«Man müsste Facebook dichtmachen»

Erstmals sprechen drei Moderatoren über ihre desaströsen Arbeitsbedingungen. Was sie erzählen, muss jedem Social-Media-Nutzer zu denken geben.

Subunternehmer lassen moderieren, damit wir auf Facebook nicht alles zu Gesicht bekommen. (Symbolbild)

Subunternehmer lassen moderieren, damit wir auf Facebook nicht alles zu Gesicht bekommen. (Symbolbild)

(Bild: Keystone Gaetan Bally)

Mathias Möller@mmmatze

Chronische Überlastung, Videos, deren Brutalität die menschliche Vorstellungskraft übersteigen, daraus resultierende psychische Krankheiten bei den Angestellten, bleibende Schäden: Über die schlechten Arbeitsbedingungen jener, die für Facebook Inhalte moderieren, kamen in den letzten Jahren immer wieder Einzelheiten ans Licht.

Das, was Casey Newton in dieser Woche im Tech-Magazin The Verge enthüllte, stellt allerdings ein Novum dar: Erstmals sprechen drei ehemalige Moderierende offen und vor der Kamera über ihre Arbeit, obwohl sie eine Verschwiegenheitsvereinbarung unterschrieben hatten.

«The Score» – unerreichbarer Standard

Für sein Stück führte Newton gut ein Dutzend Interviews; drei der Gesprächspartner, Melynda Johnson, Michelle Bennetti und Shawn Speagle, geben der bislang anonymen Masse an Moderierenden Gesichter. Alle drei arbeiteten bei einem Subunternehmer von Facebook namens Cognizant in Tampa, Florida. Ihre Aufgabe: Videos, Bilder und Texte sichten und entscheiden, ob sie gegen Facebooks Richtlinien verstossen oder nicht. Meist geht es um Gewalt oder Sex.

Erstmals sprechen drei ehemalige Facebook-Moderierende vor der Kamera.

Die Filiale der Firma im Sunshine State ist aus zwei Gründen interessant: Erstens, weil dort im März 2018 der Moderator Keith Utley an seinem Arbeitsplatz einen tödlichen Herzinfarkt erlitt – der 42-Jährige hinterliess zwei Töchter und eine Ehefrau. Das Unternehmen betont, dass sein Tod nicht eindeutig mit seiner Tätigkeit in Verbindung gebracht werden könne.

Zum anderen ist die Niederlassung in Florida diejenige, die am schlechtesten abschneidet, wenn es um «The Score» geht. So nennen die Mitarbeitenden eine Vorgabe von Facebook, nach der jeder Moderator und jede Moderatorin bewertet wird. Ihre Entscheidungen, einen Inhalt zu sperren oder ihn durchzuwinken, werden mit den Richtlinien abgeglichen. Sind die Verdikte zu weniger als 98 Prozent korrekt, droht die Entlassung. Die Mitarbeitenden von Cognizant in Florida erreichen teamübergreifend gerade mal 92 Prozent.

«Jeden Tag sieht man Tod, Schmerz und Leid.»Shawn Speagle, Facebook-Moderator

Die Content-Moderierenden stehen täglich unter einem enormen Druck gegenüber ihren Teamleitern, die wiederum gegenüber dem Kunden Facebook. Dazu kommt, und das ist der bei weitem schlimmere Teil des Jobs, das, was sie tagtäglich zu sehen bekommen: Videos, in denen Tiere oder Kinder gequält, manchmal auch getötet werden. «Jeden Tag sieht man Tod, Schmerz und Leid», sagt Shawn Speagle, einer der drei, die unter ihrem eigenen Namen sprechen. Dinge, die der normale Facebook-Nutzer nur selten zu Gesicht bekommt, hauptsächlich, weil Menschen wie Speagle eingreifen. Mehrere Hundert Fälle bearbeiten die Moderierenden jeden Tag unter sich ständig ändernden Bedingungen – die Richtlinien würden laufend angepasst, klagt Speagle.

Beschwerden werden ignoriert

Dass Menschen, die dauerhaft derart extremen Eindrücken ausgeliefert sind, daran zerbrechen können, liegt auf der Hand. Das äussert sich bei den Angestellten von Cognizant auf unterschiedliche, aber fast immer bedenkliche Art und Weise. Weinen, Aggression und Schlafstörungen gehören wohl noch zu den natürlichsten Reaktionen; es gibt aber auch Berichte von mit Fäkalien verschmierten Toiletten in den Büros oder Alkohol- und Drogenmissbrauch während der Arbeitszeit. Verbale und körperliche Auseinandersetzungen gebe es regelmässig. Andere mussten feststellen, dass sie die extremen Ansichten annahmen, denen sie den ganzen Tag ausgesetzt waren: Hate-Speech und Verschwörungstheorien.

Die Arbeitsbedingungen tragen nicht gerade dazu bei, den belasteten Moderierenden zu helfen. Druck wird von oben nach unten weitergegeben, Beschwerden ignoriert oder nicht ernst genommen. Viele Mitarbeitende seien nach dem Tod von Utley nur zögerlich informiert worden. Berichte über sexuelle Belästigung durch Vorgesetzte gebe es immer wieder. Die hygienischen Zustände in den Büros lassen offensichtlich auch zu wünschen übrig. Melynda Johnson erzählt von Schamhaaren und Popeln auf ihrem Arbeitsplatz, den sie mit anderen teilt. «Es ist wie in einem Sweatshop,» sagt sie. In einem Ableger von Cognizant in Phoenix, Arizona, habe es in diesem Jahr bereits zweimal einen Bettwanzen-Befall gegeben.

«Es ist wie in einem Sweatshop.»Melynda Johnson, Facebook-Moderatorin

Aus Angst um ihren Job gehen viele Angestellte auch krank zur Arbeit – und übergeben sich zur Not in die Abfalleimer. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt es nicht – lediglich fünf Stunden pro Monat kann man wegen Krankheiten einziehen. Während eines regulären Arbeitstages haben die Moderierenden neben zwei fünfzehnminütigen Pausen und einer halbstündigen Mittagspause neun Minuten «Wellness»-Zeit. Haben Sie Probleme, über die sie mit einem der zur Verfügung stehenden Vertrauenspersonen reden möchten, müssen sie das während dieser neun Minuten tun. Wie effektiv das sein kann, kann man sich leicht vorstellen. Zumal die Gespräche auch nicht immer hilfreich sind, wie Speagle erzählt. Ein Berater habe ihm gesagt, er wisse doch auch nicht, wie er ihm helfen solle.

Johnson und Speagle berichten, dass sie auch nach ihrem Aus bei Cognizant psychologische Hilfe in Anspruch nehmen mussten und bis heute Medikamente nehmen – die Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung. Speagle erklärt ausserdem, dass er während der Arbeit angefangen habe, zwanghaft zu essen. Er hat während seiner Zeit als Moderator stark an Gewicht zugelegt.

15 Dollar pro Stunde als Einstiegsgehalt

Warum macht man überhaupt so einen Job? Bei Speagle war es die Aussicht auf eine Karriere bei Facebook und die Idee, etwas Gutes tun zu können. Cognizant hatte ihn – so sagt er – über seine konkreten Aufgaben getäuscht. Ihm wurde gesagt, er würde die Facebook-Seiten von Unternehmen wie Disney analysieren. Dass dies nicht stimmt, stellte sich ziemlich schnell heraus. Bereits während seiner Ausbildung im Betrieb wurde klar, dass es in Wirklichkeit darum gehen würde, gewalttätige und sexuelle Inhalte zu moderieren. Er blieb trotzdem dabei – hauptsächlich, weil die Lage auf dem Arbeitsmarkt in der Region angespannt ist. Ausserdem zahlt Cognizant 15 Dollar pro Stunde als Einstiegsgehalt – bei einem Mindestlohn von 8 Dollar 46 in Florida eine anständige Bezahlung.

Auch ein anderer Interviewpartner gibt an, ihm wären eine gute Work-Life-Balance und Boni versprochen worden – nichts davon hätte sich je bewahrheitet. Während des Anstellungsprozesses sei Speagle auch nie nach seiner geistigen Gesundheit gefragt worden, merkt er an. Ob die Kandidaten mental fit genug sind, um diesen Job zu erledigen, ist offensichtlich zweitrangig.

Facebook selbst gelobt, wie immer, wenn derartige Zustände an die Öffentlichkeit gelangen, Besserung. Arun Chandra, der bei der Social-Media-Plattform zuständig ist für die Subunternehmen, kündigt an, sich die Arbeitsbedingungen vor Ort noch genauer anzuschauen – auch mit unangekündigten Besuchen. Bislang war es für Unternehmen wie Cognizant möglich, Journalisten und Kunden wie Facebook zu täuschen. Mitarbeitende des Dienstleisters berichten von gross angelegten Putzaktionen vor angekündigten Visiten.

«Man müsste Facebook dichtmachen.»Shawn Speagle, Facebook-Moderator

Grundsätzlich stellt sich aber wohl die Frage, weshalb Facebook diese Aufgaben überhaupt auslagert. Natürlich, weil es günstiger ist; zumindest solange, bis künstliche Intelligenz das Moderieren zuverlässig übernehmen kann. Wann dies der Fall sein wird, ist allerdings völlig unklar. Weltweit beschäftigt Facebook direkt oder über andere Unternehmen 30'000 Angestellte, die im Bereich der Onlinesicherheit arbeiten – rund die Hälfte davon moderieren Inhalte, grösstenteils in Betrieben wie Cognizant. Das börsennotierte Unternehmen aus New Jersey hat mit dem blauen Giganten aus Menlo Park einen zweijährigen Vertrag über 200 Million Dollar. Kritiker meinen, dass Verantwortungsbewusstsein anders aussieht.

Dementsprechend desillusioniert sind die drei Aussteiger, mit denen Newton gesprochen hat. Man suggeriere den Moderierenden, dass sie etwas verändern könnten; dass sie Menschen und Tieren helfen können, aber das stimme nicht. Shawn Speagle hat den Behörden mehrfach Fälle von Missbrauch gemeldet. Fast immer ohne Konsequenzen. Heute gesteht er ein: «Du hilfst Facebook nur, ihre Fehler zu vertuschen.» Die Bilder, die er während seiner Arbeit gesehen hat, verfolgen ihn immer noch. Er ist übrigens nicht von selbst gegangen, er wurde im Herbst 2018 entlassen.

Auf die Frage, was sich ändern müsste, stellt Speagle resigniert fest: «Man müsste Facebook dichtmachen.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt