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Wo geht die Sonne auf?

Der Drang ins Grüne nimmt ab, das Wissen über Natur ebenso. Sind allein die neuen Medien daran schuld?

Wider die Naturentfremdung: Mit dem Smartphone kann man nicht nur gamen und chatten und die neusten News checken, sondern auch ganz tolle Momente draussen in der Natur festhalten.
Wider die Naturentfremdung: Mit dem Smartphone kann man nicht nur gamen und chatten und die neusten News checken, sondern auch ganz tolle Momente draussen in der Natur festhalten.
Fotolia

Spätestens mit 40 weiss man, dass früher alles besser war: ­Kinder spielten auf der Strasse «Räuber und Gendarm», bauten Baumhäuser – aus Brettern und Planen, nicht aus Minecraft-Würfeln –, stauten Bäche auf und kamen abends dreckig und mit aufgeschlagenen Knien nach Hause. Heute verbringen Kinder einen grossen Teil ihrer Zeit in Innenräumen und kommen mit Natur kaum noch in Berührung. Das Bild mag überzeichnet sein, der Trend aber scheint eindeutig.

Seit zwanzig Jahren verfolgt der «Jugendreport Natur» in Deutschland das Verhältnis junger Menschen zur Natur. Für den siebten Report von 2016 wurden 1253 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen sechs und neun in Nordrhein-Westfalen befragt. «Die Ergebnisse zeigen deutlich: Die Distanz zur Natur wird immer grösser», sagt Rainer Brämer, Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Marburg und Initiator des «Jugendreports Natur».

Bananen am Waldrand

Verblüffend ist, dass auch grundlegendes Wissen verloren geht. So wussten nur 35 Prozent der Befragten, wo die Sonne aufgeht. Ein Fünftel kreuzte «Norden» an. 2010 hatten noch zwei Drittel der Teilnehmer die Frage richtig beantwortet. Eine andere Frage ­lautete: «Nenne drei essbare Früchte, die bei uns im Wald oder am Waldrand wachsen.» Nur 12 Prozent lösten die Aufgabe richtig. Am häufigsten wurden Brombeeren, Himbeeren, Blaubeeren genannt. Mit grossem Abstand folgten Nüsse, Bucheckern und Pilze. Unter den falschen Antworten dominierten zwar heimische Früchte wie Äpfel und Birnen, genannt wurden aber auch Bananen, Mangos und Ananas.

«Der ‹Jugendreport Natur› ist auch für uns eine wichtige Referenz, denn wir gehen davon aus, dass die Resultate in der Schweiz ganz ähnlich wären», sagt Rico Kessler von Pro Natura in Basel. Generell wird das Phänomen Naturentfremdung im deutschsprachigen Raum aber kaum wahr­genommen: «Weder Psychologie noch Soziologie oder Naturwissenschaften fühlen sich für die Erforschung der Rolle der Natur im Alltag verantwortlich», sagt Rainer Brämer. In Amerika und England hingegen gibt es ein wachsendes Bewusstsein für das Thema und bereits eine griffige Bezeichnung für das Phänomen: nature-deficit disorder.

Achtjährige, stellte eine Studie aus England fest, können zwar 78 Prozent aller Pokémon-Charaktere unterscheiden, aber nur 53 Prozent der gewöhnlichen britischen Tierarten. «Schon die Elterngeneration hat wichtige Verbindungen zu unserem arteigenen Biotop verloren und kann sie daher auch nicht mehr für ihren Nachwuchs knüpfen», so Brämer.

Naturbegriffe verschwinden

Die Entwicklung macht sich auch in unserer Kommunikations­kultur bemerkbar, denn Natur­begriffe verschwinden auch aus Songtexten, Romanen und Filmen, wie eine im März erschienene Studie feststellte. Sechstausend Liedtexte und ebenso viele Romane und Drehbücher hatten zwei Psychologinnen dafür durchsucht. Ihr Ergebnis: Seit den 1950er-Jahren gehen Vogel-, Baum-, und Blumennamen sowie Naturbegriffe wie Sonnenuntergang aus unserem Sprachgebrauch verloren.

Zum Teil ist das gar eine bewusste Entscheidung: Als 2015 die Jugendausgabe des «Oxford Dictionary» neu aufgelegt wurde, protestierten namhafte britische Autoren gegen die Wortauswahl: Naturbegriffe wie Kanarienvogel, Grasland und Brombeere (engl. blackberry) waren aus dem Jugendlexikon gestrichen worden dazu, Wörtern wie Blog, Voicemail und Blackberry (Smartphone- Marke) Platz zu machen. Für die beiden Studienautorinnen ein deutlicher Hinweis dafür, dass der Mensch den Kontakt zur Natur verliert. Die Ursache sei der technische Fortschritt, vor allem die Zu­nahme der Erholungs- und Un­terhaltungsmöglichkeiten zu Hause, also Fernsehen, Video- und Internetspiele.

Virtuelle Welt

Eine naheliegende Erklärung, wenn man sich den Medienkonsum Jugendlicher anschaut. Im «Jugendreport Natur» gab mehr als die Hälfte an, mindestens drei Stunden pro Tag vor Bildschirmen zu verbringen. Die Zahlen decken sich mit Erhebungen aus England, wonach Jugendliche bis zu siebzehn Stunden pro Woche fernsehen und zwanzig Stunden online verbringen. «Die Spiele bieten eine unendliche Fülle an Herausforderungen und Bewährungsmöglichkeiten in einem ähnlich wie früher in der Natur weitgehend unkontrollierten Raum. Die Natur hält mit der ­hohen Reizdichte dieser Spiele nicht mit und erscheint lang­weilig», so Rainer Brämer.

Neben den Verlockungen der virtuellen Welten existieren aber weitere Gründe für die zunehmende Entfremdung: Gemäss einer Studie der Vereinten Nationen leben 75 Prozent der Bevölkerung in den Industriestaaten in Städten, ein Trend, der sich weltweit verstärken wird. Und wer in der Stadt aufwächst, hat selten die Möglichkeit, Baumhütten zu bauen und Tiere zu beobachten.

Selbst der Naturschutz ist Teil des Problems: «Früher war es selbstverständlich, sich als Kind ein Einmachglas mit Kaulquappen zu holen und die Umwandlung zum Frosch zu beobachten», sagt Uwe Fritz, Direktor der Naturhistorischen Sammlungen Dresden Senckenberg, «das ist ein überaus eindrucksvolles Naturerlebnis. Heute macht man sich damit strafbar.»

Die Frage ist, kann man die Entfremdung hinnehmen, oder soll man ihr entgegenwirken? Schon länger beklagen Biologen und Naturschützer das abnehmende Interesse an der belebten Umwelt. Eine Umfrage im Auftrag der Deutschen Wildtier­stiftung von 2016 bestätigt den Eindruck: Auf die Frage «Wo ­sollte man sich auskennen?» ­rangieren Rechtschreibung (81 Prozent), Gesundheitsvorsorge (52 Prozent) und der Umgang mit Computern (46 Prozent) weit vor Kenntnissen der Natur (25 Prozent).

Engpässe im Naturschutz

Das Desinteresse hat mittler­weile konkrete Auswirkungen: «Im Naturschutz gibt es bereits Engpässe, weil das fachliche Know-how fehlt», sagt Uwe Fritz. So sterben nicht nur Insekten und Vögel aus, sondern auch ­diejenigen, die sie auseinanderhalten können. «Weil viele Menschen gar nicht wahrnehmen, wie schlecht der Zustand der Biodiversität in der Schweiz ist, sehen sie auch keinen Handlungsbedarf. Das wirkt sich direkt auf die Politik aus: Obwohl die Schweiz – auch im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern – einen grossen Handlungsbedarf im Sachen Naturschutz hätte, geschieht viel zu wenig», sagt Pro-Natura-Mann Rico Kessler.

Glücklich im Grünen

Neben den negativen Auswirkungen für die Natur existieren auch welche für den Menschen: Wer seine Freizeit ausschliesslich in virtuellen Räumen verbringt, gefährdet seine Gesundheit. Viele Studien belegen, dass der Aufenthalt im Grünen, fernab von Menschenmengen und Verkehrslärm, zum Wohlbefinden beiträgt: Blutdruck und Puls sinken, ebenso der Kortisolgehalt im Blut – man entspannt. Menschen, die in der Nähe von Grünflächen leben, sind zudem psychisch gesünder und glücklicher als solche, die von Gebäuden umgeben sind. In Japan etwa gehört das «Forest bathing», Spaziergänge im Wald, zu einem gesunden Lebensstil (wir berichteten).

Wie also den Trend umkehren? Neben einem lebensnahen Naturunterricht in Schulen plädiert der Natursoziologe Rainer Brämer auch für mehr Aufent­halte im Wald – für Kinder allerdings unbeaufsichtigt und mit Gleichaltrigen. Auch damit sie, wie ihre Eltern und Grosseltern vor ihnen, eines Tages angeben können, dass die Naturerlebnisse ihrer Kindheit zu ihren schönsten Erinnerungen zählen.

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