Zum Hauptinhalt springen

Umstrittener WissenschaftlerEin Infektiologe, der den Franzosen Wunder verspricht

Viren sind eines der Spezialgebiete von Didier Raoult. In der Corona-Krise lag er schon mehrfach falsch. Die extreme Rechte feiert ihn dennoch.

Er nennt sich mal den «Abtrünnigen», mal den «Gelehrten aus Marseille»: Ein Mann trägt das Porträt von Didier Raoult.
Er nennt sich mal den «Abtrünnigen», mal den «Gelehrten aus Marseille»: Ein Mann trägt das Porträt von Didier Raoult.
Foto: Christophe Petit Tesson (EPA)

In regelmässigen Abständen schaltet Didier Raoult auf Angriff. In dieser Woche nahm er Paris ins Visier beziehungsweise die wichtigsten medizinischen Institutionen Frankreichs. Denn wer hier die Hauptstadt kritisiert, meint immer auch den Zentralstaat und den Kreis der Mächtigsten des Landes. Für einen an Covid-19 erkrankten Patienten sei die Wahrscheinlichkeit zu sterben in Paris fünfmal höher als in Marseille, sagte Raoult. Das werfe «sehr ernste Fragen auf, wie mit der Epidemie in diesem Teil Frankreichs» umgegangen werde.

Raoult ist Infektiologe und Professor für Mikrobiologie, er wurde 2010 mit einem von Frankreichs wichtigsten Wissenschaftspreisen ausgezeichnet, dem «Grand Prix de l’Inserm». Viren sind eines seiner Spezialgebiete. Sein anderes Spezialgebiet ist die steile These.

Die Menschen stehen Schlange

Wenn Raoult (68) die niedrige Sterblichkeit in Marseille hervorhebt, ohne auf die Tatsache einzugehen, dass Paris deutlich dichter besiedelt ist als die Metropole am Mittelmeer, dann geschieht das nicht ohne Grund. Marseille ist Raoults medizinisches Königreich. Hier hat er 2011 mit mehr als 70 Millionen Euro staatlicher Förderung sein Institut gegründet, das auf Infektionskrankheiten spezialisierte IHU Méditerranée Infection.

Auf dem Trottoir vor der Klinik stehen die Menschen in diesen Wochen Schlange. Jeder werde hier auf Covid-19 getestet und therapiert, sagt Raoult. In seiner Klinik forschen sie nicht an einem Impfstoff, sie verschreiben die gleichzeitige Einnahme des bekannten Malariamittels Hydroxychloroquin und des Antibiotikums Azithromycin. In Zeiten der Angst und Unsicherheit gibt Raoult den Optimisten. Er nennt sich mal den «Abtrünnigen», mal den «Gelehrten aus Marseille» oder stellt fest: «Ich bin kein Outsider, ich bin den anderen voraus.»

Mangelhafte Methode

Diese Selbsteinschätzung hat sich als gewagt erwiesen. Im Januar sagte Raoult, am Coronavirus würden in Frankreich nicht mehr als 10’000 Menschen sterben. Inzwischen liegt die Zahl der Toten bei mehr als 28’000. Im April meinte er dann, das Virus werde von allein wieder verschwinden, wenn der Frühling beginne. In Frankreich werden aktuell täglich 500 Neuinfektionen gemeldet.

Als Raoult Mitte März verkündete, er könne Covid-19 heilen, hatte er eine Studie mit 24 leicht erkrankten Patienten durchgeführt, ohne Kontrollgruppe und nicht randomisiert. Mediziner und Virologen kritisieren nicht nur seine mangelhafte Methode, sondern auch, dass er über die Nebenwirkungen des von ihm gefeierten Medikaments schweige (unter anderem kann das Herz angegriffen werden). Raoult nennt seine Kritiker «Kinder», die ihn «amüsieren».

Dass Hydroxychloroquin nun dennoch der Ruf des Wundermittels vorauseilt, liegt weniger an seiner (nicht geklärten) Wirksamkeit als an der Faszination mächtiger Männer für das Medikament. Seit ein paar Tagen nimmt US-Präsident Donald Trump den Wirkstoff ein, präventiv. Raoults Mini-Studie war in die Hände eines Fox-News-Moderators geraten. Der Präsident und sein Lieblingssender überbieten sich seit zwei Monaten in Lobgesängen auf Hydroxychloroquin. Raoult verspricht, was Trump in jeder Situation am liebsten ist: eine einfache Lösung.

Trump und Bolsonaro sind begeistert

Nicht nur Trump begeistert sich für Raoults Therapie, auch Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro ist Fan, in Frankreich feiert ihn die extreme Rechte. Raoult inszeniert sich in den Medien so, wie auch sie es am liebsten tun: als Querdenker, der dem Volk die Wahrheit sage, die «die Elite» verschweige. Im Magazin «Paris Match» wirft Raoult der Wissenschaft «homogenes» Denken vor. Er selbst sei Philosoph und «flüchte vor politisch korrektem Denken».

Auch äusserlich setzt Raoult aufs Rebellenimage: langes ungekämmtes Haar, ein Totenkopfring am Finger. Dieser sei jedoch «kein Rockerring», so Raoult, sondern die Erinnerung daran, dass eben jeder irgendwann sterben müsse.