Engagement ist peinlich – wieso?

Die Antwort auf eine Frage zu beschämenden Aktivitäten.

Es ist, als kämpften zwei Seelen in einer Brust: Menschen demonstrieren am schweizweiten Klimastreik am 6. April 2019.

Es ist, als kämpften zwei Seelen in einer Brust: Menschen demonstrieren am schweizweiten Klimastreik am 6. April 2019.

(Bild: Keystone Ennio Leanza)

Peter Schneider@PSPresseschau

Ich bin ein Anhänger der wachstumskritischen Bewegung. Doch habe ich in letzter Zeit merkwürdige Gefühle bei meinen Aktivitäten. So war ich an einer Klima­demo und war stolz auf die Jugend, die so politisiert wird. Als die Jugendlichen mit den Sprechgesängen anfingen («Wem sis Klima, euses Klima»), habe ich mich allerdings geschämt. Das ist doch lächerlich, so rumzutanzen und rumzuschreien. Anderes Beispiel: Ich war in einem Repair-Café – Reparieren statt wegwerfen. Aber als da die Menschen an irgendwelchem Krempel rumwerkelten, empfand ich irgendwie nur noch Mitleid und Scham für sie. Ich verstehe nicht, woher diese Scham kommt.
A.G.

Lieber Herr G.

Ich glaube, dass diese Scham aus dem Abstand resultiert zwischen eher abstrakten Positionen, die man unterstützt, und deren konkreten Ausdrucksformen, die man für unbeholfen, peinlich, pathetisch, altbacken hält. Man empört sich, dass Produkten eine vorzeitige Alterung konzeptionell eingebaut wird, und möchte dennoch nicht in einer Gesellschaft leben, in welcher das Herumschrauben an alten Kaffeemaschinen zum «guten Leben» gehört. Weil man sich eben eine Industrie wünscht, die Kaffeemaschinen produziert, die man weder nach zwei Jahren zum Elektroschrott werfen noch in einer Reparatur-Selbsthilfegruppe heile basteln muss.

Auch mir geht es so, dass ich bei jeder skandierten Demo-Parole als Erstes denken muss: «Wer schreit, hat unrecht»; selbst wenn da Leute demonstrieren, die meine Sympathie haben. Es ist, als kämpften zwei Seelen in einer Brust. Die eine hält es mit Heinrich Heine, die andere mit Ludwig Börne. Beide eint der Kampf für bessere, gerechtere Verhältnisse. Aber Börne hasst Heines dandyhaften Ästhetizismus und Heine Börnes radikalen Aktivismus.

Heine schreibt: «Gelänge es (den Radikalen) auch, die leidende Menschheit auf eine kurze Zeit von ihren wildesten Qualen zu befreien, so geschähe es doch nur auf Kosten der letzten Spuren von Schönheit, die dem Patienten bis jetzt geblieben sind; und in der hässlichen Spitaltracht wird er sich all sein Lebtag herumschleppen müssen. Alle überlieferte Heiterkeit, alle Süsse, aller Blumenduft, alle Poesie wird aus dem Leben herausgepumpt werden, und es wird davon nichts übrigbleiben als die Rumfordsche Suppe der Nützlichkeit.»

Diese radikale Anti-Radikalität ist natürlich ebenfalls Blödsinn. Was man jedoch spürt und teilt, ist Heines Angst vor der Herrschaft einer Vernunft, die kein Verständnis für solche ästhetischen Ambivalenzen hat. Man teilt diese Angst – und schämt sich dafür.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

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