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Thuner Stadtwanderung Etappe 3«Dr Aare naa» in den wilden Westen

Sommerserie: Die dritte Etappe der Wanderung entlang der Thuner Stadtgrenze ging ins Lerchenfeld und weiter in den wilden Westen, der jedoch ziemlich ruhig war.

Waffenplatzkommandant Hans Jörg Diener: «Grenzen den trennenden Charakter nehmen.»
Waffenplatzkommandant Hans Jörg Diener: «Grenzen den trennenden Charakter nehmen.»
Foto: Godi Huber

Ein Aareschwumm im Flussbad Schwäbis am Start zur dritten Etappe der Thuner Grenzwanderung wäre prickelnd. Doch ich bin zu früh dran und tauche deshalb statt ins Wasser in die Geschichte der Nostalgie-Badi ein. Weil die Bürger das Schwimmen kaum beherrschten und oft im See oder Fluss ertranken, bauten initiative Thuner bereits 1869 das Aarebad.

Pikantes Detail: Bis 1939 regelte ein Stundenplan, wann die Männer und wann die Frauen separiert baden durften. Die besten Badezeiten, wenn wunderts, waren für die Herren der Schöpfung reserviert.

«Dere schöne grüene Aare naa»

Gleich unterhalb der Badi muss sich das Aarewasser durch die Turbinen der Aarewerke Thun zwängen. Mit der Kraft der Aare kann auf umweltfreundliche Art ein Fünftel des Thuner Strombedarfs gedeckt werden. Beim Restaurant Bellevue, im Volksmund Rossgagupintli genannt, geht es am linken Ufer die Aare entlang.

«Dere schöne, schöne, schöne grüene Aare naa», würde der stille Has Endo Anaconda in den Morgen hinausposaunen. Doch Endo hätte, wäre er dabei, eine kleine Depression. Seine schöne Aare, vom Oberaargletscher und dem Brienzer- und Thunersee herfliessend, ist hier bös eingezwängt. Erst weiter unten bekommt sie mehr Platz, darf in den Auen sprudeln und gurgeln.

Der Steffisburger Yves Meyer ist mit seiner Hündin Iva unterwegs. Er findet die Aare «super». Hier könne er herunterfahren und mental Ballast abwerfen. Dieser wird dann von der Aare mitgenommen und irgendeinmal in die Nordsee gespült. Ein Paradies ist der Aareweg auch für die wasserscheue Iva. Es gebe ganz viele Gerüche, so Meyer.

Destination Lerchenfeld

Beim Waggelistäg, einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt für Velofahrerinnen und Spaziergänger, sage ich der Aare Tschüss. Die Thuner Grenze hält nach links. Dort befindet sich das Lerchenfeld, ein Wohnquartier, das sich in den letzten Jahren entwickelt hat.

«Es ist ein gut organisiertes Dorf in der Stadt.»

Kommunikationsfachfrau Sharon Zwahlen

Sharon Zwahlen, die gerade die Blumen im hübsch hergerichteten Garten pflegt, gefällt es an diesem Ort ausnehmend: «Es ist ein gut organisiertes Dorf in der Stadt», sagt die Kommunikationsfachfrau. Alles Notwendige sei da: der Laden für den täglichen Bedarf, die Tagesschule, die Schule, der ÖV und der Autobahnanschluss. Hinzu komme der Mix der Bevölkerung, der ihr zusage, und natürlich die Nähe zu Wald und Wasser. «In zwei Minuten bin ich an der Aare.»

Heuen auf dem Waffenplatz

Beim Zollhaus, wo es feine Cordons bleus statt Grenzwächter gibt, schaffe ich die Überquerung der Autobahn und schreite in den wilden Westen von Thun. Wild, weil sich hier der Waffenplatz befindet, auf dem es auch ordentlich chlepfen und tätschen kann. Ich habe mit Hans Jörg Diener abgemacht, Oberst im Generalstab und Thuner Waffenplatzkommandant.

Die Grenze zwischen Thun und Thierachern verläuft quer über den Waffenplatz, und Diener wird mich auf diesem Teil der Grenzwanderung begleiten.

Ein Terrain von 6,5 Quadratkilometern

Diener ist mit seinem Team zuständig für ein Terrain, das mit 6,5 Quadratkilometern die Ausbreitung eines Dorfes hat, zwei Rekrutenschulen und zahlreiche weitere Nutzer und insgesamt rund 3000 Arbeitsplätze beherbergt. Es komme eher selten vor, dass er draussen im Gelände unterwegs sein könne, sagt Diener. Meistens arbeitet er im Büro, Präsenz an Besprechungen, Rapporten und Briefings ist gefragt. Seine Aufgabe als Waffenplatzkommandant sei nicht, Grenzen aufzubauen, so Diener.

Vielmehr wolle er Grenzen den trennenden Charakter nehmen, Brücken bauen innerhalb der Armee, zu zivilen Partnern und auch zur Bevölkerung.

Biologin Yvonne Künzi untersucht, was mit der Natur passiert, wenn der Regen ausbleibt.
Biologin Yvonne Künzi untersucht, was mit der Natur passiert, wenn der Regen ausbleibt.
Foto: Godi Huber
Sharon Zwahlen lebt gern im Lerchenfeld: «Ein gut organisiertes Dorf in der Stadt.»
Sharon Zwahlen lebt gern im Lerchenfeld: «Ein gut organisiertes Dorf in der Stadt.»
Foto: Godi Huber
Waffenplatzkommandant Hans Jörg Diener.
Waffenplatzkommandant Hans Jörg Diener.
Foto: Godi Huber
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Im Zielhang heuen die Bauern, Fahrschüler kurven mit Truppentransportern über die Panzerpiste, es ist ziemlich ruhig an diesem heissen Sommertag. Doch Sommerferien gebe es auf dem Waffenplatz nicht, sagt Hans Jörg Diener. Die Rekrutenschulen seien ab nächster Woche vermehrt im Gelände unterwegs. Einem Gelände, das holprig und schmutzig wirkt.

«Das Miteinander von Armee und Natur funktioniert.»

Waffenplatzkommandant Hans Jörg Diener

Doch wer genau hinsieht, entdeckt Trockenmauern, Schilfgürtel und zahlreiche seltene Tier- und Pflanzenarten. Wenn die kleinen Tierchen laichen, haben die tonnenschweren Panzer Fahrverbot. «Das Miteinander von Armee und Natur funktioniert», sagt der Waffenplatzkommandant stolz.

Derweil analysiert die Biologin Yvonne Künzi am Rand der Panzerpiste die Gräser. Ihre Arbeit ist Teil einer Nationalfonds-Studie, die Aufschluss geben soll, wie genau sich das Ausbleiben von Regen auf die Natur auswirkt. Die Versuchsanordnung bezeugt, dass die Natur Wasser braucht. Vielleicht gibt es heute Abend Regen!

Tipp: Insbesondere an den Wochenenden sind Teile des Thuner Waffenplatzgeländes für Freizeitaktivitäten öffentlich zugänglich. Die Benutzerordnung ist dabei zu beachten und einzuhalten.

Serie Rund um Thun: In fünf Etappen umrundet Autor Godi Huber die Gemeinde Thun entlang ihrer Grenze. Gestern Dienstag war er vom Schwäbis nach Allmendingen unterwegs. Heute Mittwoch marschiert er von Allmendingen nach Strättligen. Wir berichten täglich über die Etappen der Grenzwanderung.