakaofarbenen Teile des Biscuits zusammenhält, und ersetzte sie durch Zahnpasta. Die Packung sowie 20 Euro überreichte er einem 52-jährigen Obdachlosen namens Gheorge L., der in Barcelona bettelnd vor einem Lidl-Supermarkt sass. Ren filmte, wie der Bettler zubiss. Danach lud er das Video auf Youtube hoch. Sein Kommentar: «Vielleicht habe ich ein wenig übertrieben, aber denken wir positiv. Ich glaube, der hat sich die Zähne seit ein paar Tagen nicht geputzt, oder seit er arm ist. Es tut wirklich gut, jemandem zu helfen.»

Laut dem Gerichtsurteil musste sich der Obdachlose übergeben. Anderntags suchte ihn Ren erneut auf, um zu fragen, wie ihm die Guetsli geschmeckt hätten. Auch darüber drehte er ein Video. Laut spanischen Medien trug ihm die Werbung, die mit dem Film geschaltet wurde, 2000 Dollar ein.

Katzenkot für Kinder

Zur Ehrenrettung der Youtube-Gemeinde sei gesagt, dass nicht alle Follower von Ren über den Scherz lachen konnten. Viele empörten sich, prangerten den Übeltäter an, meldeten der Plattform das Video als anstössig. Ein Youtuber mit mehr als 16 Millionen Fans bezeichnete seinen Konkurrenten als «Clown» und «miesen Typen».

Ren beschloss, das Video zu löschen. Er ging erneut zu seinem Opfer, um ihm 300 Euro Schadenersatz anzubieten. Er schlug ihm vor, eine Youtube-Dokumentation darüber zu drehen, wie man als Obdachloser eine Nacht verbringt. Alles, wenn er ihn nur nicht verklage. Gheorge L. liess sich nicht erweichen.

Die Richterin stufte die Tat als «Delikt gegen die moralische Integrität» ein und verurteilte Ren zu 15 Monaten Gefängnis. Ausserdem muss er seinem Opfer eine Wiedergutmachung von 20’000 Euro bezahlen und seinen Youtube-Kanal schliessen. Fünf Jahre lang darf Ren nichts mehr auf die Plattform hochladen. Ins Gefängnis muss er wohl nicht, weil Strafen von weniger als zwei Jahren in Spanien normalerweise bedingt erlassen werden, sofern der Verurteilte nicht vorbestraft ist. Aber das Gericht kann auch anders entscheiden.

Strafverschärfend wirkte sich aus, dass Ren schon zuvor ähnlichen Unfug getrieben hatte: Kindern und alten Leuten in einem Park Gebäck anbieten, das mit Katzenkot gefüllt war, zum Beispiel. Damals hatten es die Opfer gemerkt und das Angebot zurückgewiesen. In seinem Schlussvotum vor Gericht versuchte sich Ren mit den Worten zu rechtfertigen: «Ich mache Dinge, um eine Show abzuziehen. Die Leute sind nun einmal morbid.»

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