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Schweizer UmweltschützerEr segelt gegen die Verschmutzung der Ozeane

Der Extremsegler Yvan Bourgnon will helfen, die Weltmeere vom Plastik zu befreien – mit einer schwimmenden Recyclingfabrik.

Der Schweizer Segelsportler Yvan Bourgnon will die Weltmeere von Plastik befreien.
Der Schweizer Segelsportler Yvan Bourgnon will die Weltmeere von Plastik befreien.
Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Es fällt nicht leicht, sich Yvan Bourgnon als schüchternes Kind vorzustellen, wenn er da vor der Laptopkamera sitzt – weisses Hemd, weisse Haare, dichter Vollbart – und von seinen Abenteuern erzählt. Der Extremsegler hat als erster Mensch ohne Kajüte, ohne GPS und ohne jeglichen Schutz die Welt umsegelt, hält zudem zahlreiche Geschwindigkeitsrekorde. Und nun sagt er: «Ich bin ein Ozeankind. Das Meer hat mir alles gegeben, meine Kraft, meine Stärke, meinen Mut. Es ist an der Zeit, etwas zurückzugeben.»

Zurückgeben, das heisst für den heute 49-Jährigen: von Plastik befreien. Er war acht Jahre alt, als sein Vater seine Bäckerei verkaufte und die Familie aufbrach, um die Welt zu umsegeln. Vier Jahre sollte die Reise dauern. «Der Ozean war so rein», erinnert sich der Schweizer zurück. «Ich habe im Rhythmus des Meeres gelebt, im Rhythmus der Natur.» 35 Jahre später brach er erneut auf. Er war mittlerweile ein anderer – doch auch das Meer war ein anderes geworden.

Inmitten der Plastikstrudel

Natürlich ist die Verschmutzung der Ozeane längst kein Geheimnis mehr. Wissenschaftler gehen davon aus, dass jedes Jahr bis zu zwölf Millionen Tonnen Plastikmüll ins Meer gelangen, das ist eine LKW-Ladung pro Minute. Sie befürchten, dass 2050 mehr Plastik in den Ozeanen schwimmen könnte als Fische. Regelmässig gehen Bilder von verendenden Tieren und verschmutzten Ökosystemen um die Welt.

Yvan Bourgnon kennt all das aus der Nähe. Auf seiner Weltumsegelung lebte er quasi inmitten der Plastikstrudel. «Vor Sri Lanka, Indonesien und den Malediven hatte ich wochenlang Schwierigkeiten, überhaupt voranzukommen», erzählt er. Ständig habe er seinen Katamaran von Müll befreien müssen, nachts ständig Plastik gegen den Rumpf klacken gehört. «Es war schon toll, was ich beim Segeln erlebt habe, aber auch ein bisschen egoistisch. Und es hat mir nicht mehr gereicht. Ich konnte den Ozean nicht weiter sich selbst überlassen», so Bourgnon.

Kaum wieder an Land, gründete er 2016 die Umweltschutzorganisation Sea Cleaners. Ihr grosses Projekt ist der «Manta»: ein 56 Meter langes und 26 Meter breites Segelschiff von der Anmutung eines Rochens, der nahezu emissionsfrei über das Wasser gleiten und Plastikmüll herausfischen soll.

«Es ist doch paradox, ein Boot zu konstruieren, das das Meer reinigt, aber die Luft verdreckt.»

Yvan Bourgnon

Nun ist Bourgnon nicht der Einzige, der von einem Schiff aus die Vermüllung der Meere bekämpfen will. Doch kein Konzept geht so weit wie seins. Denn der Manta soll den Müll nicht nur sammeln, sondern direkt an Bord daraus Energie gewinnen, die wiederum das Schiff antreiben soll. Das Konzept: Über Förderbänder zwischen den Rümpfen und Schleppnetze gelangt der Müll an Deck. Dort wird er sortiert, zerkleinert und in einem Pyrolyse genannten Prozess erst zu Gas und dann zu Strom umgewandelt. Was nicht verwertet werden kann, wird alle paar Wochen an Land gebracht und dort recycelt.

Im Gegensatz zu bisherigen Müllsammelschiffen fährt der Manta nicht mit Diesel, sondern segelt oder wird von Wind, Sonne und eben dem aus Plastik gewonnenen Strom angetrieben. «Es ist doch paradox, ein Boot zu konstruieren, das das Meer reinigt, aber die Luft verdreckt», sagt Bourgnon. Im kommenden Jahr soll der Bau des Prototypen beginnen, 2024 soll er erstmals in See stechen. Von den 35 Millionen Euro, die das Projekt kostet, ist bislang ein Drittel finanziert. Den Rest sollen Sponsoren beisteuern, auch ein Crowdfunding ist geplant.

Mehr als tausend Schiffe

Gleichzeitig weiss Bourgnon: Mit einem Manta ist es nicht getan. Pro Jahr kann der Katamaran 5000 bis 10’000 Tonen Plastik einsammeln – bei einem jährlichen Eintrag von bis zu zwölf Millionen Tonnen verschwindend wenig. Es bräuchte mehr als tausend dieser Schiffe, um des Problems Herr zu werden. Dennoch wehrt er sich gegen den Vorwurf, sein Projekt sei vor allem ein symbolisches: «Es ist erst ein Anfang, aber es kann den Unterschied machen.»

Ganz aufgeben will Bourgnon jedoch auch seine Leidenschaft für das Sportsegeln nicht. Schon bald will er wieder aufbrechen und noch einmal die Welt umrunden – dieses Mal gegen den Wind.

12 Kommentare
    Margot Helmers

    Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig untersuchte woher das Plastik überhaupt kommt und über welchen Weg es ins Meer gelangt. Es stellte sich heraus, dass 90 % des Plastikmülls in den Weltmeeren aus zehn grossen Flüssen in Asien und Afrika stammt: Amur, Gelber Fluss, Hai He, Jangtse, Perlenfluss, Indus, Ganges, Mekong, Nil, Niger.

    Sollte vordergründig nicht zuerst den Zufluss des Plastikmülls unterbunden werden?