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Psychiatrische Dienste Thun«Es ist eine höchst menschliche Art, auf Krisen zu reagieren»

Kerstin Gentsch und Franziska Wenger, die Co-Chefärztinnen der Psychiatrischen Dienste Thun, erklären im Interview, was passiert, wenn die Psyche an ihre Grenzen kommt.

Zwei Frauen an der Spitze: Kerstin Gentsch (links) und Franziska Wenger, die Co-Leiterinnen der Psychiatrischen Dienste Thun, vor dem Haus D hinter dem Thuner Spital, wo sich der Hauptstandort befindet.
Zwei Frauen an der Spitze: Kerstin Gentsch (links) und Franziska Wenger, die Co-Leiterinnen der Psychiatrischen Dienste Thun, vor dem Haus D hinter dem Thuner Spital, wo sich der Hauptstandort befindet.
Foto: Patric Spahni

Ist es oft so wie im Fall von Martin F., dass Patienten gar nicht an eine Depression denken, bevor sie zu Ihnen kommen?

Kerstin Gentsch: Ja, das ist sehr typisch. Die meisten Patienten entwickeln oft körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Unwohlsein und gehen deshalb erst zum Hausarzt, weil sie nicht an eine psychiatrische Krankheit denken. Wenn der Hausarzt sie dann an uns verweist, sind sie erst mal sehr überrascht.

Was passiert denn bei einem Menschen, der psychisch an seine Grenzen kommt?

Gentsch: Das Gehirn steuert alle Organe. Wenn es ausfällt, funktioniert man plötzlich nicht mehr «normal» und ist nicht mehr so handlungsfähig wie gewohnt. Oft merkt ein Betroffener das selber gar nicht, seine Umwelt nimmt das meist viel früher wahr.

Und wie reagieren die Menschen denn? Was sind die Erkennungsmerkmale einer Depression?

Wenger: Patienten erleben alles als sehr belastend. Sie haben Schlafstörungen, erwachen in der Nacht oder am Morgen früh und sind in einem Gedankenkarussell gefangen, von dem sie den Absprung nicht mehr finden. Morgens kommen sie fast nicht aus dem Bett. Sie empfinden oft eine Leere, die zur Verzweiflung oder gar zu Selbstmordgedanken führen kann.

Weshalb?

Gentsch: Viele Menschen haben die Vorstellung, dass man sich zusammenreissen muss, dass es dann schon wieder von selber besser wird.

Und wie läuft es denn ab, wenn ein Patient wie Martin F. zu Ihnen kommt?

Gentsch: Das Wichtigste ist, Vertrauen aufzubauen. Der Patient merkt, dass wir Zeit haben, ihm zuhören und seine Beschwerden ernst nehmen, dass er eine schwere Krankheit hat, aber dass wir diese behandeln können. Äusserst wichtig ist auch, dass der Patient jederzeit das Gefühl hat, dass er selber entscheiden kann, wie die Therapie abläuft. In der Psychotherapie schauen wir dann unter anderem die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen an und analysieren, wie er funktioniert. Warum er oder sie beispielsweise seine Grenzen nicht erkannt hat. Das Überschreiten der Grenzen ist eben nicht immer zum Guten.

Was für Grenzen meinen Sie?

Gentsch: Im Leistungssport zum Beispiel wird es häufig als positiv gewertet, Grenzen zu überschreiten. Aber im Alltag, gerade auch im Beruf, sollte man lernen, sich von gewissen Situationen abzugrenzen und auch mal Stopp zu sagen. Oft ist es so, dass wir von unseren Eltern Rollenmodelle mitbekommen haben, die sehr leistungsorientiert sind, sprich: Wir sind nur gut, wenn wir Leistung erbringen. Eine solche Therapie, in der der Patient bestimmte Verhaltensmuster erkennen sollte, dauert deshalb ihre Zeit, weil sie einen langen Lernprozess beinhaltet. Das Ziel ist schliesslich, gewisse Verhaltensmuster, die nicht förderlich sind, zu ändern. Das ist schwierig.