Er stellte sein Land auf den Kopf

In einer Zeit, in der viele Konflikte eskalieren, hat Äthiopiens Premier Abiy Ahmed die Feindschaft zweier Staaten beendet. Trotzdem ist der Frieden brüchig.

Abiy Ahmed: Der Nobelpreis ist auch eine Ermunterung, den Reformweg fortzusetzen. Foto: Visum

Abiy Ahmed: Der Nobelpreis ist auch eine Ermunterung, den Reformweg fortzusetzen. Foto: Visum

Als Feind war man sich so lange vertraut, als Freund weiss man noch wenig übereinander. Es ist ein Nachmittag im Juli 2018 in der Millennium Hall in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Zehntausende Menschen haben sich versammelt und rufen «Friede, Friede, Friede». Oben auf der Empore sitzen die Ehrengäste an gedeckten Tischen. Köche machen sich daran, zwei ganze Rinder in handliche Stücke zu zerteilen, was in Äthiopien als Delikatesse gilt. Weil man nun aber nicht weiss, ob der Feind von gestern und Freund von heute das Fleisch überhaupt roh mag, schieben zwei Kellner einen kleinen Grill an jenen Tisch, an dem Isayas Afewerki sitzt, der Präsident Eritreas.

Er ist nach Äthiopien gekommen, um den Frieden zu feiern, den er gerade mit dem äthiopischen Regierungschef Abiy Ahmed geschlossen hat. Die Gesichter der beiden werden auf eine grosse Leinwand in der Halle übertragen. Das von Isayas sieht lange so aus, als handle es sich um ein Standbild, seine Züge bewegen sich kaum. Der plötzliche Friede kam so überraschend, dass er wie ein Schock auf den alternden Diktator gewirkt haben muss. Neben ihm sitzt ein jugendlich lachender Abiy.

Eine neue Generation

Zwei Jahrzehnte lang hatte der Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea gedauert. Es erschien so, als werde er für immer bleiben. Bis im April 2018 in Äthiopien plötzlich eine neue Generation an die Macht kam; der neue Ministerpräsident Abiy stellte das Land auf den Kopf. Es liess die politischen Gefangenen frei, hob die Pressezensur auf, kündigte Wahlen an und offerierte dem Nachbarn die Aussöhnung.

Am Freitag hat Abiy dafür den Friedensnobelpreis bekommen, Isayas nicht. Eine eher ungewöhnliche Entscheidung, weil das Komitee in vergleichbaren Fällen Vertreter beider Seiten ehrte. Nur fragte es sich wohl, was es an Isayas denn zu ehren gebe?

Der 73-Jährige regiert das kleine Eritrea seit mehr als einem Vierteljahrhundert, Wahlen hat es seitdem nicht gegeben. Der Krieg gegen den Nachbarn diente den Herrschern viele Jahre lang als Begründung dafür, die Bevölkerung zwangsweise zum Nationalen Dienst zu rekrutieren, der offiziell 18 Monate dauert, für nicht wenige aber ein Leben lang. Man werde den Dienst überdenken, hiess es im Juli 2018. Es blieb alles beim Alten. Im Frühling wurden die Grenzen zu Äthiopien wieder geschlossen. Tausende Menschen haben zuvor das Land verlassen. Diejenigen die fliehen, sagen: Die alten Betonköpfe in Eritrea werden sich niemals ändern.

Abiy liess besonders korrupte Mitglieder seiner Partei verhaften.

Dasselbe hatten viele auch vom Regime in Äthiopien vermutet. Dort regiert seit 1991 die Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker, die aber weder besonders revolutionär noch demokratisch war. Unter den vielen Millionen jungen und gut gebildeten Äthiopiern wuchs in den letzten Jahren die Unzufriedenheit über eine Führung, die vor allem aus dem Volk der Tigray bestand, das im Vielvölkerstaat Äthiopien aber nur eine kleine Minderheit von sechs Prozent ausmacht. Das Regime stand vor der Wahl, den Protest weiter gewaltsam zu unterdrücken oder sich zu öffnen. Die Wahl fiel auf Abiy Ahmed. Er schien beides zugleich zu sein, ein Signal, dass sich etwas ändern werde – aber nicht zu viel.

Abiy ist der erste Oromo an der Spitze des Staats und damit aus der grössten Bevölkerungsgruppe. Gleichzeitig galt er bei seiner Ernennung als ein Mann des Systems, der gegen Eritrea gekämpft und dann einen Geheimdienst mitgegründet hatte. Das klang nicht nach Revolution. Aber es kam anders.

Opfer der Euphorie

Oppositionelle wurden zur Mitarbeit in der Regierung eingeladen, Menschenrechtsaktivistinnen zu Richterinnen ernannt. Abiy versprach eine bessere Zukunft, kündigte an, dass Land für Investitionen zu öffnen, die staatlichen Betriebe zumindest teilweise zu privatisieren. Er liess besonders korrupte Mitglieder seiner Partei verhaften.

Wenig später wurde ein Attentat auf ihn verübt. Hunderttausende Äthiopier zeigten Solidarität mit ihrem Premier, es war der Höhepunkt seiner Popularität. Diese ist mittlerweile etwas abgeflaut, was auch an einer gewissen Selbstverliebtheit liegt, die vielen auf die Nerven geht.

Letztlich ist Abiy aber vor allem Opfer der Euphorie geworden, die er ausgelöst hatte. Noch nicht einmal zwei Jahre ist er im Amt, zu wenig, um all die Probleme anzugehen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten aufgetürmt haben. Für viele Äthiopier hat sich die persönliche Lage unter der neuen Führung verschlechtert, trotz aller Reformen oder gerade deretwegen.

Die politische Öffnung und Zulassung vieler Parteien hat auch dazu geführt, dass viele Regionen und Völker nach Unabhängigkeit streben, ihren eigenen Staat gründen wollen. Viele Rebellen haben ihre Waffen niedergelegt, andere tun sich schwer damit, Konflikte plötzlich friedlich auszutragen. Mehr als drei Millionen Äthiopier sind vor ethnischen Konflikten auf der Flucht. Die Regierung von Abiy reagiert auf die Gewalt oft mit Mitteln, die eigentlich der Vergangenheit angehören sollten.

Eine Sprecherin des Nobelpreiskomitees sagte: «Rom wurde auch nicht an einem Tag gebaut, und auch Frieden und Sicherheit werden nicht in kurzer Zeit erreicht werden können.» Der Preis sei auch eine Ermunterung, den eingeschlagenen Reformweg fortzusetzen.

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