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Essstörungen bei MännernEd Sheeran hasste sich für sein Gewicht

Übers Aussehen definiert werden und mit Essstörungen kämpfen: Das gilt vor allem als Frauenproblem. Mit Ed Sheeran spricht nun überraschend ein Promi-Mann über seine Ess-Brech-Sucht.

Bis jetzt behielt er seine Essstörungen für sich: Superstar Ed Sheeran.
Bis jetzt behielt er seine Essstörungen für sich: Superstar Ed Sheeran.

Jetzt ist ja wieder Hochsaison für schadenfreudige Kommentare über Dellen an Schenkeln, Po und Oberarmen, Speckrollen am Bauch und Hüften oder schwabbelige Extrakilos. Jeden Sommer sind die Klatschspalten und sozialen Medien voll davon: Während bislang vor allem die prominenten Frauen vorgeführt wurden, müssen sich nun auch vermehrt Männer Bemerkungen zu ihrem Aussehen anhören.

Zuletzt Zac Efron. Der 32-jährige Schauspieler und frühere Teenie-Schwarm zeigt sich in der neuen Netflix-Dokumentation «Down to Earth with Zac Efron» immer wieder oben ohne auf seiner Mission für nachhaltige Lebensweisen. Allerdings ist da nicht mehr die 3-D-Sixpack-Bizeps-Kombi, die er 2017 in der «Baywatch»-Neuauflage präsentierte, sondern ein nicht mehr ganz so definierter Torso.

Prompt wurde Efrons Körper als «Dad Bod» verspottet, der Fans angeblich geradezu «schockierte». Mit diesem Ausdruck wird das Aussehen des typischen Vaters mittleren Alters beschrieben, der abends lieber eine Bierdose und die Grillzange in den Händen hält statt wie früher die Hantelsets aus dem Fitnessstudio.

Zwar bildete sich sofort ein Gegenlager, das Efrons Transformation zurück zu einem «normalen Körper» feierte. Aber wenn sich sogar einer wie er, der ganz offensichtlich sehr weit von einem durchschnittlichen «Vater-Körper» entfernt ist, fiese Kommentare über sein Aussehen anhören muss, dann haben wir die Gleichberechtigung in Sachen «Body Shaming» erreicht.

Ed Sheeran stopfte Fast Food in sich hinein

Frauen werden zwar immer noch deutlich stärker über ihr Aussehen definiert, aber es fühlen sich vermehrt auch Männer vom Schönheitsideal unter Druck, und das längst nicht nur jene im Dad-Bod-Alter. Von U-21 bis U-50 gilt: definierte Muskeln statt Hühnerbrust und Schwabbelbauch. Männer versuchen hauptsächlich mit exzessivem Training gegen ihre Körperunzufriedenheit anzukämpfen. Sie beschäftigen sich aber immer öfter auch mit Diäten, Ernährungsplänen und Nahrungsergänzungsmitteln – bis das ungesunde Essverhalten zum Problem wird.

Einer von ihnen ist Singer-Songwriter-Superstar Ed Sheeran. Der 29-Jährige erzählte in einem Interview, dass er sich bei seinen Lieblings-Maischips kaum bremsen könne oder dass er im Restaurant oft zwei Portionen bestellt habe. Er habe zugenommen und sich dafür gehasst. Er habe sich mit Fast Food vollgefressen und sich danach den Finger in den Hals gesteckt, um alles wieder zu erbrechen – und dann eine tiefe Traurigkeit gespürt. Den Begriff Essstörung nannte Ed Sheeran zwar nicht explizit. Aber unkontrolliert Nahrung in sich hineinstopfen und alles wieder erbrechen ist die Beschreibung von Bulimie, auch Ess-Brech-Sucht genannt.

Solche Aussagen überraschen. Nicht nur, weil sie von einem Superstar stammen, der solche Geständnisse nicht der Aufmerksamkeit willen offenbaren muss, sondern vor allem, weil Ed Sheeran ein Mann ist. Essstörungen werden in der Regel nur mit Frauen in Verbindung gebracht oder höchstens noch mit Spitzensportlern wie Skispringern, Springreitern oder Balletttänzern, bei denen das Gewicht eine entscheidende Rolle spielt.

Körperunzufriedenheit hat zugenommen

Bis heute sind Essstörungen bei Männern ein Tabu, obwohl auch schon andere Promis darüber gesprochen haben, etwa Elton John, der Comedian Russell Brand, der ehemalige One-Direction-Sänger Zayn Malik oder der britische «Top Gear»Moderator Andrew Flintoff. Dessen Kampf gegen die Bulimie soll demnächst in einer BBC-Dokumentation thematisiert werden.

«Die Körperunzufriedenheit bei Männern hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen», sagt Malte Claussen, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Neurologie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Dies gehe mit der Entwicklung eines unrealistischen Schönheitsideals einher – einem mageren und gleichzeitig muskulösen Körper. Das allein führe jedoch nicht direkt zu einer Essstörung. «Es müssen immer mehrere Faktoren berücksichtigt werden, biologische und genetische, psychische, sozio-kulturelle und weitere, wie geschlechtsspezifische Risikofaktoren.»

Eine von vier Personen mit einer Essstörung ist männlich.

Medical Research Council, britische Forschungsorganisation

Wie viele Männer genau an einer Bulimie oder Anorexie leiden, ist schwer zu sagen, da ausreichende Daten noch fehlen – unter anderem, weil ein gestörtes Essverhalten bei ihnen häufig nicht diagnostiziert wird. Dies liegt laut Malte Claussen daran, dass eine Essstörung oft nur mit einem niedrigen BMI assoziiert wird – bei Magersucht zum Beispiel mit einem BMI von 17,5 oder weniger. Da Männer aber nicht nur nach einem mageren Körperbau, sondern gleichzeitig nach Muskeln streben, ist ihr BMI in der Regel höher. «Das führt dazu, dass Essstörungen häufig nicht als solche erkannt werden, weil zum Beispiel eine anorektische Essstörung bei einem BMI von 20 oder mehr gar nicht erst erwogen wird», sagt Claussen.

Männer erkranken später als Frauen

Die britische Forschungsorganisation Medical Research Council geht davon aus, dass eine von vier Personen mit einer Essstörung männlich ist; innerhalb von zehn Jahren hätten sich die Zahlen mehr als verdoppelt. Sie macht auch Unterschiede beim Alter aus: Während Frauen zwischen 16 und 18 Jahren erstmals erkranken, entwickeln Männer erst nach dem Teenie-Alter eine Essstörung – in der Regel zwischen 18 bis 26 Jahren.

In der Schweiz rechnet man damit, dass 3,5 Prozent der Bevölkerung im Verlauf des Lebens von einer Essstörung betroffen sind. Schätzungsweise 0,2 Prozent der Männer erkranken an Magersucht und 0,9 Prozent an Bulimie. Der 29-jährige Ed Sheeran ist mit seinem krankhaften Essverhalten gar nicht so aussergewöhnlich. Dass einer wie er öffentlich darüber spricht, ist umso wertvoller für die Sensibilisierung – obwohl oder vielleicht gerade weil er nicht wie der klassische Typ aussieht, der sich um Schönheitsideale schert.