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Ewige SportmomenteElf Stunden Tennis – doch ans Ende kann er sich nicht erinnern

Nicolas Mahut und John Isner duellieren sich in Wimbledon 2010 drei Tage lang bis zur völligen Erschöpfung. Und zeigen, wie sehr Menschen ihre Grenzen hinausschieben können, wenn sie etwas unbedingt wollen.

«Das Ende der Welt.» 63-Mal schlug Nicolas Mahut gegen den Matchverlust auf, dann passiert es.
«Das Ende der Welt.» 63-Mal schlug Nicolas Mahut gegen den Matchverlust auf, dann passiert es.
Foto: Getty Images

Stuhl-Schiedsrichter Mohamed Lahyani hat aufregende Neuigkeiten erhalten. Doch leider fehlt ihm die Zeit, um sich länger mit seiner Frau Mariam zu unterhalten. Diese hat ihn aus Marokko angerufen und ihm freudig mitgeteilt: «Es ist ein Junge!» Doch Lahyani, in Wimbledon im Einsatz, muss gerade los, um die Fortsetzung eines Erstrundenspiels zu leiten. Nur ein Satz ist noch zu spielen. «In einer Stunde ist es vorüber, dann können wir richtig reden», sagt er zu seiner Frau und macht sich auf zu Court 18.

Um 14.08 Uhr nehmen John Isner und Qualifikant Nicolas Mahut ihre Partie wieder auf, die am Abend zuvor bei 2:2-Sätzen wegen Dunkelheit unterbrochen wurde. Gut sieben Stunden später, beim Stand von 59:59 im fünften Satz, wird sie erneut vertagt. Und Lahyani kann endlich seine Frau anrufen. Sie hat die Geschehnisse in Wimbledon nicht verfolgt und sich gewundert, was los ist. Er habe in jener Nacht kein Auge zugetan, sagt Lahyani rückblickend im Interview mit der ATP zum zehnjährigen Jubiläum jenes Rekordspiels. Es war nicht die Nachricht seiner Frau, die ihn so aufwühlte.

Isner hat kurz vor dem zweiten Spielabbruch seinen vierten Matchball verpasst. Genauer: Mahut hat ihn kühlen Blutes mit einem Ass durch die Mitte abgewehrt. Den ersten Matchball hat der Amerikaner bei 10:9 gehabt, zwei weitere bei 33:32, nun noch einen bei 59:58. Als die Partie um 21.09 Uhr erneut vertagt wird, will das Isner nicht wahrhaben. Er kann sich zwar kaum mehr auf den Beinen halten, doch er will einfach ein Verdikt, nicht nochmals darüber schlafen.

Zurück in der Garderobe, trifft er auf seinen Landsmann Andy Roddick, der sich rührend um ihn kümmert. Isner ist kaum ansprechbar, doch Roddick schiesst es durch den Kopf: Wenn der 114-Kilo-Hüne etwas braucht, um tags darauf seine Maschine wieder anzuwerfen, ist es Essen! Und zwar reichlich. Beim Italiener «San Lorenzo» um die Ecke bestellt er mehrere Portionen Pouletbrust-Parmigiana, Pizza und Pasta. Kohlenhydrate laden! Auf gesunde Ernährung kann Isner später wieder achten. Apropos Essen: Die Zehen Isners hätten ausgesehen wie Hackfleisch, erinnert sich Roddick. Und überall war Blut von aufgeplatzten Blasen.

Ein Rekord, der nie mehr gebrochen wird: Eine Plakette erinnert bei Court 18 ans über elfstündige Duell.
Ein Rekord, der nie mehr gebrochen wird: Eine Plakette erinnert bei Court 18 ans über elfstündige Duell.
Foto: Getty Images

So bitter es für Isner ist, die Matchbälle zu vergeben, noch schwieriger ist die Aufgabe Mahuts, immer und immer wieder gegen die Niederlage aufzuschlagen, weil sein Gegner jeweils vorlegt. Er sei stundenlang wie im Delirium gewesen, sagt er später. Als er an jenem Mittwochabend den Court verlässt, wird er wie aus einem Traum gerissen. Auf dem Weg in die Kabine werden er und Isner von der BBC gestoppt für ein kurzes Interview, Seite an Seite. Mahut ist völlig perplex, hat keine Ahnung, was er sagen soll. Er will nur noch weg und durchatmen.

Steak, Eisbäder, Zauberwürfel

An Schlaf ist für ihn noch lange nicht zu denken. Weil seine Lieblings-Pizzeria schon geschlossen ist, sucht er mit seinem Team ein Hotelrestaurant an der Gloucester Road auf. Er zwingt sich, einige Bissen Steak herunterzuwürgen, mehr geht nicht. Später nimmt er zwei Eisbäder, dann geht sein Physio schlafen und Coach Boris Vallejo leistet Mahut bis 1.30 Uhr morgens Gesellschaft. Er versucht, ihn abzulenken, indem er ihm zeigt, wie man den Zauberwürfel löst. Nur nicht an Tennis denken!

Isner und Mahut haben zuvor nie länger miteinander geredet, doch dieses epische Duell löst bei ihnen ein Gefühl der Verbundenheit aus. Sie spüren, dass sie daran sind, gemeinsam etwas Grosses zu schaffen. «Hast du gut geschlafen?», fragt Isner den Franzosen, als sie am Donnerstagnachmittag wieder auf den Platz schreiten. «Sicher nicht mehr als du», gibt Mahut augenzwinkernd zurück.

Um 15.43 Uhr geht es weiter. Bis 68:68 passiert nicht viel, dann kommt Mahut zu einem 0:30 bei Aufschlag Isner. Doch der rettet sich wie so oft mit seinem Service. Im folgenden Game zieht bei Mahut Gefahr auf. 15:30, 30:30, 30:40, Matchball. «Ich habe keine Angst. Ich werde nicht verlieren. Es ist nicht möglich», umschreibt Mahut im wunderschönen Buch des «L’Equipe»-Reporters Philippe Bouin über jenes Rekordspiel («Le match de ma vie») seine Gedanken. Er hat, nachdem er 63-mal in Serie erfolgreich gegen den Matchverlust aufgeschlagen hat, ein Gefühl der Unverwundbarkeit entwickelt.

«Es ist das Ende der Welt. Ich habe verloren. Das ist unglaublich schwierig zu akzeptieren.»

Nicolas Mahut

Sein erster Aufschlag ist im Feld, er rückt ans Netz vor, doch der Return Isners ist exzellent, tief in seine Füsse. Mahut spielt einen Halbvolley ins Eck, steht etwas verloren am Netzund wird von Isner mit der Rückhand longline passiert. Game, Set and Match Isner! Der Amerikaner legt sich auf den Rücken und streckt die Füsse in die Höhe zum Jubel, Mahut lässt das Racket fallen und wartet am Netz auf den Handshake. «Es ist das Ende der Welt», wird er im Buch zitiert. «Ich habe verloren. Das ist unglaublich schwierig zu akzeptieren. Ich hatte mir nie vorgestellt, dass ich verlieren könnte.»

Das Beweisbild: John Isner und Nicolas Mahut posieren nach ihrem Klassiker vor dem Scoreboard.
Das Beweisbild: John Isner und Nicolas Mahut posieren nach ihrem Klassiker vor dem Scoreboard.
Foto: Keystone

Isner und Mahut stellen mit ihrem 6:4, 3:6, 6:7, 7:6, 70:68, das sich über drei Tage erstreckt, gleich zwölf Rekorde auf. Unter anderem: längste Partie (11 Stunden, 5 Minuten), längster Satz (8 Stunden, 11 Minuten), meiste Games (183) und meiste Asse (216, davon 113 von Isner). Erschöpft und bitter enttäuscht kann sich Mahut in der Garderobe nicht mehr auf den Beinen halten. Sein Team hilft ihm in die Behinderten-Dusche, wo er eine halbe Ewigkeit sitzen bleibt und Wasser über seinen Kopf und Körper fliessen lässt. Ans letzte Game und die Szenen danach erinnert er sich nicht mehr, was ihn etwas beunruhigt.

Die Auswirkungen auf Federer

Später kehrt er tatsächlich nochmals auf Court 18 zurück, um den ersten Satz seiner Doppelpartie mit Arnaud Clément zu spielen. Hoch oben über ihm thront Isner, der auf der Terrasse des Broadcast-Centers Interviews gibt. Völlig entkräftet scheidet der Amerikaner tags darauf gegen den Holländer Thiemo de Bakker in 74 Minuten aus, ohne ein Ass zu schlagen. 2018 erlebt Isner in Wimbledon einen weiteren Marathonmatch, verliert er im Halbfinal gegen Kevin Anderson mit 24:26 im fünften Satz. Das führt mit dazu, dass im All England Club ab 2019 ein Tiebreak bei 12:12 im fünften Satz eingeführt wird. Die Premiere wird Roger Federer im Final gegen Novak Djokovic verlieren.

Isner und Mahut bleiben durch ihr episches Duell auf Lebzeiten miteinander verbunden, obschon sie sich als Menschen fremd sind. Wer von ihnen gewann, ist längst in den Hintergrund gerückt. Das ungleiche Paar steht heute dafür, wie sehr Menschen ihre Grenzen hinausschieben können, wenn sie etwas unbedingt wollen.