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Präsidentschaftswahl im AndenlandEr will den Wandel Boliviens ohne Hass fortführen

Der linke Kandidat Luis Arce hat gemäss ersten Prognosen die Präsidentenwahl in Bolivien für sich entschieden. Er muss nun beweisen, dass seine Regierung nicht nur einfach eine Marionette von Evo Morales ist.

Dem neuem Präsidenten steht eine schwere Aufgabe bevor: Luis Arce jubelt zusammen mit Anhängern in La Paz.
Dem neuem Präsidenten steht eine schwere Aufgabe bevor: Luis Arce jubelt zusammen mit Anhängern in La Paz.
Foto: Juan Karita (Keystone)

Es war schon weit nach Mitternacht, als sich in Bolivien endlich die Spannung zu lösen begann. Es gebe zwar noch keine offiziellen Ergebnisse der Präsidentschaftswahl, schrieb Boliviens konservative Übergangspräsidentin Jeanine Áñez auf Twitter. Die verfügbaren Daten würden aber auf einen Gewinner hindeuten: Luis Arce Catacora, Kandidat des Movimiento al Socialismo, kurz MAS, der Bewegung zum Sozialismus des früheren Präsidenten Evo Morales. Sie gratuliere den Gewinnern, schrieb Áñez, und sollte es dabei bleiben, wären diese Worte der überraschend friedliche Schlusspunkt eines der explosivsten Wahlprozesse, die es in Bolivien wohl seit Jahren gegeben hat.

Blutige Strassenschlachten

Schon wochenlang war es im Vorfeld der Abstimmung immer wieder zu teils blutigen Zusammenstössen gekommen. Viele Menschen in dem Land im Herzen Südamerikas hatten sich mit Lebensmitteln und Treibstoff eingedeckt, um so vorzusorgen, falls Unruhen ausbrechen und Ausgangssperren verhängt würden.

Tatsächlich ist nur knapp ein Jahr vergangen, seit eine ähnliche Wahl das Land ins Chaos gestürzt hat. Damals, im Oktober 2019, hatten erste Hochrechnungen ebenfalls einen Sieg für die MAS-Partei und ihren Kandidaten vorausgesagt, den damaligen Präsidenten Evo Morales. Doch dann kam es zu Unregelmässigkeiten bei der Bekanntgabe der Ergebnisse, Betrugsvorwürfe wurden laut. Es brachen Proteste aus, die sich schnell in blutige Strassenschlachten verwandelten, und als dann auch noch das Militär und die Polizei meuterten, musste Evo Morales aus dem Land fliehen. Eine höchst umstrittene Übergangsregierung übernahm die Macht.

Gemäss Verfassung sollte sie innerhalb von 90 Tagen Neuwahlen organisieren. Übergangspräsidentin Jeanine Áñez schien zunächst aber zu grossen Gefallen an der Macht gefunden zu haben, dann kam auch noch das Coronavirus, das Bolivien schwer traf.

Luis Arce ist ausgebildeter Ökonom, unter der Präsidentschaft von Evo Morales war er lange Wirtschaftsminister.

Noch immer ist der Erreger in dem Land nicht unter Kontrolle, dennoch wurden die Bolivianer nun an die Urnen gerufen. Lange Schlangen bildeten sich vor den Wahllokalen, weil die Menschen Sicherheitsabstand halten mussten. Gleichzeitig patrouillierte ein massives Polizei- und Militäraufgebot in den Strassen. Bis die Wahllokale geschlossen hatten, verlief die Abstimmung weitgehend ruhig, von da an aber wurde die Situation immer angespannter, auch weil es zunächst keine Ergebnisse ergab.

Während die Menschen auf ein Resultat warteten, berichteten lokale Medien von ersten Auseinandersetzungen auf den Strassen. Im Netz wurde darüber spekuliert, ob Ergebnisse vor der Bevölkerung geheim gehalten werden sollten. Doch dann, um kurz nach Mitternacht, veröffentlichte das Fernsehen endlich eine erste private Hochrechnung.

Fast 53 Prozent der Stimmen entfielen dabei auf den MAS-Kandidaten Luis Arce, nur rund 32 auf Carlos Mesa, den stärksten Gegenkandidaten. Kurz darauf bestätigte eine weitere, ebenfalls inoffizielle Hochrechnung dieses Ergebnis, und schliesslich wandte sich auch noch Übergangspräsidentin Áñez an Arce und gratulierte zum Sieg.

Boliviens neuem Präsidenten steht eine schwere Aufgabe bevor. Luis Arce ist ausgebildeter Ökonom, unter der Präsidentschaft von Evo Morales war er lange Wirtschaftsminister. Das Andenland erlebte in dieser Zeit einen erstaunlichen Wirtschaftsaufschwung, befeuert durch Einnahmen aus den zuvor verstaatlichten Rohstoffvorkommen, gleichzeitig aber auch durch den Konsum von einer dank Sozialprogrammen neu entstandenen Mittelschicht.

Lebt in Argentinien im Exil: Evo Morales.
Lebt in Argentinien im Exil: Evo Morales.
Foto: Juan Karita (Keystone)

Spätestens die Corona-Pandemie aber hat viele Bolivianer wieder in die Armut zurückfallen lassen. Sie hoffen nun darauf, dass Arce das Land zurückführt auf Erfolgskurs. Leicht wird das nicht, die Einnahmen aus dem Rohstoffverkauf sinken. Darüber hinaus muss Arce nicht nur die Lücken im Haushalt schliessen, sondern auch in der Gesellschaft. Vor allem im reichen Tiefland ist der Hass auf Morales und die MAS-Partei gross. Zu sehr hatte sich die Partei in Korruptionsaffären verstrickt. Zu gross war der Personenkult um Ex-Präsident Evo Morales geworden.

Arce muss nun seinen Kritikern beweisen, dass seine Regierung nicht nur einfach eine Marionette des Ex-Präsidenten ist, der im Nachbarland Argentinien im Exil lebt.

9 Kommentare
    Esther Gisler Fischer

    Weshalb sollte Lucho Arce eine Marinette von Evo Morales sein? Als dessen Wirtschaftsminister hat er bewiesen, dass er eigenständige und erfolgreiche Massnahmen durchsetzen konnte. Dass er weiterhin der Parteilinie des MAS (Movimiento al Socialismo-Bewegung zum Sozialismus) folgt ist nur recht und gerecht angesichts der nach wie vor grossen Ungleichheit zwischen der indigenen Bevölkerungsmehrheit und der weissen Oligarchie.