Dürfen wir stören?

Fitzgerald & Rimini widmen sich in ihrem neuen Album «50 Hertz» aneckenden Heldinnenund schönen Störgeräuschen. Ein Meisterwerk innerhalb eines Genres, das es eigentlich gar nicht gibt.

Ariane von Graffenried und Robert Aeberhard suchen als Fitzgerald & Rimini das Störende. Foto: Raphael Moser

Ariane von Graffenried und Robert Aeberhard suchen als Fitzgerald & Rimini das Störende. Foto: Raphael Moser

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Medien gieren danach. Künstler aber scheuen sie: Schubladen. Definitionen. Auch Ariane von Graffenried alias Fitzgerald und Robert Aeberhard alias Rimini sagen: «Uns interessiert die Verknüpfung von Text und Ton. Was dann dabei herauskommt, welche Form oder welches Format, spielt keine Rolle. Mit der Frage nach einer Bezeichnung dürfen wir uns nicht aufhalten.»

Seit fünfzehn Jahren treten die Dichterin Ariane von Graffenried und der Klangkünstler Robert Aeberhard als Fitzgerald & Rimini auf und bewegen sich in dieser Zwischenwelt aus Musik und Text, einem Genre, das es eigentlich nicht gibt. Als Avantgarde-Spoken-Word-Duo wurden sie schon bezeichnet. Aber auch diese Definition greift nicht wirklich.

«Was wir seit drei Alben zu entwickeln versuchen, ist, Text und Musik so zu vermischen und zu verknüpfen, dass sich etwas Neues daraus ergibt, dabei die beiden Elemente aber eigen­ständig bleiben», sagt Robert Aeberhard. «Kino für die Ohren» nennt es Ariane von Graffenried. Diese Metapher mögen beide, weil sie das aussagt, was im Zuhörer passieren soll. Es sollen Bilder im Kopf entstehen, ein Film ablaufen, aber auch eigene Grenzen gesprengt werden.

Metapher für heutige Zeit

Grenzen sprengen. Darum geht es Fitzgerald & Rimini in ihrer Kunst. Auf dem ersten Werk «Aristokratie und Wahnsinn» erzählte das Duo noch etwas gar überladen verschrobene Alltagsgeschichten. Auf «Grand Tour» reisten sie durch Europa und brachten Sprachbilder und Geräusche des Kontinents mit. Jetzt haben sie mit «50 Hertz» nicht nur ein meisterhaftes Album geschaffen. Sondern auch eine kluge Metapher für die heutige Zeit gefunden.

50 Hertz entspricht der Frequenz des europäischen Stromnetzes. Fünfzigmal pro Sekunde wechselt die Amplitude vom Positiven ins Negative. Diese Schwingung ist der Taktgeber, oder wie es Ariane von Graffenried sagt: «der Herzschlag des Kontinents». 50 Hertz ist aber auch ein Störgeräusch. Das typische Brummen ist ein unerwünschter Nebeneffekt der elektrischen Spannung. Um Störungen geht es auf dem neuen Album.

Darauf werden nicht nur vermeintliche Störgeräusche wie eine quietschende Türe, das Pfeifen eines Computerbildschirms oder das 50-Hertz-Brummen aus ihrem üblichen Kontext geholt, sondern es wird auch Antiheldinnen eine Bühne geboten. In acht Langgedichten porträtiert Ariane von Graffenried Frauenfiguren, die sich in ihren jeweiligen Epochen an der Weltgeschichte gerieben haben und auf ihre Art in die Gegenwart hinein weiterwirken.

Sie erzählt etwa von Walentina Tereschkowa, der ersten Frau im Weltall, als Metapher für beschönigte Geschichtsschreibung oder von Auguste Wenzel, einer Berliner Märzgefallenen von 1848, über deren Rolle sich nur spekulieren lässt. Von Calamity Jane, einer trunksüchtigen und bärbeissigen Wildwestheldin, die über das heutige Trump-Amerika nachdenken lässt. Und die Erzählung über den Sexroboter Harmony schürft nach der Einsamkeit in einer technologisierten Welt.

All diese Geschichten sind in sprachgewaltige Balladen verpackt, in denen von Graffenried nonchalant vom Deutschen ins Englische, ins Berndeutsche, ins Russische und ins Französische wechselt. Die Sprachen gehen ineinander über. Da reimt sich auch mal «labia» auf «austauschbar». Beim Zuhörer entsteht dabei eine wilde Bilderflut, die die bekannte Welt aus den Angeln hebt und neu zusammensetzt.

Suche ist Programm

Getragen werden diese Geschichten von Robert Aeberhards virtuosen Klangcollagen. Er hat nicht nur Störgeräusche aller Art, sondern auch von Simon Rupp und Kevin Chesham live eingespielte Instrumentals neu zusammengesetzt. Es gibt gemächliche Electropop-Beats, Rockriffs, New-Wave-, Synthie-Pop- und Jazzelemente. Mal erinnern die Stücke an ein Hörspiel, mal klingen sie gar wie aus einem Musical, dann sind es wieder nahezu klassische Bluessongs. Und immer surren, rauschen oder brummen diese Geräusche mit, die tief in den Liedern vergraben liegen. Musik und Text ergänzen sich dabei wunderbar, ohne sich zu konkurrieren.

Hört man den beiden Künstlern zu, wie sie in ihrem Bandraum von ihrer Arbeit sprechen, wird bald klar, dass gerade diese Suche das eigentliche Programm von Fitzgerald & Rimini ist. Beide suchten in ihren Künsten immer schon die Vermischung, waren selber Stören­friede in ihren Genres.

Die Arbeit gestaltet sich dabei nicht immer gleich, wie sie erzählen. Manchmal gibt es zuerst den Text, dann zuerst die Musik. Ein Rahmen ist immer da. Oftmals bildet ein gemeinsames Erlebnis oder eine gemeinsame Reise die Basis

Danach braucht es aber einen intensiven Austausch über die Inhalte. Ein stetiges gegenseitiges Befragen. Ihre Kunst ist ein fortwährendes Ausloten und Überwinden von Grenzen, eine Selbstbefragung auch, eine Verortung, ein Tüfteln an Vermischungen und Verzahnungen, eine Suche nach, ja, vielleicht, nach neuen Definitionen.

Fitzgerald & Rimini: «50 Hertz» (Der gesunde Menschenversand) / Plattentaufe: Bee-Flat-Saison­auftakt: So, 13.10., 20.30 Uhr,Turnhalle Progr, Bern.

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