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Turnierdirektor spricht Klartext«Djokovic ist an der Grenze zum Guru»

Der Serbe wird nach dem Covid-19-Debakel seiner Adria-Tour hart kritisiert. Doch zumindest rechtliche Konsequenzen muss er wohl nicht fürchten.


Seriensieger mit Sendungsbewusstsein: Novak Djokovic, Weltnummer 1 und aktuell Covid-19-Patient.

Seriensieger mit Sendungsbewusstsein: Novak Djokovic, Weltnummer 1 und aktuell Covid-19-Patient.
Foto: Mark Harrison/Camera Press

Eines kann man Novak Djokovic nicht vorwerfen: Er habe es versäumt, das Tennis während der Corona-Pause in den Schlagzeilen zu halten. Er outete sich als Impfgegner. Erörterte in seinen Instagram-Livechats mit «Meistern» anderer Sparten Fragen zur Lebensführung (#SelfMasteryProject). Kritisierte das US Open für zu rigide Sicherheitsmassnahmen. Lockte mit seiner Adria-Tour Topspieler zurück auf den Court und sorgte so in Kroatien für eine Ansteckungswelle mit Covid-19.

Nun ist er, zusammen mit seiner Frau Jelena, positiv getestet und in Quarantäne, und die anderen reden über ihn. Interessant ist etwa das Bild vom Serben, das Jean-François Caujolle, der Turnierdirektor von Marseille, gegenüber der «L’Equipe» zeichnet. Ihn erinnere das Ganze an die biblische Geschichte des Turmbaus zu Babel, als die Menschen versucht hätten, sich auf die Höhe von Gott zu begeben. «Man hatte den Eindruck, Djokovic wollte sich über bestimmte Naturgesetze stellen.» So lange seine streitbaren Ansichten nur ihn beträfen, sei das okay. Aber wenn er andere in Gefahr bringe wie nun mit der Adria-Tour, werde es problematisch.

Caujolle erzählte, wie Djokovic vor eineinhalb Jahren die ATP dazu habe bringen wollen, von allen Turnieren zu verlangen, dass sie einen Bus für Kältetherapie zur Verfügung stellen. «Er hat eine mystische Seite, die gefährlich sein kann. Für mich ist er an der Grenze zum Guru. Er übt auf andere eine Form von mentalem Druck aus. Er kann schädlich sein.»

Was sagen Federer und Nadal?

Er würde sich, so Caujolle, nun wünschen, dass die anderen Topspieler Stellung beziehen, ob Djokovic noch tragbar sei im Spielerrat als Stimme der Spieler: «Ich würde gerne von Tsonga, Monfils, Federer und Nadal hören. Ich würde sie jetzt gerne sagen hören: Zu viel ist zu viel.» Kritisch geäussert haben sich von den aktiven Spielern nebst Nick Kyrgios primär solche ausserhalb der Top 100 wie Noah Rubin oder Sachia Vickery, die wohl nichts zu verlieren haben.

Um das Sendungsbewusstsein von Djokovic zu verstehen, hilft ein Gespräch, das der Journalist Sebastian Fest von der spanischen Tageszeitung «El Mundo» einst mit ihm führte. Und das er nun aus aktuellem Anlass via Twitter nochmals in Auszügen veröffentlichte. Da sagte Djokovic: Als er als Jugendlicher begonnen habe, internationale Tennisturniere zu spielen, seien ihm viele sehr distanziert und skeptisch begegnet, weil er aus Serbien stammt. «Das Gefühl war sehr hässlich. Im Laufe der Zeit haben meine Erfolge es den Menschen ermöglicht, meine wahre Persönlichkeit zu sehen. Und dass das serbische Volk gut ist, gut sein kann.»

Djokovic kämpft seit jeher nicht nur um Siege, sondern auch um Anerkennung. Und dass so viele Topspieler seinem Ruf folgten, als er zum Adria-Cup lud, war Balsam für seine Seele. Im Überschwang der Gefühle wollte er seinen Gästen wohl eine möglichst gute Party bietenund verlor dabei das Wichtigste, die immer noch latente Bedrohung durch Covid-19, aus den Augen.

Der Vater beschuldigt Dimitrov

Umso schmerzlicher dürfte für ihn, den stolzen Gastgeber, das Desaster sein, in das seine Tour gemündet hat. Die Argumentationslinie von Vater Srdjan ist nun, dass Grigor Dimitrov, der erste der vier positiv getesteten Spieler, der Verursacher der Infektionen sei. So sagte er gegenüber der serbischen Boulevardzeitung «Kurir»: «Dimitrov hat unserer Familie grossen Schaden zugefügt. Der Mann ist wahrscheinlich mit einer Infektion angereist und hat sich hier nicht testen lassen.»

Immer mehr Infizierte werden bekannt, inzwischen auch der NBA-Profi Nikola Jokic von den Denver Nuggets, der sich ebenfalls mit Djokovic getroffen hatte. Stellt sich die Frage, ob die zahlreichen Ansteckungen aufgrund der Adria-Tour auch rechtliche Konsequenzen haben könnten für den Serben. «Es besteht eine erhebliche Wahrscheinlichkeit, dass er als Mitveranstalter seine Sorgfaltspflichten verletzt hat», sagt Marco Del Fabro, ein Experte für Sportrecht. «Trotzdem dürfte es sehr schwierig sein, ihn zivil- oder strafrechtlich zur Rechenschaft zu ziehen.»

«Bei den Spielern stellt sich auch die Frage nach dem Selbstverschulden.»

Marco Del Fabro, Experte für Sportrecht

Djokovic und Co. hatten in Belgrad und Zadar regen Kontakt mit der Öffentlichkeit. Doch ein Zuschauer müsste nachweisen können, wo er sich angesteckt hat, um rechtlich vorgehen zu können. Was de facto unmöglich ist. «Bei Spielern oder Coaches, die sich tagelang nur in diesem Umfeld bewegten, könnte es einfacher sein, die Verursachung der Infektion nachzuweisen», so Del Fabro. «Aber da stellt sich auch die Frage nach dem Selbstverschulden. Wer in der Disco oben ohne tanzt oder andere umarmt, kann nicht Djokovic dafür verantwortlich machen.»

Sicher werde am US Open viel besser darauf geachtet werden, dass das Sicherheitskonzept eingehalten werde. Zumal die Summen der Schadensersatzklagen in den USA ungleich höher seien als in Europa. «Deshalb sagte man da wohl auch von Anfang an: Wir gehen kein Risiko ein und verzichten komplett auf Zuschauer.» Was Djokovic diesmal wohl sogar recht sein dürfte. Denn seine Popularität ist, obschon er sportlich auf dem Höhepunkt seines Schaffens ist, so tief wie noch nie.