«Es wäre unverständlich, wenn die Karten abgeschafft würden»

Die ÖV-Branche denkt darüber nach, die Gemeinde-Tageskarten abzuschaffen. Städte und Dörfer wollen diese unbedingt behalten

Kein Auslaufmodell: Die Tageskarte Gemeinde ist äusserst beliebt.

Kein Auslaufmodell: Die Tageskarte Gemeinde ist äusserst beliebt.

(Bild: Keystone Christian Beutler)

Von Naters bis Winterthur, von Flüelen bis Langnau: Landauf, landab verkaufen Gemeinden Tageskarten für den öffentlichen Verkehr zu einem vergünstigten Tarif. Insgesamt sind 4600 solcher Karten pro Tag im Umlauf, also 1,679 Millionen pro Jahr. Das Angebot, das einst als Werbung für den ÖV ins Leben gerufen wurde, steht nun aber auf dem Prüfstand. Dies zeigt ein internes Dokument der Branche, welches der «Beobachter» veröffentlicht hat. Bei den Gemeinden kommt diese Idee gar nicht gut an.

Die Stadt Emmen im Luzernischen zählt rund 30'000 Einwohner. Und die fahren offenbar gerne mit dem Zug durch die Schweiz. Seit Jahren sind die Tageskarten ein echter Renner. In Emmen hätte man deshalb gar keine Freude, wenn das Angebot gekappt würde, sagt Luzia Burri, Leiterin der Einwohnerkontrolle. «Die Tickets sind beliebt. Man sollte lieber die Finger davon lassen», sagt Burri.

Eine Umfrage bei rund 30 Dörfern und Städten in der ganzen Deutschschweiz zeigt: Die Tickets sind nicht nur in Emmen äusserst beliebt, die Auslastung liegt meist jenseits von 90 Prozent. Die angefragten Dörfer und Städte sehen die Tageskarten als Dienstleistung an den Einwohnern. Auch wenn sich damit – wenn überhaupt – nur wenig Geld verdienen lässt.

In Kontakt kommen

Flüelen UR etwa bietet zwei Tageskarten an. Für Flüelen zählt vor allem auch ein Gedanke: Das Angebot wirke sich positiv auf das Verhältnis zwischen Gemeinde und Einwohnerschaft aus, sagt Rico Vanoli, Gemeindeschreiber von Flüelen.

«Der persönliche Kontakt mit der Bevölkerung, welcher durch das digitale Zeitalter immer mehr verloren geht, wird gefördert, da die Tageskarten grundsätzlich am Schalter der Gemeindekanzlei abzuholen sind», sagt Vanoli. Diesen Kontakt schätzen auch andere angefragte Städte und Dörfer. Da nimmt man offenbar auch gerne den Mehraufwand in Kauf, um die Tageskarten zu verkaufen.

Ein Grund für den Verkauf, den viele Gemeindeverantwortlichen nennen, ist: Man unterstütze damit den öffentlichen Verkehr. Gerade Tagesausflügler profitieren von den Vergünstigungen, reisen dafür aber mit dem öffentlichen Verkehr statt dem Auto.

Wils Stadtpräsidentin Susanne Hartmann sagt dazu: «Es wäre sehr schade und für uns unverständlich, wenn die Karten abgeschafft würden. Die Förderung des öffentlichen Verkehrs ist für uns ein grosses Anliegen. Die Tageskarten tragen ihren Teil dazu bei.»

Schon einmal erfolgreich gewehrt

Übergeordnet haben der Schweizerische Gemeinde- und der Schweizerische Städteverband auf das Ansinnen der ÖV-Branche reagiert. Sie wollen in einer Umfrage wissen, wie beliebt das Angebot ist, was allenfalls daran verändert werden kann.

Schon einmal haben sich die Gemeinden erfolgreich gegen eine Änderung bei den Tickets gewehrt. Die ÖV-Branche wollte, dass sie zeitlich erst ab 9 Uhr gültig seien. Doch der Gemeindeverband intervenierte, und die Sache wurde fallen gelassen.

Noch ist denn auch nicht klar, ob die Tageskarten wirklich abgeschafft werden. Das Ziel der Branche ist es laut dem internen Dokument, dass das Tageskarten-Sortiment vereinfacht werden soll.

In einem ersten Schritt soll die Spartageskarte verstärkt zur Konkurrenz der Gemeinde-Tageskarte werden, heisst es. Die Branche will danach prüfen, wie sich die Kunden verhalten – ob sie trotz Spartageskarten noch immer auf die Tageskarten der Gemeinden setzen. Erst dann soll abschliessend über die Abschaffung per Ende 2022 entschieden werden.

Sparbillette als Konkurrenz

Konkurrenz durch andere Angebote spüren gewisse Gemeinden bereits heute. So hatte etwa die Stadt Chur früher konstant hohe Auslastungszahlen von über 95 Prozent, sagt Heinz Gallus, Leiter der Einwohnerdienste. Im 2018 ging die Zahl jedoch leicht zurück auf 92 Prozent. Der Grund laut Gallus: die vermehrten Sparbillette der SBB.

Einen Rückgang in der Beliebtheit merkt auch die Stadt St. Gallen. Sie hat ihr Kartenkontingent bereits verkleinert. Es sei denn auch nicht die Kernaufgabe einer Stadtverwaltung, solche Billette zu verkaufen, sagt Stephan Wenger, Leiter Bevölkerungsdienste der Ostschweizer Stadt. Man würde darum nicht für das Angebot kämpfen, falls es abgeschafft würde.

Der Preis stieg seit der Einführung der Billette vor über 15 Jahren konstant an. Momentan vergeben die Gemeinden ihre Karten für etwas über 40 Franken. Und es gibt auch Dörfer wie Gampelen im Bernbiet, die wegen der Tickets ein Defizit hinnehmen müssen.

Sollte das Ticket abgeschafft werden, wäre dies für diejenigen, welche sich die teure Einzelfahrt nicht leisten können, sicher schade, heisst es von der Gemeindeverwaltung. Doch wegen des Zeitaufwands und der damit verbundenen Kosten sei es für Gampelen an und für sich eine Entlastung, wenn sie nicht mehr angeboten würde.

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